Auf dem Jakobsweg Pilgern für Radler

Der Rio Minho bildet eine natürliche Grenze zwischen Portugal und Spanien. Eine von Gustave Eiffel geplante Eisenbahnbrücke verbindet beide Länder – bekannt als internationale Brücke. Portugal habe ich gestern etwas wehmütig verlassen, da ich fast immer freundlich behandelt wurde. Angefangen vom Fahrradhändler in Porto, dann aufmunterndes Lächeln an heftigen Steigungen bis hin zum besorgten Umdrehen von Spaziergängern, ob alles in Ordnung sei. Es war oft auch friedlich auf den Straßen. Die Leute hupen wenig.


Insofern kann ich nicht nachvollziehen, warum der dpa-Autor im SPIEGEL – dpa-Artikel Caminho portugues – all dies überhaupt nicht einbezieht, teilweise Dinge falsch benennt. In den sieben Jahren seit Erscheinen des Artikels kann sich nicht viel verändert haben. Denn trotz der Schönheit mancher Etappen gibt es auch Schattenseiten. Das Verkehrsaufkommen ist zum Teil hoch. Die Pilger laufen oft an der Straße entlang, daher viel auf Asphalt, was anstrengend ist. Von der Nähe der Autobahn und des riesigen Industriegebietes zwischen O Porriño und Tui spricht er gar nicht. Manche Steigungen sind auch enorm.


Der dpa-Autor lobt den Caminho portugues aber so überschwänglich, dass man befürchten muss, dass er ein Pressedossier gekürzt widergibt. Das nennt man „kalt schreiben“, was die Gefahr beinhaltet, falsche Erwartungen zu erwecken. Wir brauchen Reporter vor Ort! Er ist schön, denn ab dem Rio Miño laufen die Pilger auf eine an Norwegen erinnernde Fjordlandschaft zu.

Auf dem Jakobsweg Pilgern für Radler

Valença – auch hier bestätigt sich die Regel: Beim zweiten Besuch sieht vieles anders aus. Es lohnt sich immer, nach einem Tag Abstand wiederzukommen, vorherige Eindrücke über Gespräche mit Menschen oder über Fotos zu vertiefen.

So zieht die Festungssstadt am Rio Minho spanische Touristen magnetisch an, Angebote zwischen 5 und 30 Euro abzuklappern. Deutsche verirren sich selten her. Es sind vor allem Pilger vom Jakobsweg, die es von Porto heraufgeschafft haben. Die erste Hälfte auf dem Wanderwege liegt hinter ihnen. Ein Hit für Kinder sind kleine Maschinenpistolen; der Konsumkrieg zwischen den teils schön gekachelten Häusern möge beginnen.

Anderen ergeht es so wie mir am ersten Tag: die gewaltigen Festungsmauern erkunden, die dem Schutz vor den Kastiliern dienten, Speisekarten studieren, mit den manchmal skrupellosen Autofahrern in den engen Gassen kämpfen, Kirchen und Kapellen aufsuchen, um danach wieder zur Ruhe zu kommen.

Beim zweiten Besuch nimmt man versteckte Dinge wahr wie die Skulpturen Robert Schades, dem ich bereits in Cerveira begegnete – er ist der Picasso Portugals.

Dann höre ich auch schon einzelne Gespräche in den Gassen heraus wie das zwischen einer Modeladenbesitzerin und ihrer Arbeitskraft. Er fühlt sich offenbar ausgebeutet. Aggression liegt in der Luft. Aber ich weiß schon, dass sich das Geschehen auf den Straßen ab 19 Uhr erheblich beruhigt. Eine schöne Aussicht!

Auf dem Jakobsweg Pilgern für Radler

Spanien entwickelt sich rasant zu einem Radsportland. Heute fuhr ich über die Grenze von Nordportugal nach Galizien – von Valença nach Tui. Beim Aufpumpen meiner Reifen und Reinigen meines Schaltwerks mit Wasser fand ich auf Augenhöhe einen sehr guten Text, der sowohl Rad- als auch Autofahrern Verkehrsregeln erklärte.

Respekt auf der Straße geht alle an

Achte auf 1,5 Meter Abstand beim Vorbeifahren und fahre defensiv.

Betrachte eine Gruppe von Radfahrern als eine einzige mobile Einheit.

Überhole kein anderes Fahrzeug, wenn Dir Radfahrer entgegenkommen.

Benutze ein reflektierendes Vorderlicht und trage nachts eine reflektierende Weste.

Respektiere die Verkehrsregeln genauso wie alle anderen Verkehrsteilnehmer.

