Provinzhauptstadt schlägt Weltstadt

Neulich habe ich eine spannende Verfilmung über Maximilian von Österreich und Maria von Burgund gesehen. Ich dachte nur, das gibt es doch nicht, denn ich besichtigte vor einiger Zeit eine Kapelle in Lille, in der Maria gebetet haben soll. Und zurzeit befasse ich mich durch die portugiesische Geschichte viel mit Marias Zeit, also mit dem 16. Jahrhundert, da es von Portugals Zeit als Weltmacht viele schöne Dinge zu sehen gibt.

Diese schlichte Kapelle befindet sich heute im Rathaus von Lille, zu Marias Zeiten eine der reichsten Städte Europas. Hochgekommen waren die Bürger durch Tuchhandel. Noch heute ist Tuch aus Flandern in Adelssitzen zu finden in Form von prachtvollen Wandteppichen und eingewebten Bildern adeligen und religiösen Lebens.

Unter den damaligen Herrschern war Burgund sehr begehrt und Maria eine gute Partie. Frankreich und Österreich führten daher sogar Krieg gegeneinander. Die schöne und sehr gebildete Frau hatte sich nämlich für Maximilian entscheiden müssen, den sie für grob hielt. Sie schickte eine Hofdame nach Wien, um ihn erst zu prüfen. Roch er wirklich so schlecht wie gesagt wurde? Speiste er auch so unkultiviert, indem er die Gabel mit den Zinken nach unten in den Mund führte? Wäre beides erfüllt gewesen, hätte ihm die Zofe nicht das Bildnis mit ihrem Anlitz überreichen dürfen.

Aber die Ehe mit dem letzten Ritter lief auch viel harmonischer als erwartet. Leider fiel sie auf einer Jagd vom Pferd. Es war leichtsinnig, während einer Schwangerschaft so wild zu reiten. Sie starb einige Tage später an den Folgen. Aus der Zeit übrig geblieben sind prächtige Bürgerhäuser im Zentrum Lilles und erstaunlich gute Kunst im Stadtkern und im Umland. Ein Reporter des Kuriers in Wien war jetzt in Lille, vergleicht sie mit Brügge. Und auch ich schrieb darüber für „Die Presse“ in Wien. Viel Spaß beim Schmökern.

Provinzhauptstadt schlägt Weltstadt

Zu Besuch in Lille und Brügge

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Erinnerungstourismus in Nordfrankreich

Scharen von Touristen – vorwiegend aus Australien und Kanada – rollen täglich vor die Friedhöfe für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges in Nordfrankreich. Sie nehmen dafür über 20-stündige Flüge von Sydney oder Vancouver nach Paris in Kauf. Auch viele Briten sind unter den Besuchern. Was suchen all diese Menschen in der Region Nord-Pas-de-Calais, fast hundert Jahre nach dem Kriegsgeschehen? Sind sie in den Sog des Erinnerungstourismus geraten?

Zur Stärkung vor der Tour empfiehlt sich in Lille erst einmal der Besuch der Brauerei Les 3 brasseurs in der Nähe des Hauptbahnhofes. Dort gibt es deftiges Essen. Viele trinken hier Bier, was zu Lille traditionell gehört. Mir serviert man Rindfleisch mit Pommes Frittes. Fritten sind typisch hier. Belgien ist nahe. Das Rindfleisch besteht aus einzelnen Stücken, die zu einem saftigen Stück zusammengefügt sind. Als Dessert kommt Eis mit Spekulatius auf den Tisch. Es gebe nahe Lille eine große Spekulatius-Fabrik, erklärt man uns. Daher gehörten Spekulatius immer zum Essen. Dann geht es nach Arras. 

Viele Touristen strömen in der Nähe von Arras zu einem neuen australischen Ehrenmal von 1998 in Fromelles. Hier verlief längere Zeit die Westfront. Australien musste am 23. August 1914 gemeinsam mit den anderen Dominions Kanada, Südafrika und Neuseeland sowie mit der Kolonie Britisch-Indien in den Krieg eintreten. Das Denkmal zeigt einen breitbeinig gehenden Soldaten mit gebeugtem Kopf, der einen toten Kameraden auf seinen Schultern schleppt. Er steht für 5.000 Australier, die hier in einem über 24 Stunden dauernden Kampf gegen die Deutschen im Jahre 1916 ihr Leben verloren.

Fortsetzung folgt.

