Provinzhauptstadt schlägt Weltstadt

Neu­lich habe ich eine span­nen­de Ver­fil­mung über Maxi­mi­li­an von Öster­reich und Maria von Bur­gund gese­hen. Ich dach­te nur, das gibt es doch nicht, denn ich besich­tig­te vor eini­ger Zeit eine Kapel­le in Lil­le, in der Maria gebe­tet haben soll. Und zur­zeit befas­se ich mich durch die por­tu­gie­si­sche Geschich­te viel mit Mari­as Zeit, also mit dem 16. Jahr­hun­dert, da es von Por­tu­gals Zeit als Welt­macht vie­le schö­ne Din­ge zu sehen gibt.

Die­se schlich­te Kapel­le befin­det sich heu­te im Rat­haus von Lil­le, zu Mari­as Zei­ten eine der reichs­ten Städ­te Euro­pas. Hoch­ge­kom­men waren die Bür­ger durch Tuch­han­del. Noch heu­te ist Tuch aus Flan­dern in Adels­sit­zen zu fin­den in Form von pracht­vol­len Wand­tep­pi­chen und ein­ge­web­ten Bil­dern ade­li­gen und reli­giö­sen Lebens.

Unter den dama­li­gen Herr­schern war Bur­gund sehr begehrt und Maria eine gute Par­tie. Frank­reich und Öster­reich führ­ten daher sogar Krieg gegen­ein­an­der. Die schö­ne und sehr gebil­de­te Frau hat­te sich näm­lich für Maxi­mi­li­an ent­schei­den müs­sen, den sie für grob hielt. Sie schick­te eine Hof­da­me nach Wien, um ihn erst zu prü­fen. Roch er wirk­lich so schlecht wie gesagt wur­de? Speis­te er auch so unkul­ti­viert, indem er die Gabel mit den Zin­ken nach unten in den Mund führ­te? Wäre bei­des erfüllt gewe­sen, hät­te ihm die Zofe nicht das Bild­nis mit ihrem Anlitz über­rei­chen dürfen.

Aber die Ehe mit dem letz­ten Rit­ter lief auch viel har­mo­ni­scher als erwar­tet. Lei­der fiel sie auf einer Jagd vom Pferd. Es war leicht­sin­nig, wäh­rend einer Schwan­ger­schaft so wild zu rei­ten. Sie starb eini­ge Tage spä­ter an den Fol­gen. Aus der Zeit übrig geblie­ben sind präch­ti­ge Bür­ger­häu­ser im Zen­trum Lil­les und erstaun­lich gute Kunst im Stadt­kern und im Umland. Ein Repor­ter des Kuriers in Wien war jetzt in Lil­le, ver­gleicht sie mit Brüg­ge. Und auch ich schrieb dar­über für “Die Pres­se” in Wien. Viel Spaß beim Schmökern.

Pro­vinz­haupt­stadt schlägt Weltstadt

Zu Besuch in Lil­le und Brügge

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Erinnerungstourismus in Nordfrankreich

Scha­ren von Tou­ris­ten – vor­wie­gend aus Aus­tra­li­en und Kana­da – rol­len täg­lich vor die Fried­hö­fe für die Gefal­le­nen des Ers­ten Welt­krie­ges in Nord­frank­reich. Sie neh­men dafür über 20-stün­di­ge Flü­ge von Syd­ney oder Van­cou­ver nach Paris in Kauf. Auch vie­le Bri­ten sind unter den Besu­chern. Was suchen all die­se Men­schen in der Regi­on Nord-Pas-de-Calais, fast hun­dert Jah­re nach dem Kriegs­ge­sche­hen? Sind sie in den Sog des Erin­ne­rungs­tou­ris­mus geraten?

