Buch des Monats: Das Teertal von Sara Lidman
Sara Lidmans 1953 in Schweden erschienener Roman “Das Teertal” verdeutlicht eines der Kernprobleme der in Västerbotten lebenden Menschen: ihre Unfähigkeit, ihre Lebensbedingungen zu verändern, da die Verhältnisse als gottgegeben angesehen werden. Natürlich fällt es schwer, einen solchen Roman mit dem gewohnten Lesevergnügen anzugehen.
Hiermit setzt sich die Serie “Buch des Monats” fort. Zuvor ging es um Stieg Larssons Trilogie “Verblendung, Verdammnis, Vergebung” und Ferreira de Castros Roman “Wolle und Schnee”. Diese Darstellung ist meinem Rad- und Kulturreiseführer “Västerbotten Land der Abenteuer” entnommen.
Dabei haben die Lebensbedingungen in Ecksträsk mit seiner schönen Landschaft und den Sonnenuntergängen für den Fremden etwas Poetisches. Aber das Dorf ist abgelegen. Nur dreimal in der Woche kommt die Zeitung, und man braucht keine Bücher, weil das “Buch der Bücher ganz ausreichend ist”. Doch empfindet nur die Hauptfigur, der Laienprediger Petrus, für Birke, Esche und Föhre Gefühle: Die Bäume erscheinen ihm wie menschliche Wesen. Dies erinnert an die Anschauungen der dort ursprünglich beheimateten Samen, denen bis heute manche Tiere heilig sind. Petrus lebt selbst als Bauer, versucht Eschen zu pflanzen, um seinen Hof zu verschönern. Er verlangt dies auch von den Dorfbewohnern. Er besitzt Bücher; man könnte ihn als gebildeten Autodidakten bezeichnen. Prediger wie er üben enormen Einfluss auf die Menschen dort aus, so dass niemand es wagt, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation zu verändern.
Dadurch ist dem Kapital die direkte Einflussnahme stark erleichtert. Die armen Moorkolonisten bleiben in sich gefangen. Sie leben weiter ausschließlich von Viehwirtschaft und verkaufen Teile des Heus und der Gerste. Manche errichten eigene Teermeiler, müssen aber fast die gesamte Arbeit selbst verrichten. Indem sie Teer aus Nadelholz gewinnen, ein wichtiger Werkstoff auch im finnischen Oulu, der aktuellen Kulturhauptstadt, mit dem man zum Beispiel Fässer abdichten kann. Dies muss jedoch die gesellschaftliche Situation nicht verändern, da der Teerpreis oft nicht den Erwartungen entspricht. So bleiben die meisten Kleinbauern auf ihre Kühe und kleine Kartoffel- und Gersteenten angewiesen, die aber allenfalls der Erhaltung des eigenen Lebens dienen können. Lidman kennt das aus eigenen Erfahrungen.
Mord im Dorf
In ihrem Roman begehen die Einwohner einen Kollektivmord, indem sie einen der ihren nicht zum Arzt bringen. Er hat sich beim Zerstören eines Teermeilers verletzt. Es liege in Gottes Hand zu entscheiden, ob er wieder gesund werde. Selbst der Inhaber des Teermeilers nimmt den Schaden hin. Er, dem ein Jahresarbeitsertrag genommen wurde, glaubt, dies sei eine Gnade Gottes, um ihn auf den rechten Weg zu führen. Der Täter sei von Gott ausersehen, um diesen Frevel zu begehen und damit der Hölle verfallen. Er lehnt selbst das solidarisch vorgetragene Hilfsangebot einiger Dorfbewohner ab, den Meiler wieder aufzubauen. Im Grunde sind diese froh über die Absage, kämpfen sie doch hart um ihre eigene Existenz.
Darüber hinaus betrügt ein Kaufmann den Geschädigten. Denn er zahlt ihm nur 100 Kronen für den viel wertvolleren Meiler. Die Einwohner machen sich sogar abhängig vom Kaufmann, indem sie bei ihm Fertigwaren kaufen, ohne über das notwendige Bargeld zu verfügen. So sammelt sich das Geld beim Kaufmann. Er steht symbolisch für die Folgen wirtschaftlicher Veränderung.
