“Mehr als seelenlose Dekoration”

Verena Carola Meyer schreibt im Magazin “Rondo” des “Standard” über Kunst im Hotel

Man in suit looking at a bright, colorful abstract painting in hotel lobby
Von KI gene­rier­tes Bild

Dass sei­ne Kunst mal im Hotel hängt, hät­te Peter Senoner noch vor Kur­zem nicht geglaubt. „Ästhe­ti­sche Grau­zo­nen” nennt er Hotels – auf einer Stu­fe mit Ban­ken und Insti­tu­tio­nen. Der in Bozen gebo­re­ne Senoner ist einer der ein­fluss­reichs­ten ita­lie­ni­schen Bild­hau­er und Maler. Sei­ne ers­te Aus­stel­lung hat­te der 56-Jäh­ri­ge in der Kunst­hal­le Wien. Es folg­ten Sta­tio­nen in aller Welt und nun, seit 2024: im Hotel Sen­so­ria Dolo­mi­tes. Gleich am Ein­gang hängt eines sei­ner manns­ho­hen Gemäl­de. Leuch­ten­de Far­ben, mit kraft­vol­len Pin­sel­stri­chen gemalt. “Kunst soll zugäng­lich sein”, sagt Lea Ober­ho­fer. Sie ist Inha­be­rin die­ser “Grau­zo­ne”. Und: Kunst­lieb­ha­be­rin mit gro­ßer, anste­cken­der Leidenschaft.

Die­ser Ein­stieg in den Maga­zin­text ist etwas ober­fläch­lich. Er lie­fert fast zu vie­le Infor­ma­tio­nen. Und das ist scha­de. Denn Vere­na Caro­la May­er schreibt für das Maga­zin „Ron­do“ der öster­rei­chi­schen Tages­zei­tung „Der Stan­dard“ eine wirk­lich gute Geschich­te über Kunst in einem Hotel in den Dolo­mi­ten. Sie ent­hält inter­es­san­te Per­spek­ti­ven, die der Rei­sen­de künf­tig selbst auf­grei­fen wird. Denn er stand in Hotels oder Arzt­pra­xen gezeig­ter Kunst oder ande­ren Gegen­stän­den stets skep­tisch gegen­über, weil sie ihm doch oft nur als Deko­ra­ti­on erschien oder als Wer­bung für loka­le Künstler.

Mit die­sem Text setzt sich die Serie der Rezen­si­on deutsch­spra­chi­ger Rei­se­blät­ter von Durch­strei­fen & Erle­ben auch in die­ser Woche fort. Die­se begann mit Arti­keln deut­scher Leit­me­di­en, wur­de mit der Ana­ly­se von Rei­se­tex­ten in Schwei­zer Medi­en fort­ge­setzt. Zunächst ging es um Tex­te in der Welt­wo­che, es folg­te die NZZ. Mit dem Tages-Anzei­ger ende­te die Ana­ly­se von Tex­ten aus der Schweiz, um ab heu­te mit Arti­keln öster­rei­chi­scher Leit­me­di­en fort­ge­setzt zu werden.

Aus traditonellen Bildhauerfamilien stammend

Hof­fent­lich haben die meis­ten Leser May­ers Geschich­te über die ers­ten bei­den Absät­ze hin­aus wei­ter­ge­le­sen. Sie stellt nach dem Bild Senon­ers eine Holz­skulp­tur vor, über die sie den loka­len Tiro­ler Künst­ler Aron Demetz ins Gesche­hen ein­bringt. Von hier an ver­mit­telt sie schö­ne Erkennt­nis­se. Demetz ent­fern­te sich zunächst von der reli­giö­sen Holz­schnitz­kunst, die tra­di­tio­nell in sei­ner Regi­on betrie­ben wird. Beim Lesen muss­te der Rei­sen­de an sei­ne Recher­che im Pil­ler­see­tal den­ken. Dort beob­ach­te­te er meh­re­re Tage für Kir­chen­blät­ter, wie eine Grup­pe eine Weih­nachts­krip­pe pro­du­zier­te. Und an sei­nen Auf­ent­halt in Nusnäs am Sil­jan­see in Dalar­na, wo er selbst in einer Werk­statt gelernt hat, eines der berühm­ten schwe­di­schen Dal­ap­ferd­chen zu schnitzen.