Zur Stär­kung vor der Tour emp­fiehlt sich in Lil­le erst ein­mal der Besuch der Braue­rei Les 3 bras­seurs in der Nähe des Haupt­bahn­ho­fes. Dort gibt es def­ti­ges Essen. Vie­le trin­ken hier Bier, was zu Lil­le tra­di­tio­nell gehört. Mir ser­viert man Rind­fleisch mit Pom­mes Frit­tes. Frit­ten sind typisch hier. Bel­gi­en ist nahe. Das Rind­fleisch besteht aus ein­zel­nen Stü­cken, die zu einem saf­ti­gen Stück zusam­men­ge­fügt sind. Als Des­sert kommt Eis mit Spe­ku­la­ti­us auf den Tisch. Es gebe nahe Lil­le eine gro­ße Spe­ku­la­ti­us-Fabrik, erklärt man uns. Daher gehör­ten Spe­ku­la­ti­us immer zum Essen. Dann geht es nach Arras. 

Vie­le Tou­ris­ten strö­men in der Nähe von Arras zu einem neu­en aus­tra­li­schen Ehren­mal von 1998 in Fro­mel­les. Hier ver­lief län­ge­re Zeit die West­front. Aus­tra­li­en muss­te am 23. August 1914 gemein­sam mit den ande­ren Domi­ni­ons Kana­da, Süd­afri­ka und Neu­see­land sowie mit der Kolo­nie Bri­tisch-Indi­en in den Krieg ein­tre­ten. Das Denk­mal zeigt einen breit­bei­nig gehen­den Sol­da­ten mit gebeug­tem Kopf, der einen toten Kame­ra­den auf sei­nen Schul­tern schleppt. Er steht für 5.000 Aus­tra­li­er, die hier in einem über 24 Stun­den dau­ern­den Kampf gegen die Deut­schen im Jah­re 1916 ihr Leben verloren.

wei­ter

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Kriegsschauplätze in Frankreich besuchen

Nach Lil­le fah­re ich nicht nur der Kunst wegen ger­ne, son­dern auch aus mas­si­vem his­to­ri­schen Inter­es­se. Denn in der Umge­bung der Kul­tur­haupt­stadt 2004 haben sich fürch­ter­li­che Kämp­fe des Ers­ten Welt­krie­ges abge­spielt. Was sich dort abge­spielt hat, möch­te ich mit den eige­nen Augen sehen. Ver­dun ist nicht weit von Lil­le ent­fernt. Auch Arras nicht. Vie­le ken­nen auch den berühm­ten Roman Flug nach Arras, von Antoi­ne de Saint-Exu­pé­ry. Er war nicht nur Schrift­stel­ler, „Der klei­ne Prinz“, son­dern auch Pilot im Zwei­ten Weltkrieg.

Als ich zur Pres­se­rei­se „Wege der Erin­ne­rung 1914 — 1918“ ein­ge­la­den wer­de, füh­le ich mich hin- und her­ge­ris­sen. Das Pro­gramm ver­spricht nur Beklem­men­des, denn es soll drei Tage lang über Sol­da­ten­fried­hö­fe, durch Muse­en und zu Schau­plät­zen des Ers­ten Welt­krie­ges gehen. Für Mili­tär­ge­schich­te inter­es­sier­te ich mich aber wäh­rend mei­nes Geschichts­stu­di­ums nie. Es gibt Spe­zia­lis­ten, die sich unge­wöhn­lich gut mit Hee­res­be­we­gun­gen, Waf­fen, Mili­tär­fahr­zeu­gen aus­ken­nen und nahe­zu jedes Datum der Schlach­ten auf­zäh­len kön­nen. War­um auch immer!

Auf Floh­märk­ten gibt es Bücher über Gene­rä­le, Pan­zer­di­vi­sio­nen und Kriegs­schif­fe. Nur ein­mal kauf­te ich mir solch ein Werk, weil mir ein mit mir befreun­de­ter Foto­graf in der Nähe von Tromsø die Stel­le zeig­te, an der das Wrack der Tirpitz liegt, Hit­lers Lieb­lings­schiff. Briti­sche Bom­ber ver­senk­ten das Schiff. Es war beklem­mend, zum Bei­spiel Uni­form­tei­le in einem Muse­um zu sehen, die einst deut­schen See­leu­ten gehört hatten. 

