Es bleibt nur noch die Migration

Buch des Monats: 1954 erscheint Ferreira de Castros Roman “Wolle und Schnee” über die Serra da Estrela

Shepherd in brown cloak holding a staff with a dog and sheep on rocky mountain path in stormy weather
Von KI gene­rier­tes Bild

Hora­cio hütet Scha­fe in der Ser­ra da Est­re­la. Er ist Hir­te und lebt in Man­tei­gas, einem der schöns­ten Orte der Regi­on. Wenn er sich in den Ber­gen auf­hält, fühlt er sich fern­ab von Fami­lie und Freun­din. Er weiß, dass es oft gefähr­li­che Gewit­ter gibt, denen man kaum ent­rin­nen kann. In Gewit­tern hört er grau­sa­me Schreie, vor denen er sich fürch­tet. So ent­wi­ckeln sich in ihm Träu­me von einem ande­ren Leben. Aber bei dem gerin­gen Ein­kom­men kann er sich weder die Grün­dung einer Fami­lie noch ande­re Wün­sche erfül­len. Nur über Bezie­hun­gen erhält er eine Anstel­lung als ein­fa­cher Tex­til­ar­bei­ter in der nahen Indus­trie­stadt Covil­hã. Er muss also fort­zie­hen, und trotz sei­ner Beden­ken hei­ra­tet er, muss aber eine Woh­nung suchen und sei­ne Frau nach­ho­len. Aber sei­ne Eltern bekommt er danach nur noch sel­ten zu sehen. Es ent­wi­ckelt sich zwi­schen ihm und ihnen eine Entfremdung.

Obwohl er spä­ter auf­grund gro­ßen Geschicks als Weber arbei­tet, reicht sein Ein­kom­men bei wei­tem nicht. In die­ser Situa­ti­on lebt fast jeder Arbei­ter in der Stadt. Die gesam­te Arbei­ter­schaft steht also sozi­al gese­hen auf der Stu­fe des Pro­le­ta­ri­ats, ohne jedoch zu verwahrlosen.

Der wilden Natur in den Bergen ausgesetzt

Fer­rei­ra de Cas­tros 1954 erschie­ne­ner Roman “Wol­le und Schnee” schil­dert das Schick­sal vie­ler Berg­be­woh­ner am Bei­spiel Hora­ci­os in der Ser­ra da Est­re­la im Nord­os­ten Por­tu­gals. Hier­mit setzt die Serie “Buch des Monats” fort, die mit einer Erzäh­lung Sieg­mund Natsch­kes über den Zie­gen­ba­ron von Wol­beck und Yann Mar­tels “Die hohen Ber­ge Por­tu­gals” begon­nen hat. Sie wur­de zuletzt wei­ter­ge­führt mit Stieg Lars­sons Tri­lo­gie “Ver­blen­dung, Ver­damm­nis, Ver­ge­bung”. Die Schil­de­rung von Cas­tros Roman ent­nahm der Rei­sen­de sei­nem Rad- und Kul­tur­rei­se­füh­rer über die Ser­ra da Est­re­la.

Er wächst in ärm­li­chen dörf­li­chen Ver­hält­nis­sen auf, in denen der Pfar­rer noch etwas zu sagen hat. Dies gilt ein­mal für Freund­schaf­ten zwi­schen Mann und Frau, in denen es schon als unan­stän­dig galt, ein­an­der zu tref­fen. Die Fami­lie emp­fin­det es als Ver­let­zung der Ehre ihrer Toch­ter, wenn nicht bald der Bund der Ehe geschlos­sen wird. Geprägt wer­den die­se Vor­stel­lun­gen natür­lich vom Pfar­rer, obwohl der Hir­te im gesam­ten Ver­lauf der Hand­lung nicht ein­mal in der Kir­che war. Er teilt auch des­sen Vor­stel­lun­gen, denn wäh­rend der Bezie­hung strei­cheln und küs­sen sie ein­an­der nur.

Wei­te­ren Auf­schluss gibt ein Gespräch mit einem ande­ren Hir­ten, dem Sohn sei­nes Lohn­herrn. Die­ser bie­tet ihm Geld dafür, wenn er sich am Anzün­den von Wäl­dern betei­ligt. Damit wol­len die Bau­ern ihre Wei­de­grün­de erhal­ten. Der Pfar­rer ver­ur­teilt sol­che Aktio­nen. Denn er hält staat­li­che Auf­fors­tun­gen für sinn­voll, damit es nicht zur Ero­si­on kommt.

Kein Vertrauen in Gott

Doch in den Ber­gen ist er oft auf sich allein gestellt, wäh­rend er sei­nen Scha­fen folgt. Nie­mand aus der Fami­lie bringt ihm, wie die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen ande­rer, etwas zu essen. Der Erzäh­ler de Cas­tros schil­dert, wie sie täg­lich meh­re­re Stun­den wan­dernd Brot, Käse und Wurst brin­gen. Dafür die­se abends den fri­schen Käse zu Wei­ter­ver­ar­bei­tung mit. Nur gele­gent­lich trifft er in der Wild­nis ande­re Schä­fer. Er freut sich sehr über die Gele­gen­heit zu Gesprä­chen, aber auch über Gefähr­ten, die ihm in der Not hel­fen kön­nen. Denn das Hoch­ge­bir­ge kann auch erschre­cken. Wenn sich dort Unwet­ter ereig­nen, neigt er durch­aus dazu, an Geis­ter auf der wil­den Jagd zu glau­ben, vor denen er Schutz suchen muss.

Im Covão da Meta­de, dem Tal des Flus­ses Zêze­re, sieht Hora­cio rie­si­ge gra­ni­te­ne Schutz­weh­ren, uralte Fel­sen wie aus einem ein­zi­gen Boll­werk gehau­en, eine pracht­vol­le, majes­tä­ti­sche Fei­er­lich­keit — wie eine alte Kult­stät­te mythi­scher Göt­ter. Dar­über die drei Häup­ter des Cân­ta­ro mit stol­zer Höhe. Da der Erzäh­ler tie­fe Schluch­ten und unheim­li­che Schat­ten Schat­ten erwähnt, hat das Gebir­ge etwas Bedroh­li­ches. Ein Unwet­ter zieht auf: “Schwe­re Wet­ter­wol­ken hat­ten sich all­mäh­lich über der Fel­s­a­re­na zusam­men­ge­ballt und den Him­mel ver­fins­tert. Adler jag­ten vor dem Gewit­ter­sturm her. Es don­ner­te, ein grel­ler Blitz zer­riss das Dun­kel, neue Ent­la­dun­gen zuck­ten feu­rig auf. Ein schau­er­li­ches Äch­zen gell­te durch die Luft, von den Fel­sen tön­te ein durch­drin­gen­der, schnei­den­der Kla­ge­laut, der das Blut in den Adern sto­cken ließ.”

Auf Gott ver­traut er in einer sol­chen Situa­ti­on nicht. De Cas­tro zeich­net also ein Bild der Ser­ra da Est­re­la, die den wenigs­ten Men­schen eine Exis­tenz bie­ten kann, so dass ihnen nur die Migra­ti­on als Lösung die­nen kann. Aber auch dort ändert sich deren öko­no­mi­sche Situa­ti­on kaum.

Fes­tungs­stadt Almei­da, Portugal

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