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Mit den eigenen Augen sehen

Nach Lille fahre ich nicht nur der Kunst wegen gerne, sondern auch aus massivem historischen Interesse. Denn in der Umgebung der Kulturhauptstadt 2004 haben sich fürchterliche Kämpfe des Ersten Weltkrieges abgespielt. Was sich dort abgespielt hat, möchte ich mit den eigenen Augen sehen. Verdun ist nicht weit von Lille entfernt. Auch Arras nicht. Viele kennen auch den berühmten Roman Flug nach Arras, von Antoine de Saint-Exupéry. Er war nicht nur Schriftsteller, „Der kleine Prinz“, sondern auch Pilot im Zweiten Weltkrieg.

Englischer-Friedhof
Australischer Soldatenfriedhof VC Corner

Als ich zur Pressereise „Wege der Erinnerung 1914 – 1918“ eingeladen werde, fühle ich mich hin- und hergerissen. Das Programm verspricht nur Beklemmendes, denn es soll drei Tage lang über Soldatenfriedhöfe, durch Museen und zu Schauplätzen des Ersten Weltkrieges gehen. Für Militärgeschichte interessierte ich mich aber während meines Geschichtsstudiums nie. Es gibt Spezialisten, die sich ungewöhnlich gut mit Heeresbewegungen, Waffen, Militärfahrzeugen auskennen und nahezu jedes Datum der Schlachten aufzählen können. Warum auch immer!

Auf Flohmärkten gibt es Bücher über Generäle, Panzerdivisionen und Kriegsschiffe. Nur einmal kaufte ich mir solch ein Werk, weil mir ein mit mir befreundeter Fotograf in der Nähe von Tromsø die Stelle zeigte, an der das Wrack der Tirpitz liegt, Hitlers Lieblingsschiff. Britische Bomber versenkten das Schiff. Es war beklemmend, zum Beispiel Uniformteile in einem Museum zu sehen, die einst deutschen Seeleuten gehört hatten.

Ich kenne auch Gibraltar im Süden Spaniens. Der heutige Affenfelsen nahm einst eine wichtige strategische Stellung zur Kontrolle des Mittelmeeres ein. Bis heute erinnere ich mich gerne an den britischen Kriegsveteranen, der mir erzählte, dass er einst auf Gibraltar als Pilot gearbeitet habe. Deutsche hätten sein Flugzeug abgeschossen. Oder an den Bericht des Kapitäns, der uns Delfine zeigte, und erzählte, wie spannend die Lektüre eines Romans über britische und deutsche Spione rund um den Felsen gewesen sei. Geschichte aus anderen Perspektiven.

Schützengräben-1.jpg
Restaurierter Schützengraben

Die dort gemachten Erfahrungen locken mich wieder nach Nordfrankreich. Ich will das mit eigenen Augen sehen, was ich nur aus den Geschichtsbüchern kenne. Ich will mit Menschen sprechen, die dort leben, solche Besuche nachbereiten, indem ich Literatur darüber lese. Die Reaktion, der Besuch solcher Stätten sei langweilig, kann ich nicht nachvollziehen. Denn solche Stätten hängen oft mit der deutschen Geschichte zusammen.

Fortsetzung folgt.

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Renaissance-Fest auf dem Grand Place

Nach Lille lockt mich einerseits die Aussicht mit dem Renaissance-Fest auf dem Grand Place, die Kulturhauptstadt 2004 mit anderen Kulturhauptstädten zu vergleichen. Die in Västerbotten liegende Stadt Umeå ist seit 2010 schwedische Kulturhauptstadt. Aarhus in Mitteljütland setzt diese Reihe in Dänemark 2018 fort. Beide Städte kenne ich gut, da ich regelmäßig durch Skandinavien reise.

Andererseits wird sich dort vor 500.000 Besuchern ein Renaissance-Fest auf dem Grand Place abspielen. Dieses findet fast jedes Jahr statt, selbst aktuell in Zeiten der Corona-Pandemie. Erst kurz davor bin ich mit dem Fahrrad von Bonn aus aufgebrochen, um auf 1.100 Kilometern nicht nur den Niederrhein und den südlichen Teutoburger Wald anzuschauen. Ich wollte mich auch von der Weser-Renaissance inspirieren lassen. Hervorragende architektonische Perlen aus dem 15. und 16. Jahrhundert sind zum Beispiel das Bremer Rathaus, das Schloss Hämelschenburg vor sowie das Rattenfängerhaus in Hameln. Renaissance hat mich also ziemlich inspiriert.