Ich ken­ne auch Gibral­tar im Süden Spa­ni­ens. Der heu­ti­ge Affen­fel­sen nahm einst eine wich­ti­ge stra­te­gi­sche Stel­lung zur Kon­trol­le des Mit­tel­mee­res ein. Bis heu­te erin­ne­re ich mich ger­ne an den bri­ti­schen Kriegs­ve­te­ra­nen, der mir erzähl­te, dass er einst auf Gibral­tar als Pilot gear­bei­tet habe. Deut­sche hät­ten sein Flug­zeug abge­schos­sen. Oder an den Bericht des Kapi­täns, der uns Del­fi­ne zeig­te, und erzähl­te, wie span­nend die Lek­tü­re eines Romans über bri­ti­sche und deut­sche Spio­ne rund um den Fel­sen gewe­sen sei. Geschich­te aus ande­ren Perspektiven.

Die dort gemach­ten Erfah­run­gen locken mich wie­der nach Nord­frank­reich. Ich will das mit eige­nen Augen sehen, was ich nur aus den Geschichts­bü­chern ken­ne. Ich will mit Men­schen spre­chen, die dort leben, sol­che Besu­che nach­be­rei­ten, indem ich Lite­ra­tur dar­über lese. Die Reak­ti­on, der Besuch sol­cher Stät­ten sei lang­wei­lig, kann ich nicht nach­voll­zie­hen. Denn sol­che Stät­ten hän­gen oft mit der deut­schen Geschich­te zusammen. 

wei­ter

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Renaissance-Fest auf dem Grand Place

Nach Lil­le lockt mich einer­seits die Aus­sicht mit dem Renais­sance-Fest auf dem Grand Place, die Kul­tur­haupt­stadt 2004 mit ande­ren Kul­tur­haupt­städ­ten zu ver­glei­chen. Die in Väs­ter­bot­ten lie­gen­de Stadt Umeå ist seit 2010 schwe­di­sche Kul­tur­haupt­stadt. Aar­hus in Mit­tel­jüt­land setzt die­se Rei­he in Däne­mark 2018 fort. Bei­de Städ­te ken­ne ich gut, da ich regel­mä­ßig durch Skan­di­na­vi­en reise.

Ande­rer­seits wird sich dort vor 500.000 Besu­chern ein Renais­sance-Fest auf dem Grand Place abspie­len. Die­ses fin­det fast jedes Jahr statt, selbst aktu­ell in Zei­ten der Coro­na-Pan­de­mie. Erst kurz davor bin ich mit dem Fahr­rad von Bonn aus auf­ge­bro­chen, um auf 1.100 Kilo­me­tern nicht nur den Nie­der­rhein und den süd­li­chen Teu­to­bur­ger Wald anzu­schau­en. Ich woll­te mich auch von der Weser-Renais­sance inspi­rie­ren las­sen. Her­vor­ra­gen­de archi­tek­to­ni­sche Per­len aus dem 15. und 16. Jahr­hun­dert sind zum Bei­spiel das Bre­mer Rat­haus, das Schloss Hämel­schen­burg vor sowie das Rat­ten­fän­ger­haus in Hameln. Renais­sance hat mich also ziem­lich inspiriert.

Wer­den die aus Rio, Detroit und Seo­ul ange­reis­ten Akteu­re his­to­ri­sche Gewän­der tra­gen? Durch­strömt Musik aus die­ser Zeit die Stadt? Dort sind auch noch Häu­ser aus Renais­sance und Barock erhal­ten. Wird aus Lite­ra­tur des Renais­sance zitiert? Etwa aus Thea­ter­stü­cken des berühm­ten por­tu­gie­si­schen Dra­ma­ti­kers Gil Vicen­te? Vicen­te ist auch Fran­zo­sen gut bekannt. Por­tu­gie­si­sche Ein­wan­de­rer haben ihn in Frank­reich eingeführt. 

Ange­kün­digt ist eine Trans­for­ma­ti­on der his­to­ri­schen Renais­sance in die heu­ti­ge Zeit. 