Als Lösung des Romans bietet Lidman nur eine Pseudolösung an: Der Klügste des Dorfes, den der Kollektivmord am meisten quält, erschlägt die Lieblingskatze seiner Kinder, weil diese eine Maus zu Tode gequält hat. Für ihn repräsentiert das Tier das System; es wird Symbol für den Starken, der die anderen beherrscht und quält. Durch den Tod der Katze wird das Problem jedoch nicht gelöst. Auf den Menschen übertragen, würde der Tod des Kaufmanns die problematische Lage der Menschen nicht verändern. Denn es würde ein neuer Kaufmann kommen. Bei Lidman wird dies dadurch angedeutet, dass die Kinder eine neue Katze nach Hause bringen. Hindert der Glaube an den ewig fortdauernden Schöpfungsprozess durch Gott die Menschen, Veränderungen herbeizuführen? Konnte das 19. Jahrhundert, in dem der Roman spielt, diese Veränderungen nicht bewirken, weil die Verwurzelung in Traditionen zu stark war?
Von Västerbotten nach Asien
Vielleicht versteht man Lidman besser, wenn man auf ihren Lebensweg hinweist. Selbst Tochter eines Kleinbauern, kam sie 1923 in Missträsk in Västerbotten auf die Welt. Sie verließ jedoch schon mit 19 Jahren ihr religiös geprägtes Elternhaus, um in Stockholm die Theaterschule zu besuchen und studierte dann in Uppsala Philosophie und verwandte Fächer. “Ich wusste zu wenig um die Gesellschaft, als dass ich mir klar war, auf was ich meinen Angriff richten sollte”, sagt sie rückblickend. “Daher kommt es, dass er romantisch ist und völlig ungefährlich.” Lidman erzielte mit ihrem reichen Werk ein großes Echo. Sie gilt als bürgerliche Schriftstellerin, auch wenn sie wie die Marxisten sagte, dass Literatur die Welt verändern solle.
Vielmehr interessiert sie sich für Darstellung und Analyse einfacher Menschen wie der Kleinbauern in Västerbotten, die sie auch in weiteren Romanen und Dramen thematisiert; danach erweitert sie ihren Horizont, indem sie nach Afrika und Asien reist — 1961 Südafrika, 1966 Vietnam. Nachdem sie sich bisher für die differenzierte Zeichnung der Menschen ihrer Heimat interessiert hat, erweitert sie nun ihren Horizont um politische Aspekte, Welthistorische Prozesse will sie nun auch künstlerisch gestalten. Dabei ist auch ihr Interesse an den Ursachen der heutigen Weltprobleme, die in der Zeit der Industrialisierung und des Imperialismus liegen, erwacht.
Ihre Erfahrungen und Gedanken überträgt sie auf die Situation der Arbeiter im schwedischen Norrland, was sie besonders in ihrem Interesse an den Streiks von 35 Arbeitern des Minenunternehmens LKAB in Svapavaare zeigt. Hier regt sich Widerstand gegen niedrige Löhne, starke Rationalisierung, die durch exakte Messung der Arbeitseffizienz erreicht wird. Der Streik wächst auf 5000 Beteiligte an in allen anderen LKAB-Gruben in Norrbotten, ungewöhnlich für Schweden als Land des institutionalisierten Arbeitsfriedens.
Lidmans systemkritische Anklageschrift “Gruva” über schwedische Industriearbeiter zeigt, wie Menschen wegen der Gewinnziele des Betriebes ausgenutzt werden. Seither gilt sie als Vorkämpferin gegen Unrecht, Menschenverachtung und Unterdrückung, In ihrem Spätwerk kehrt sie zum Romangenre zurück mit einem “Eisenbahnepos”, das in der Zeit des späten 19. Jahrhunderts in Norrland spielt und für sie eine Art Kolonialisierungsphase darstellt. Dafür erhält sie den so genannten Kleinen Nobelpreis des Nordischen Rates. Einer der zentralen Sätze darin lautet: “Da haben die Rodungsunternehmen so stark gewütet, dass die Hügel nackt sind, wie wenn man Menschen bis auf die Haut entkleidet hat. Und wenn der Wald erst einmal weg ist, dann kannst du auch die Landwirtschaft vergessen.”