Werden die aus Rio, Detroit und Seoul angereisten Akteure historische Gewänder tragen? Durchströmt Musik aus dieser Zeit die Stadt? Dort sind auch noch Häuser aus Renaissance und Barock erhalten. Wird aus Literatur des Renaissance zitiert? Etwa aus Theaterstücken des berühmten portugiesischen Dramatikers Gil Vicente? Vicente ist auch Franzosen gut bekannt. Portugiesische Einwanderer haben ihn in Frankreich eingeführt.

Angekündigt ist eine Transformation der historischen Renaissance in die heutige Zeit. 

Hier folgt nun ein Ausschnitt aus dem dem Renaissance-Fest auf dem Grand Place:

Godzilla-1

Godzilla steigt am Bahnhof Gare Lille Flandres in die Luft. Bietet der dort startende große Umzug Einblicke ins amerikanische Kino?

Weitere Giganten beleben das Stadtbild: hier ein orientalischer Herrscher mit Minaretten auf dem Kopf.

Dort ein Karibe mit Federbusch.

Ein King Kong ähnlicher Gorilla.

Der Grand Place bietet reichlich Gelegenheit für ein Fotoshooting.

Die Szenerie erinnert an das im Palais des Beaux-Arts hängende Gemälde „Le Bal des Quat’z’arts descendant les Champs-Elysées“. George-Antoine Rochegrasse stellt darauf das Künstlerfest von 1894 auf den Champs-Elysées in Paris dar. Fröhliche Menschen aus fast allen Erdteilen der Welt und aus unterschiedlichen Epochen sind darauf abgebildet. Die 1890-er Jahre bilden den Höhepunkt des französischen Imperialismus. Frankreich erobert große Gebiete in Afrika und Asien und kann damit England die Stirn bieten. Das Bild kann man als Propagandabild deuten. Nach dem deutschen Sieg von 1870/71 hat Frankreich eine neue Identität gefunden. Es kann seinen Nationalstolz in neuer Identität als Republik und Kolonialmacht behaupten.

Aus der Vogelperspektive sind die zusammenlaufenden Straßen gut zu sehen. Hierdurch ziehen in der Dunkelheit die ersten Wagen. Die begleitende Musik erinnert mich an den Karneval von Rio. Eine Lasershow hüllt Tänzer und Musiker in unwirkliche Farben.

Aber mit einer Transformation von der Renaissance in die Moderne hat dies wenig zu tun. Oder?

Unter diesem Eindruck führt der Weg ins urige Restaurant “Au barbue d’Anvers„. Dort kann man dem Rummel entgehen.

Fortsetzung folgt.

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Lille schmückt edles Gestein

Nach dem Besuch der Bäckerei und der Verköstigung mit Cramique du Sucre in der Geschäftszone Lilles in Flandern führt Anne in ein schönes Textilgeschäft. Dort in der Altstadt zeigt sie uns ein hartes Gewölbe aus Blaustein. „Alle Gebäude in der Altstadt verfügen über solche Keller“, erklärt Anne. Sie seien aus Blaustein erbaut, einem harten Kalkstein, der nicht altere, so dass man auch auf ihm im Gegensatz zu Sandstein laufen könne. Er werde in einer Entfernung von 30 Kilometern in Belgien abgebaut. Das Gewölbe stamme aus dem 17. Jahrhundert, ungefähr zu der Zeit, als Ludwig XIV. Lille belagerte. Der König wollte die durch Tuchhandel reich gewordene Stadt ins Reich eingliedern.

An solch einer Architektur macht Anne deutlich, warum Lille Kulturhauptstadt ist. Denn die alten Häuser fallen nicht der Abrissbirne zum Opfer, wie es auch in Aarhus zu sehen ist. Das Hafenviertel der Kulturhauptstadt 2017 erwacht zu Leben, indem Architekten dort alte Fabrikgebäude renovieren lassen und für junge Unternehmen öffnen. Aber auch eine Strandbar, ein Volleyballfeld und Schwimmmöglichkeiten für die Bürger gibt es seit kurzem. So bleibt der Charakter der Stadt erhalten. Der Tourist wandelt durch die Vergangenheit wie durch hartes Gewölbe aus Blaustein, sieht aber schon die Zukunft.