Hier folgt nun ein Aus­schnitt aus dem dem Renais­sance-Fest auf dem Grand Place:

Godzilla-1

God­zil­la steigt am Bahn­hof Gare Lil­le Fland­res in die Luft. Bie­tet der dort star­ten­de gro­ße Umzug Ein­bli­cke ins ame­ri­ka­ni­sche Kino?

Wei­te­re Gigan­ten bele­ben das Stadt­bild: hier ein ori­en­ta­li­scher Herr­scher mit Mina­ret­ten auf dem Kopf.

Dort ein Kari­be mit Federbusch.

Ein King Kong ähn­li­cher Gorilla.

Der Grand Place bie­tet reich­lich Gele­gen­heit für ein Fotoshooting.

Die Sze­ne­rie erin­nert an das im Palais des Beaux-Arts hän­gen­de Gemäl­de „Le Bal des Qua­t’­z’arts descen­dant les Champs-Ely­sées“. Geor­ge-Antoi­ne Roche­gras­se stellt dar­auf das Künst­ler­fest von 1894 auf den Champs-Ely­sées in Paris dar. Fröh­li­che Men­schen aus fast allen Erd­tei­len der Welt und aus unter­schied­li­chen Epo­chen sind dar­auf abge­bil­det. Die 1890-er Jah­re bil­den den Höhe­punkt des fran­zö­si­schen Impe­ria­lis­mus. Frank­reich erobert gro­ße Gebie­te in Afri­ka und Asi­en und kann damit Eng­land die Stirn bie­ten. Das Bild kann man als Pro­pa­gan­da­bild deu­ten. Nach dem deut­schen Sieg von 1870/71 hat Frank­reich eine neue Iden­ti­tät gefun­den. Es kann sei­nen Natio­nal­stolz in neu­er Iden­ti­tät als Repu­blik und Kolo­ni­al­macht behaupten. 

Aus der Vogel­per­spek­ti­ve sind die zusam­men­lau­fen­den Stra­ßen gut zu sehen. Hier­durch zie­hen in der Dun­kel­heit die ers­ten Wagen. Die beglei­ten­de Musik erin­nert mich an den Kar­ne­val von Rio. Eine Laser­show hüllt Tän­zer und Musi­ker in unwirk­li­che Farben.

Aber mit einer Trans­for­ma­ti­on von der Renais­sance in die Moder­ne hat dies wenig zu tun. Oder?

Unter die­sem Ein­druck führt der Weg ins uri­ge Restau­rant “Au bar­bue d’Anvers”. Dort kann man dem Rum­mel entgehen.

Fort­set­zung folgt.

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Lille schmückt edles Gestein

Nach dem Besuch der Bäcke­rei und der Ver­kös­ti­gung mit Cra­mi­que du Sucre in der Geschäfts­zo­ne Lil­les in Flan­dern führt Anne in ein schö­nes Tex­til­ge­schäft. Dort in der Alt­stadt zeigt sie uns ein har­tes Gewöl­be aus Blau­stein. „Alle Gebäu­de in der Alt­stadt ver­fü­gen über sol­che Kel­ler“, erklärt Anne. Sie sei­en aus Blau­stein erbaut, einem har­ten Kalk­stein, der nicht alte­re, so dass man auch auf ihm im Gegen­satz zu Sand­stein lau­fen kön­ne. Er wer­de in einer Ent­fer­nung von 30 Kilo­me­tern in Bel­gi­en abge­baut. Das Gewöl­be stam­me aus dem 17. Jahr­hun­dert, unge­fähr zu der Zeit, als Lud­wig XIV. Lil­le bela­ger­te. Der König woll­te die durch Tuch­han­del reich gewor­de­ne Stadt ins Reich eingliedern.