Wenn Du nebeneinander fahren willst, dann fahrt höchstens zu zweit.

Sollte man das nicht auch an deutschen Tankstellen und an öffentlichen Gebäuden und Parkplätzen aufhängen?

Auf dem Jakobsweg Pilgern für Radler

So ganz abgewichen wie gedacht, bin ich vorgestern doch nicht. Ich geriet auf die Küstenstrecke des Caminho de Santiago. Heute habe ich Cerveiro verlassen und bin einem wunderbaren Flussradweg nach Valença an der Grenze gefolgt. Er war flach, schattig, bot einen tollen Blick auf die Berge und auf den Rio Minho. Länge: etwa 18 Kilometer. Auch viele Möwen siedeln hier.

Auf dem Jakobsweg Pilgern für Radler

Gibt es die Biennale nur in Venedig? Nein. Auch in der portugiesischen Kleinstadt Cerveira am schönen Río Minho gibt es eine.

Zwar zählt die zwischen Porto und Vigo liegende „vila“ nur wenige tausend Einwohner. Aber dafür gibt es ein Museum, eine Art Galerie in der winzigen Altstadt und ein sehr großes Kulturforum mit Ausstellungssälen. Um hinzukommen, musste ich etliche Hügel mit dem Rad überwinden.

Den Jakobsweg habe ich dafür kurz verlassen, kann dafür aber morgen auf dem hoffentlich angenehmen Flussradweg am Rio Minho nach Valença strampeln.

Oft stehen hinter Kulturangeboten ältere Herrschaften; doch hier trifft man erfreulich viele junge Frauen und Männer aus Portugal und aus Spanien. Es kann also durchaus was wachsen! Dahinter steht natürlich eine Stiftung.

Das Festival gibt es schon seit vielen Jahren, sichtbar an in der Stadt und am Fluss verteilten Skulpturen. Künstler aus acht Nationen nehmen daran teil.

Unter diesen befindet sich auch eine des Künstlers Robert Schad aus Ravensburg, der unfassbar viele Eisenskulpturen über weite Teile des Landes verteilt hat – fast schon der Picasso Deutschlands.

Der Katalog wurde mir gestern gezeigt. Schad nimmt in diesem Jahr auch an der Biennale teil.

Mich erinnern seine rostigen Werke an Eduardo Chillidas „Toleranz durch Dialog“ und Richard Serras Verneigung vor dem genialen barocken Baumeister Johann Conrad Schlaun und der großen Dichterin Annette von Droste- Hülshoff. Diese Skulpturen stehen dauerausgestellt sowohl im Innenhof des Rathauses zu Münster als auch auf der Allee des Rüschhauses vor den Toren Münsters, der Stadt der Skulpturen.

Besonders beeindruckt der Spaziergang durch die alte Festung. Die Räume werden geschickt zur Präsentation genutzt.

Mehr über die Werke vieler renommierter Künstler erfahren Sie in meinem gerade erschienenen Buch: “Münster Stadt der Skulpturen” Ich habe mehrere Routen zwischen 5 und 13 Kilometern ausgearbeitet, die Sie über einen Barcode auf dem Smartphone erfassen können. Zu Fuß oder per Rad warten einige Überraschungen auf Sie, die weit über das bis Anfang Oktober laufende Skulptur-Projekt hinausgehen.

Diese Skulptur mit den Händen erinnert mich ebenfalls an die „100 Arme der Guan-yin“ auf dem Marienplatz in Münster, wenn auch diese hier kleiner ausfällt. Aber man kann schließlich auch nicht immer erwarten, etwas zu finden, das einen durch seine Innovation geradezu überwältigt.

Auf dem Jakobsweg Pilgern für Radler

So sieht der Caminho de Santiago öfter aus. Mit Gepäck muß ich dann oft schieben. Ich kenne aber immerhin vier Freunde in Bonn und in Münster, die auch nicht aufgäben. Die Strecke heute ist deutlich die anstrengendste, obwohl ich die letzten fünf Kilometer parallel zum Wanderweg auf der Landstraße geradelt bin. Darunter waren auch neun Prozent Steigung. Der Pilgerweg selbst ist ab Bandeira nur für Mountainbikefahrer ohne Gepäck zu bewältigen. Das Rad muss streckenweise auf den Schultern getragen werden, munkelt man.

Das Erklimmen des Berggipfels gegen Ende des Trips war heftig. Jetzt ruhe ich im Bergdorf Rubiães, das abends deutlich kühler ist als Ponte de Lima im Tal. Die Wirtin wollte mich gleich dazu nötigen, mit einem Shuttle zu einem nahen Restaurant zu fahren. Es tut mir sehr leid, dass ihr nun 10 % Provision entgehen.