Ein wenig an die Geschichte der Sagrada Familia in Barcelona erinnert die Baugeschichte der Kathedrale Notre-Dame-de-la-Treille. Mit ihr schließt Anne die Führung durch Lille ab. 1854 begann der Bau der neogotischen Kirche. Erst Weihnachten 1999 wurde er mit einer besonderen Fassade vollendet. „An der Westseite erhebt sich eine Fassade aus leuchtendem portugiesischen Marmor. Sie ist eine Besonderheit, denn durch den Marmor dringt das Licht aus der Welt in die Kirche ein. Wenn die Sonne darauf scheint, fühlt sie sich warm an. Von innen ist sie fast honigfarben. Von außen strahlt sie weiß.

Morgen fährt der Reisende nach Paris. Dort trifft er seine Freundin Alexandra wieder.

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Herzogin von Burgund betete in Lille

Andere Kulturhauptstädte wie Graz in der Steiermark heißen ihre Besucher direkt in einer schönen Altstadt willkommen. Lille hingegen im Bahnhofsviertel. Der Weg vom dort gelegenen Hotel in die Altstadt dauert aber nur wenige Minuten. Fremdenführerin Anne übernimmt die Aufgabe, deutsche Journalisten in die Stadtgeschichte einzuführen.

Sie beginnt eine Zeitreise ins späte Mittelalter. Diese führt in eine private Kapelle der Herzogin Maria von Burgund. Erbaut wurde diese von 1450 bis 1470. Das schlichte, innen weitgehend schmucklose Gebäude befindet sich im ehemaligen Rathaus der Stadt. Darin ist jetzt die Touristeninformation untergebracht. Das Rathaus hieß im 15. Jahrhundert Palais Rihour. Dieser war eine Residenz der Herzöge von Burgund. Karl der Kühne, Herzog von Burgund, starb 1477. Dann habe seine Tochter Maria von Burgund den Erzherzog Maximilian von Österreich geheiratet, erzählt Anne. Maria war eine der besten Partien Europas. Denn ihr gehörte das Herzogtum. Die burgundische Erbschaft war einer der entscheidenden Schritte. Denn so konnte das Hauses Habsburg zur Weltmacht aufsteigen. Lille gehörte jetzt zu Österreich.

3sat zeigte im Januar 2018 eine sehr gute Verfilmung über Maximilian und Maria. „Maximilian – Das Spiel von Macht und Liebe“. Dem Regisseur gelingt es, die Geschehnisse auf die wichtigsten Ereignisse zu Beginn seiner Regentschaft zu reduzieren. Die Verfilmung steht leider nicht mehr in der Mediathek.

Lille-Kapellenfenster-Herzogin-von-Burgund-1

Sehenswert in der Sakristei sind Bleiglasfenster aus dem 16. Jahrhundert. Ursprünglich befanden sie sich in der Kirche Saint-Pierre in La Couture in der Nähe von Lille. Eines zeigt Figuren aus dem Alten Testament wie zum Beispiel König David. Ein anderes zeigt einen Mönch, ein weiteres einen Bischof.

Fortsetzung folgt.

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Kulturhauptstadt kann auch Fußball

In sechs Wochen beginnt die Fußball-Europameisterschaft in Frankreich. Am 12. Juni ist Lille, Gastgeberin bei der Fußball-EM. Sie spielt an einem Sonntag gegen die Ukraine. Da ich herausfinden will, was die Stadt außer meiner Leidenschaft Fußball zu bieten hat, besuche ich die Stadt in Nordfrankreich. Ist die ehemalige Kulturhauptstadt Lille anders als Umeå, die schwedische Kulturhauptstadt 2014? Oder als Aarhus und Paphos, die Kulturhauptstädte 2017 in Dänemark und auf Zypern? Das interessiert mich brennend.

Da ich mir zuvor Paris angeschaut habe, komme ich mit dem Zug im Bahnhof Lille Flandres an. Es bedrückt mich, dass auf dem Bahnhof bewaffnete Soldaten patrouillieren. Ein von Soldaten begleiteter Polizist kontrolliert gar einen dunkelhäutigen Mann. In Frankreich gilt gerade höchste Terrorwarnstufe.

Angenehm ist hingegen, dass Jugendliche an einem Tisch im Wartebereich sitzen und ihre elektronischen Geräte einstöpseln können, um über das allerdings lahmende WLAN zu chatten oder Musik zu hören. Auf dem Weg zum Hotel stelle ich fest, dass es in Lille einen zweiten Bahnhof gibt. Wäre ich aus Deutschland gekommen, wäre ich in Lille Europe eingetroffen. Ein ganz schöner Luxus für eine mittelgroße Stadt!