An solch einer Archi­tek­tur macht Anne deut­lich, war­um Lil­le Kul­tur­haupt­stadt ist. Denn die alten Häu­ser fal­len nicht der Abriss­bir­ne zum Opfer, wie es auch in Aar­hus zu sehen ist. Das Hafen­vier­tel der Kul­tur­haupt­stadt 2017 erwacht zu Leben, indem Archi­tek­ten dort alte Fabrik­ge­bäu­de reno­vie­ren las­sen und für jun­ge Unter­neh­men öff­nen. Aber auch eine Strand­bar, ein Vol­ley­ball­feld und Schwimm­mög­lich­kei­ten für die Bür­ger gibt es seit kur­zem. So bleibt der Cha­rak­ter der Stadt erhal­ten. Der Tou­rist wan­delt durch die Ver­gan­gen­heit wie durch har­tes Gewöl­be aus Blau­stein, sieht aber schon die Zukunft.

Ein wenig an die Geschich­te der Sagra­da Fami­lia in Bar­ce­lo­na erin­nert die Bau­ge­schich­te der Kathe­dra­le Not­re-Dame-de-la-Treil­le. Mit ihr schließt Anne die Füh­rung durch Lil­le ab. 1854 begann der Bau der neo­go­ti­schen Kir­che. Erst Weih­nach­ten 1999 wur­de er mit einer beson­de­ren Fas­sa­de voll­endet. „An der West­sei­te erhebt sich eine Fas­sa­de aus leuch­ten­dem por­tu­gie­si­schen Mar­mor. Sie ist eine Beson­der­heit, denn durch den Mar­mor dringt das Licht aus der Welt in die Kir­che ein. Wenn die Son­ne dar­auf scheint, fühlt sie sich warm an. Von innen ist sie fast honig­far­ben. Von außen strahlt sie weiß.

Mor­gen fährt der Rei­sen­de nach Paris. Dort trifft er sei­ne Freun­din Alex­an­dra wieder.

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Herzöge von Burgund residierten in Lille

Ande­re Kul­tur­haupt­städ­te wie Graz in der Stei­er­mark hei­ßen Besu­cher direkt in einer schö­nen Alt­stadt will­kom­men. Lil­les Zen­trum hin­ge­gen liegt im Bahn­hofs­vier­tel, wo inter­na­tio­na­le und regio­na­le Züge ein­tref­fen. Die durch Tuch­han­del berühm­te Stadt befin­det sich in der Regi­on Flan­dern im Nor­den Frank­reichs an der bel­gi­schen Gren­ze. Der Weg vom dort lie­gen­den Hotel ins Zen­trum dau­ert aber nur weni­ge Minu­ten. Frem­den­füh­re­rin Anne führt eine Grup­pe deut­scher Jour­na­lis­ten in die Stadt­ge­schich­te ein. Sie beginnt eine Zeit­rei­se ins spä­te Mit­tel­al­ter, als die Her­zö­ge von Bur­gund in Lil­le residierten.

Private Kapelle der Herzogin Maria

Die­se führt zuerst in eine pri­va­te Kapel­le der Her­zo­gin Maria von Bur­gund. Erbaut wur­de die­se von 1450 bis 1470. Nach­ge­wie­sen ist, dass Maria dort bete­te. Das innen fast schmuck­lo­se, Gebäu­de befin­det sich im ehe­ma­li­gen Rat­haus der Stadt. Heu­te sitzt dort die Tou­ris­ten-Info. Das Rat­haus hieß im 15. Jahr­hun­dert Palais Rihour.

Die­ser Palast war Resi­denz der Her­zö­ge von Bur­gund. Karl der Küh­ne, Her­zog von Bur­gund, starb 1477. Dann hat sei­ne Toch­ter Maria von Bur­gund den Erz­her­zog Maxi­mi­li­an von Öster­reich gehei­ra­tet. Maria war eine der bes­ten Par­tien Euro­pas. Denn sie besaß das Her­zog­tum. Die bur­gun­di­sche Erb­schaft war wich­tig. Denn so konn­te das Haus Habs­burg zur Welt­macht auf­stei­gen. Lil­le gehör­te jetzt zu Österreich.

3sat zeigt hin und wie­der die gute Ver­fil­mung “Maxi­mi­li­an — Das Spiel von Macht und Lie­be”. Es gelingt, die Gescheh­nis­se auf wich­tigs­te Ereig­nis­se zu Beginn der Regent­schaft des letz­ten Rit­ters zu reduzieren.