Dann kommt die Autorin auf Senoner zurück, den sie in sei­nem Ate­lier besuch­te. Die­ser stammt aus einer Bild­hau­er­fa­mi­lie, die mit Holz arbei­te­te. Das lehn­te Senoner erst­mal wie Demetz ab, zumal er sich wäh­rend sei­nes Stu­di­ums mit Mate­ria­li­en wie Metall und Kunst­stoff wid­me­te. Er kehr­te den­noch nach dem Stu­di­um zum Holz zurück, was für ihn Chan­cen, in die­ser Epo­che ein Novum, bedeu­te­te. Auch das war für den Rei­sen­den ein neu­er Gedan­ke: Denn Holz gilt unter Künst­lern als ein schwie­rig zu bear­bei­ten­der Werk­stoff. Die Autorin bin­det dann einen beim Betrach­ten einer Skulp­tu­ren typi­schen Gedan­ken in die Sto­ry ein in der Art, ja, was trägt Senon­ers Skulp­tur bloß auf dem Kopf? Der Betrach­ter kann oft Kunst nicht wirk­lich beschrei­ben, beson­ders, wenn sie abs­trakt ist, wie zum Bei­spiel Wer­ke von Anders Jorn im Muse­um im däni­schen Sil­ke­borg. Sie kann sich da nur mit dem Satz, dass Senon­ers Wer­ke eine futu­ris­ti­sche Wir­kung erziel­ten, behel­fen. Er las­se sich von der Natur inspi­rie­ren. Bei der Prä­sen­ta­ti­on im Hotel kämen vie­le Gäs­te erst­mals mit Kunst in Kon­takt. Che­fin Lea Ober­ho­fer sehe mehr in der Kunst als „see­len­lo­se Deko­ra­ti­on“, bringt Senoner als gute Fra­ge­stel­lung ein.

Scheu, Kunstwerke zu beschreiben?

Gegen Ende des Arti­kels folgt ein Kurz­por­trät Ober­ho­fers. Die­se habe nicht nur in Wien, son­dern auch im Aus­land stu­diert. Denn der Vater „schob uns immer raus in die Welt“, erklärt sie. Die Autorin sieht, wie sich in ihr Pari­ser Läs­sig­keit mit Selbst­be­wusst­sein und Ele­ganz misch­ten. Ober­ho­fer sei selbst krea­tiv, indem sie in der Natur fotografiere.

Aber auch der Künst­ler Aron Demetz kommt nicht zu kurz. Anfangs nur ein­ge­führt als loka­ler Künst­ler mit sakra­len Wur­zeln in der Bild­haue­rei, erschei­nend als jemand aus der loka­len Künst­ler­grup­pe, die hoff­nungs­voll ihre Bil­der hin­ter den Schau­fens­tern eines ehe­ma­li­gen Ladens prä­sen­tiert, ent­puppt sich auch als inter­na­tio­nal bekann­ter Bild­hau­er und Maler. Viel­leicht war es anfangs eine klei­ne Fin­te der Autorin, um Demetz hier als Über­ra­schung zu zei­gen? Er arbei­te mit Sequoia-Holz, das mit sei­nem dün­nen Gerüst an die Fra­gi­li­tät von Mensch und Natur erin­ne­re. Vom Sakra­len habe auch er sich ent­fernt, hin zur zeit­ge­nös­si­schen Skulp­tur, die roh und frag­men­tiert sein dürfe.

Die­ser Text weck­te im Rei­sen­den so vie­le Erin­ne­run­gen an sei­ne eige­nen Recher­chen bei Künst­lern und Hand­wer­kern, lie­fer­te so vie­le Inspi­ra­tio­nen für sein künf­ti­ges Schaf­fen. Daher gehört er für ihn, auch wenn sich Vere­na Caro­la May­er, freie Jour­na­lis­tin, davor zu scheu­en scheint, die Kunst­wer­ke näher zu beschrei­ben und damit erfass­bar zu machen, zu den bes­se­ren Arti­keln unter den Rezen­sio­nen. Er ver­lockt dazu, wei­ter Ron­do vom „Stan­dard“ zu lesen.

Fes­tungs­stadt Almei­da, Portugal

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