Lille-Nord-Hotel-Crown-Plaza

Neben den Bahnhöfen liegt das Novotel Suite Hotel. Mit dem Frühstück bin ich zufrieden, gibt es doch Müsli und nicht nur Croissants. Leider sind die Tische recht klein. Daher ist es nicht einfach, sich zu mehreren auf der Pressereise zusammenzusetzen. Dafür aber sind die Zimmer wirklich Suiten. Bad und WC sind voneinander getrennt. Praktisch, wenn man zu zweit reist. Hingegen sollte man das Fenster nachts nicht öffnen, da vorm Haus LKW und Busse mit laufenden Motoren stehen. Insgesamt ist das Hotel bedenkenlos weiterzuempfehlen. Vom Fenster aus sind geometrisch geformte verglaste Türme zu sehen. In ihnen sind unter anderem Hotels untergebracht. Das Stadtviertel Lille Nord ist vor allem dem Transport und dem Tourismus gewidmet. Hier strömen täglich viele Menschen durch.


Fortsetzung folgt.

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Schwimmbad mit Art-déco

Das sieht richtig edel aus. Antike griechische und römische Statuen säumen den Beckenrand. Am liebsten würde der Reisende jetzt meine Badehose auspacken und reinhüpfen. Denn doch nie ist er in einem Schwimmbad gewesen, das im Stil des Art-déco eingerichtet ist. Einige Museen hat er schon in dieser Art gesehen wie die schöne Casa das Mudas auf Madeira. Das kann er für einen Besuch nur empfehlen. Es liegt etwa 20 Minuten von Funchal entfernt, zeigt Kunst und Möbel, die ziemlich kostbar aussehen, da auf Hochglanz poliert. Aber noch kein Schwimmbad, piscine auf Französisch.

Das Becken ist voller Wasser. Es riecht nach Chlor, und die Luft ist feucht. Doch die Oberfläche ist glatt wie ein Spiegel. Schwimmer sind nicht zu sehen. Denn das Bad in Roubaix, einer ehemaligen Arbeiterstadt außerhalb Lilles, ist nur noch zu Schauzwecken eröffnet – als Musée d’Art et d’Industrie de Roubaix. 1912 beschloss der Rat der Stadt, dass sich hier Arbeiter erholen sollten, die in Fabriken der Umgebung tätig waren. Doch durch die Folgen des Ersten Weltkriegs konnte es erst 1932 eröffnet werden.

Im großen runden Fenster am Ende der auch für Olympische Spiele geeigneten Kampfbahn geht die Sonne auf. Gelbe Strahlen deuten sie an, die sich auch auf der Wasseroberfläche spiegeln. Über ihr eine glatte weiße Decke, gewölbt wie die Tonnengewölbe großer Kathedrale. Ringsum gehen auf zwei Etagen kunstvoll gemeißelte Geländer. Teils ragen Balkone heraus. Von denen konnten Badegäste das Geschehen unter sich in der Halle beobachten. Leicht belustigt flaniert der Reisende durch die Schwimmhalle. Denn aus Lautsprechern ertönen Stimmen und Plätschern der Badegäste. So wird der Eindruck erweckt, als liefe der Betrieb auch heute noch. Sogar Umkleidekabinen existieren noch.

Danach besucht der Reisende das Kunstmuseum LaM, das einige Kilometer weiter außerhalb von Lille liegt. Der Name steht für Lille Métropole, musée d’art moderne, d’art contemporain et d’art brut. Ich finde, die Exponate können durchaus mit dem Centre Pompidou in Paris mithalten, das etwas verstaubt daherkommt. Man merkt alleine am Konzept und der Architektur, das hier noch ein Team an den Hebeln sitzt, da noch 2004 die Spiele der Kulturhauptstadt organisierte. Der Industrielle und Kunstsammler Jean Masurel (1908–1991) und dessen Ehefrau Geneviève legten 1979 mit der Schenkung ihrer Sammlung von KubistenSurrealisten und anderen Gemälden die Basis für die Gründung des Museums. Eine weitere große Schenkung erfolgte zwanzig Jahre später mit der Art-brut-Kollektion von 3.500 Werken der Gruppe Aracine an den Stadtverband Lille. Darunter befinden sich Werke wie zum Beispiel Jean Dubuffets‘, von dem auch derauf dem Foto abgebildete weibliche Akt stammt. Noch beeindruckender findet der Reisende aber den Skulpturenpark außerhalb des Museums – mit Werken Picassos und Miró zum Beispiel. Und die Gestaltung der Gebäude findet er spannend, die er näher in einem Artikel für die österreichische Zeitung „Die Presse“ beschrieben hat.

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