Sehens­wert in der Sakris­tei sind Blei­glas­fens­ter aus dem 16. Jahr­hun­dert. Ursprüng­lich befan­den sie sich in der Kir­che Saint-Pierre in La Cou­ture nahe Lil­le. Eines zeigt Figu­ren aus dem Alten Tes­ta­ment wie zum Bei­spiel König David. Ein ande­res Fens­ter zeigt einen Mönch, ein wei­te­res einen Bischof.

wei­ter

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Kulturhauptstadt kann auch Fußball

In sechs Wochen beginnt die Fuß­ball-Euro­pa­meis­ter­schaft in Frank­reich. Am 12. Juni ist Lil­le, Gast­ge­be­rin bei der Fuß­ball-EM. Sie spielt an einem Sonn­tag gegen die Ukrai­ne. Da ich her­aus­fin­den will, was die Stadt außer mei­ner Lei­den­schaft Fuß­ball zu bie­ten hat, besu­che ich die Stadt in Nord­frank­reich. Ist die ehe­ma­li­ge Kul­tur­haupt­stadt Lil­le anders als Umeå, die schwe­di­sche Kul­tur­haupt­stadt 2014? Oder als Aar­hus und Paphos, die Kul­tur­haupt­städ­te 2017 in Däne­mark und auf Zypern? Das inter­es­siert mich brennend.

Da ich mir zuvor Paris ange­schaut habe, kom­me ich mit dem Zug im Bahn­hof Lil­le Fland­res an. Es bedrückt mich, dass auf dem Bahn­hof bewaff­ne­te Sol­da­ten patrouil­lie­ren. Ein von Sol­da­ten beglei­te­ter Poli­zist kon­trol­liert gar einen dun­kel­häu­ti­gen Mann. In Frank­reich gilt gera­de höchs­te Terrorwarnstufe. 

Ange­nehm ist hin­ge­gen, dass Jugend­li­che an einem Tisch im War­te­be­reich sit­zen und ihre elek­tro­ni­schen Gerä­te ein­stöp­seln kön­nen, um über das aller­dings lah­men­de WLAN zu chat­ten oder Musik zu hören. Auf dem Weg zum Hotel stel­le ich fest, dass es in Lil­le einen zwei­ten Bahn­hof gibt. Wäre ich aus Deutsch­land gekom­men, wäre ich in Lil­le Euro­pe ein­ge­trof­fen. Ein ganz schö­ner Luxus für eine mit­tel­gro­ße Stadt!

Lille-Nord-Hotel-Crown-Plaza

Neben den Bahn­hö­fen liegt das Novo­tel Suite Hotel. Mit dem Früh­stück bin ich zufrie­den, gibt es doch Müs­li und nicht nur Crois­sants. Lei­der sind die Tische recht klein. Daher ist es nicht ein­fach, sich zu meh­re­ren auf der Pres­se­rei­se zusam­men­zu­set­zen. Dafür aber sind die Zim­mer wirk­lich Sui­ten. Bad und WC sind von­ein­an­der getrennt. Prak­tisch, wenn man zu zweit reist. Hin­ge­gen soll­te man das Fens­ter nachts nicht öff­nen, da vorm Haus LKW und Bus­se mit lau­fen­den Moto­ren ste­hen. Ins­ge­samt ist das Hotel beden­ken­los wei­ter­zu­emp­feh­len. Vom Fens­ter aus sind geo­me­trisch geform­te ver­glas­te Tür­me zu sehen. In ihnen sind unter ande­rem Hotels unter­ge­bracht. Das Stadt­vier­tel Lil­le Nord ist vor allem dem Trans­port und dem Tou­ris­mus gewid­met. Hier strö­men täg­lich vie­le Men­schen durch.


Fort­set­zung folgt.