Der Blick vom Balkon ist ganz okay. Oder?

Auf dem Jakobsweg Pilgern für Radler

Drei Tage halte ich mich schon am Fluß des Vergessens auf. Ob ich wirklich alles vergesse, stelle ich wahrscheinlich erst hinter der Ortsgrenze fest. Die Pilgerin Alexandra hat mich jedenfalls nicht vergessen, denn sie schreibt mir immer noch, obwohl sie die Kleinstadt schon seit drei Tagen verlassen hat. So schlimm ist es also nicht.

Ich halte die Erzählung auch für eine List der Feinde der Römer, um die Legionen am Vormarsch über den Fluss Lima zu hindern. Am Ufer stehen ein paar bewaffnete junge Kerle um die zwanzig mit unsicheren Gesichtern. Die Lanze eines Legionärs ist sogar verbogen, als seien gerade auch Asterix und Obelix vorbeigekommen und hätten sich mit ihnen geprügelt. Auf der anderen Seite wartet ihr Anführer zu Pferde. Die Legionäre wollen erst durch den Fluß waten, sobald jeder einzelne von ihnen seinen Namen gehört hat. Eine hübsche Geschichte zu einer angenehmen Kleinstadt, in der so einige Pilger zwei Tage ihre Wunden pflegen.

Das Leben ist gemütlich. Das Bier ist billig, die Menschen hilfsbereit. Ich selber habe mir in einem Handel für 29 Cent fünf Schrauben besorgt, um weiteren Verlusten auf der holperigen Strecke die Stirn bieten zu können. Meine Schuhsohle hat ein Schuster gestern geklebt für einen Euro. Hier gibt es ein schönes Museum mit sakraler Kunst und lebhafte Konzerte.

Auf dem Jakobsweg Pilgern für Radler

Es gibt so Leute, die meinen, menschliche Interessen übers Alter definieren zu müssen. Mit zwanzig Disco und Fitnessstudio, mit dreißig Literatur und erst mit vierzig Jahren interessiere man sich fürs Wandern. Ab fünfzig soll man angeblich spüren, dass gar nichts mehr geht. Man sollte sich dann schon einen Platz im Altersheim suchen und auch den passenden Grabstein. Auf dem Jakobsweg hat auch schon eine Pilgerin behauptet, da sie jung sei, sei sie eher bereit, in den Herbergen zu schlafen als Ältere. Dort riecht es oft nicht gut. Leute schnarchen. Etagenbetten sind auch nicht immer verlockend. Manchmal gibt es auch keine freien Betten mehr, so dass Matratzen auf den Gang gebracht werden.

Doch wenn man sich in den Herbergen umschaut, strömen Menschen zwischen 20 und 70 herein. Fast alle tragen sportliche Kleidung. Die Teleskopstöcke und Rucksäcke sehen komfortabel aus. Niemand muss mehr schwere Kameras schleppen. Für den privaten Gebrauch reichen die kleinen Digitalkameras locker aus; die Smartphonebilder dürften eher enttäuschen, ermüden auch Teilnehmer am heimischen Stammtisch eher.

Erstaunlicherweise achten aber viele nicht auf richtige Wanderschuhe, weil sie meinen, dass die billigen beim Discounter genauso gut seien wie Markenware. Ich führe selbst oft als Wanderführer durch die Eifel, glaubte selbst lange bei meinen alten Schuhen, dass Schmerzen einfach dazu gehörten. Doch seitdem ich 260 Euro in alpine Schuhe gesteckt habe, weiß ich, dass es auch ohne Blasen geht. An das Gewicht gewöhne ich mich schon binnen Minuten bei jeder Wanderung. Die Oberschenkel schmerzten nur während der ersten Etappe und bei jeder weiteren nur inden ersten Minuten. Auf dem Jakobsweg radele und laufe ich sogar mit meinen Winterschuhen. Die Cleats für SPD-Pedalen sind so gut eingearbeitet, dass ich sie nur auf sehr glatten Steinen spüre, beim Schieben nur wenig. Die von vielen befürchtete Wärme tritt nie auf, weder bei den Berg- noch bei den Radstiefeln. Oft sind bei vielen die Schuhe zu klein, wovon hier Sandalen führende Schuhgeschäfte profitieren. Wer hat die Leute bloß beraten? Dicke Socken und eine Nummer größer, darauf bestand mein Fachverkäufer sogar.