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Schwimmbad mit Art-déco in Lille

Das sieht rich­tig edel aus. Anti­ke grie­chi­sche und römi­sche Sta­tu­en säu­men den Becken­rand des Schwimm­bads mit Art-déco in Lil­le, Haupt­stadt der Regi­on Flan­dern. Am liebs­ten wür­de der Rei­sen­de jetzt mei­ne Bade­ho­se aus­pa­cken und rein­hüp­fen. Denn doch nie ist er in einem Schwimm­bad gewe­sen, das im Stil des Art-déco ein­ge­rich­tet ist. Eini­ge Muse­en hat er schon in die­ser Art gese­hen wie die schö­ne Casa das Mudas bei einer Rund­rei­se auf Madei­ra. Das kann er für einen Besuch nur emp­feh­len. Es liegt etwa 20 Minu­ten von Fun­chal ent­fernt, zeigt Kunst und Möbel, die ziem­lich kost­bar aus­se­hen, da auf Hoch­glanz poliert. Es gibt eine gute Flug­ver­bin­dung von Frank­furt nach Fun­chal. Aber noch kein Schwimm­bad, pisci­ne auf Französisch.

Das Becken ist vol­ler Was­ser. Es riecht nach Chlor, und die Luft ist feucht. Doch die Ober­flä­che ist glatt wie ein Spie­gel. Schwim­mer sind nicht zu sehen. Denn das Bad in Rou­baix, einer ehe­ma­li­gen Arbei­ter­stadt außer­halb Lil­les, ist nur noch zu Schau­zwe­cken eröff­net — als Musée d’Art et d’In­dus­trie de Rou­baix. 1912 beschloss der Rat der Stadt, dass sich hier Arbei­ter erho­len soll­ten, die in Fabri­ken der Umge­bung tätig waren. Doch durch die Fol­gen des Ers­ten Welt­kriegs konn­te es erst 1932 eröff­net werden.

Im gro­ßen run­den Fens­ter am Ende der auch für Olym­pi­sche Spie­le geeig­ne­ten Kampf­bahn geht die Son­ne auf. Gel­be Strah­len deu­ten sie an, die sich auch auf der Was­ser­ober­flä­che spie­geln. Über ihr eine glat­te wei­ße Decke, gewölbt wie die Ton­nen­ge­wöl­be gro­ßer Kathe­dra­le. Rings­um gehen auf zwei Eta­gen kunst­voll gemei­ßel­te Gelän­der. Teils ragen Bal­ko­ne her­aus. Von denen konn­ten Bade­gäs­te das Gesche­hen unter sich in der Hal­le beob­ach­ten. Leicht belus­tigt fla­niert der Rei­sen­de durch die Schwimm­hal­le. Denn aus Laut­spre­chern ertö­nen Stim­men und Plät­schern der Bade­gäs­te. So wird der Ein­druck erweckt, als lie­fe der Betrieb auch heu­te noch. Sogar Umklei­de­ka­bi­nen exis­tie­ren noch im Schwimm­bad mit Art-déco.

Danach besucht der Rei­sen­de das Kunst­mu­se­um LaM, das eini­ge Kilo­me­ter wei­ter außer­halb von Lil­le liegt. Der Name steht für Lil­le Métro­po­le, musée d’art moder­ne, d’art con­tem­porain et d’art brut. Ich fin­de, die Expo­na­te kön­nen durch­aus mit dem Cent­re Pom­pi­dou in Paris mit­hal­ten, das etwas ver­staubt daher­kommt. Man merkt allei­ne am Kon­zept und der Archi­tek­tur, das hier noch ein Team an den Hebeln sitzt, da noch 2004 die Spie­le der Kul­tur­haupt­stadt orga­ni­sier­te. Der Indus­tri­el­le und Kunst­samm­ler Jean Masu­rel (1908–1991) und des­sen Ehe­frau Geneviè­ve leg­ten 1979 mit der Schen­kung ihrer Samm­lung von Kubis­tenSur­rea­lis­ten und ande­ren Gemäl­den die Basis für die Grün­dung des Museums. 