Das Geld wird am falschen Ende gespart. Lieber ein paar Mal 16 Euro für Fritten, Bier und Currywurst statt in gute Schuhe und in einen vernünftigen, gut auf Land und Leute vorbereitenden Reiseführer. Pharmaindustrie und Fitnessstudios freuen sich über gute Kunden. Schließlich ist man hier auf 235 Kilometern mindestens Wochen unterwegs mit 17-24 Kilometern am Tag. Immerhin erntet man nach dem Trip neben einem schlankeren Körper und schönen Erinnerungen auch eine Menge Selbstbewusstsein und Durchhaltevermögen, was man bei den Zuhause anstehenden Herausforderungen gut gebrauchen kann. Egal, ob man 20 oder 70 Jahre jung ist: Den inneren Schweinehund hat man auf alle Fälle besiegt.

Auf dem Jakobsweg Radeln für Pilger

Es ist aufregend, wen ich auf der Strecke kennenlerne. Einsam ist es nie. Dazu wandern zu viele auf dem portugiesischen Jakobsweg von Porto nach Santiago de Compostela. Die Strecke ist 235 Kilometer lang. Jedem steht es frei, sich zu entscheiden, ob man alleine wandern will oder zu mehreren. Manchmal ist es schön, die Landschaft still für sich zu genießen, denn wer viel beim Wandern redet, kann auch viel übersehen.

Die Mehrheit stellen in diesen Tagen Deutsche und Spanier. Am Wochenende gesellten sich Portugiesen dazu. Aber auch Asiaten wie eine Usbekin, die ich in Gemeinschaft am Mittagstisch mit zwei Dänen und einer Deutschen traf. Sie sprach fließend Deutsch, so dass ich aufgrund des Akzents dachte, dass sie in Süddeutschland aufgewachsen wäre.

Als ich am Vorabend einen Schlafplatz suchte, stieß ich auf zwei Französinnen, die vor dem Gemeinschaftshaus eines Hostals aßen. Eine gute Gelegenheit, mal wieder Französisch zu sprechen, was nach Tagen auf Spanisch, Englisch und etwas Portugiesisch anstrengend war. Aber immer noch natürlicher als jeder Konversationskurs an der Volkshochschule. Die beiden Damen arrangierten einen Zeltplatz auf dem Gelände für mich. Wahrscheinlich war ich der erste Camper hier, da eigentlich nur Zimmer vermietet wurden. Eine Dusche allerdings boten sie mir nicht in ihrer Hütte an; da sind Norweger, Schweden, Dänen und Portugiesen gastfreundlicher. Ich nahm den Gartenschlauch stattdessen. Anschließend luden mich Irineo und seine Frau – aus Sintra – zum frisch gegrillten Steak mit Chips, Salat und Bier ein. Sie gingen davon aus, dass ich hungrig sein musste. Dabei war ich nur 21 Kilometer auf einem zum Teil allerdings holprigen Weg gefahren. Dankbar schlief ich im Zelt unter klarem Sternenhimmel mit Grillenzirpen ein.

Auf dem Jakobsweg Pilgern für Radler

Meine ersten kleinen Reparaturen habe ich am Rad schon hinter mir. Dabei bin ich erst seit fünf Tagen in Portugal. Zuerst verbog das Schaltwerk auf dem Flug. Ich konnte es mit der Hand wieder richten und mit dem Schraubendreher wieder einstellen. Da der Wanderpfad holprig ist, verlor ich heute eine Schraube am Gepäckträger. Zum Glück konnte ich eine meines Flaschenhalters opfern.

Denkt also bitte immer daran, passende Schrauben mitzunehmen. Und die Schaltung vor dem Flug zu demontueren, im Fall der Fälle einen Ersatz einzuoacken. Er wiegt nicht viel.

Auf dem Jakobsweg Pilgern für Radler

Heute startete ich nach 56.9 Kilometern auf der ersten Etappe in Barcelos. Dort lernte ich, dass wir unsere Hühner immer pfleglich behandeln sollten. Also besser bei Biomitteln statt Fipronil bleiben.

Ein zum Tode Verurteilter erbat einen letzten Wunsch. Er möge verschont bleiben, wenn ein Hahn krähe. Als der Bauer schon zum Galgen gebracht wurde, wollte der Richter einen Hahn verzehren. Dieser aber sprang vom Teller und krähte. Der Richter rannte zum Galgen. Aber der Strick hatte sich schon gelöst und der Bauer durfte gehen.

Bis heute hält Barcelos die Hühner in Ehren. Ich hörte einen Hahn schon ab dem frühen Morgen mehrfach in einem der Nachbargärten krähen. Vielleicht ist das ein gutes Omen auf dem Weg nach Santiago de Compostela.