Eine wei­te­re gro­ße Schen­kung erfolg­te zwan­zig Jah­re spä­ter mit der Art-brut-Kol­lek­ti­on von 3.500 Wer­ken der Grup­pe Ara­ci­ne an den Stadt­ver­band Lil­le. Dar­un­ter befin­den sich Wer­ke wie zum Bei­spiel Jean Dubuf­fets’, von dem auch der auf dem Foto abge­bil­de­te weib­li­che Akt stammt.

Noch beein­dru­cken­der fin­det der Rei­sen­de den Skulp­tu­ren­park außer­halb des Muse­ums — mit Wer­ken Picas­sos und Mirós zum Bei­spiel. Und die Gestal­tung der Gebäu­de fin­det er span­nend, die er näher in einem Arti­kel für die öster­rei­chi­sche Zei­tung “Die Pres­se” beschrie­ben hat. Das Rei­sen nach Flan­dern hat sich allein für die­sen Tag gelohnt.

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Centre Pompidou eine Garage?

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Cent­re Pom­pi­dou in Paris, eher eine Gara­ge als ein Museum.

Lan­ge Röh­ren füh­ren an der ver­glas­ten Fas­sa­de ent­lang. Metall­stre­ben wir­ken wie Bau­ge­rüs­te. Das berühm­te Muse­um Cent­re Pom­pi­dou in Paris wirkt eher wie eine gro­ße Gara­ge als eine Stät­te berühm­ter moder­ner Kunst­wer­ke. Sicher soll­te der Bau mal sehr modern wir­ken. In Deutsch­land sehen ihm tech­ni­sche Gebäu­de man­cher Uni­ver­si­tä­ten und Fach­hoch­schu­len ähn­lich wie zum Bei­spiel an der Cor­rens­stra­ße in Müns­ter. Doch heu­te wirkt die­ser Stil kalt und abwei­send. Der Rei­sen­de geht in sei­nem Kul­tur­rei­se­füh­rer “Müns­ter Stadt der Skulp­tu­ren” näher dar­auf ein. 

Am Gebäu­de kann man nicht viel ändern, ohne ein gro­ße Geld­sum­me in die Hand zu neh­men. Aber das Aus­stel­lungs­kon­zept müss­te die Muse­ums­lei­tung über­ar­bei­ten. Es wirkt nicht dem Stand der Zeit ent­spre­chend. Vie­le Kunst­wer­ke setzt man den Besu­chern vor, erklärt wenig, rückt sie nicht ins rech­te Licht. Es sind auch zu vie­le Expo­na­te. Man eilt irgend­wann an ihnen vor­bei, ohne etwas mit­zu­neh­men. Das Cent­re Pom­pi­dou ist eine bes­se­re Garage.

Andere Museen in Europa deutlich moderner

Was Moder­ni­tät angeht, sind ande­re Kunst­hal­len wie ARos in Aar­hus oder Le Tri­pos­tal in Lil­le wei­ter. Dort fühlt sich der Rei­sen­de wie getra­gen. Er glei­tet ent­spannt von einem Raum zum nächs­ten. Die Expo­na­te wer­den ergänzt durch audio­vi­su­el­le Medi­en, die sich zum Bei­spiel zeit­kri­tisch mit gesell­schaft­li­chen oder poli­ti­schen The­men aus­ein­an­der­set­zen. Oder Künst­ler spie­len mit Licht und Schat­ten, um wider­zu­spie­geln, was Men­schen füh­len. In abge­dun­kel­ten Räu­men ahmen ver­spiel­te Metall­ob­jek­te Bewe­gun­gen von Tie­ren und Pflan­zen nach. Im Kel­ler ent­span­nen Vide­os. Stim­men ver­schie­de­ner Spre­cher schal­len durchs dämm­ri­ge Gewöl­be. Sie erzeu­gen eine medi­ta­ti­ve Stimmung. 

Für “Die Pres­se” in Wien hat der Rei­sen­de nach der Rück­kehr einen Arti­kel über Lil­les Muse­en geschrie­ben, mit Paris ver­gli­chen. Mor­gen besucht er mit Alex­an­dra das Muse­um Lou­vre.

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