„Ich hatt‘ einen Kameraden, einen Bessern findst Du nicht“

Viel Toleranz der Franzosen schon kurz nach dem Krieg

Einige unter den jungen schottischen Besuchern haben ein Massengrab entdeckt, in dem 7.000 deutsche Soldaten liegen. Auf einer Steinplatte steht, dass ihre Namen unbekannt seien. „Das ist traurig“, sagt einer von ihnen. Ihm werde die Größe des Leids und die Sinnlosigkeit der Kampfhandlungen hierdurch besonders klar. Die Schotten finden auf dem Friedhof auch den Vers „Ich hatt‘ einen Kameraden, einen Bessern findst Du nicht“. Er steht auf einem Gedenkstein. Über dem Vers ist ein eisernes Kreuz in den Stein gemeißelt. Er stammt aus einem bekannten Soldatenlied, gesungen während der gegen Napoleon geführten Befreiungskriege Anfang des 19. Jahrhunderts, heute noch gesungen am Volkstrauertag und auf Trauerfeiern für gefallene Soldaten.

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Das eiserne Kreuz hat Schinkel zur Zeit der Befreiungskriege entworfen. Gedacht wird hier der fürs Vaterland gefallenen Kameraden. Der Friedhof wirkt aus heutiger Sicht durch dieses Arrangement versöhnlich: Der Tod ist überwunden. Christus hat über ihn gesiegt: Es gibt Hoffnung auf Auferstehung. Nun soll der Friede bewahrt bleiben. Immerhin durften auf dem Gedenkstein die Sätze „Gefallen fürs Vaterland“ und der Vers des Liedes aus den Befreiungskriegen verwendet werden; dies spricht für viel Toleranz der Franzosen schon kurz nach dem Krieg.

Fortsetzung folgt.

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Soldatengräber sind große Prediger des Friedens

Auf dem größten deutschen Soldatenfriedhof

Auf dem größten deutschen Soldatenfriedhof Frankreichs, Neuville Saint Vaast bei Arras, streift eine Gruppe von gut 20, zum Teil tätowierten, relativ jungen Besuchern aus Schottland über Wege und Rasenflächen. Ob sie auch den Satz Albert Schweitzers „Die Soldatengräber sind die großen Prediger des Friedens“ gesehen haben? Diese Aussage steht auf einer Tafel im Eingangstor. Dort erhebt sich auch eine Jesusstatue. Christus steht in der Osternacht aus seinem Grab auf und trägt die Fahne des Sieges über den Tod. Der Tod auf dem Schlachtfeld sollte nicht das Ende bedeuten. Einer geschlagenen Nation sollte dies neue Hoffnung aus christlichem Glauben geben.

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Christus trägt die Fahne des Sieges über den Tod. Oben: Über den Dächern von Arras.

In Neuville Saint Vaast ruhen 44.833 deutsche Soldaten. Auf ihren Gräbern stehen schmucklose schwarze Metallkreuze auf gepflegtem Rasen, umgeben von uralten Bäumen. Auf den Kreuzen sind Regiment, Name sowie das Geburts- und Todesdatum der Gefallenen verzeichnet. Schlichte und asketische Stimmung sollte so ausgedrückt werden. Die Denkmäler, die man nach Gründung des Deutschen Reiches 1871 errichtet hatte, wurden als überladen und pompös empfunden.

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Auf dem Soldatenfriedhof Neuville Saint Vaast

Fortsetzung folgt.

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Erinnerungstourismus in Nordfrankreich

Scharen von Touristen – vorwiegend aus Australien und Kanada – rollen täglich vor die Friedhöfe für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges in Nordfrankreich. Sie nehmen dafür über 20-stündige Flüge von Sydney oder Vancouver nach Paris in Kauf. Auch viele Briten sind unter den Besuchern. Was suchen all diese Menschen in der Region Nord-Pas-de-Calais, fast hundert Jahre nach dem Kriegsgeschehen? Sind sie in den Sog des Erinnerungstourismus geraten?

Zur Stärkung vor der Tour empfiehlt sich in Lille erst einmal der Besuch der Brauerei Les 3 brasseurs in der Nähe des Hauptbahnhofes. Dort gibt es deftiges Essen. Viele trinken hier Bier, was zu Lille traditionell gehört. Mir serviert man Rindfleisch mit Pommes Frittes. Fritten sind typisch hier. Belgien ist nahe. Das Rindfleisch besteht aus einzelnen Stücken, die zu einem saftigen Stück zusammengefügt sind. Als Dessert kommt Eis mit Spekulatius auf den Tisch. Es gebe nahe Lille eine große Spekulatius-Fabrik, erklärt man uns. Daher gehörten Spekulatius immer zum Essen. Dann geht es nach Arras. 

Viele Touristen strömen in der Nähe von Arras zu einem neuen australischen Ehrenmal von 1998 in Fromelles. Hier verlief längere Zeit die Westfront. Australien musste am 23. August 1914 gemeinsam mit den anderen Dominions Kanada, Südafrika und Neuseeland sowie mit der Kolonie Britisch-Indien in den Krieg eintreten. Das Denkmal zeigt einen breitbeinig gehenden Soldaten mit gebeugtem Kopf, der einen toten Kameraden auf seinen Schultern schleppt. Er steht für 5.000 Australier, die hier in einem über 24 Stunden dauernden Kampf gegen die Deutschen im Jahre 1916 ihr Leben verloren.

Fortsetzung folgt.

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Mit den eigenen Augen sehen

Nach Lille fahre ich nicht nur der Kunst wegen gerne, sondern auch aus massivem historischen Interesse. Denn in der Umgebung der Kulturhauptstadt 2004 haben sich fürchterliche Kämpfe des Ersten Weltkrieges abgespielt. Was sich dort abgespielt hat, möchte ich mit den eigenen Augen sehen. Verdun ist nicht weit von Lille entfernt. Auch Arras nicht. Viele kennen auch den berühmten Roman Flug nach Arras, von Antoine de Saint-Exupéry. Er war nicht nur Schriftsteller, „Der kleine Prinz“, sondern auch Pilot im Zweiten Weltkrieg.

Englischer-Friedhof
Australischer Soldatenfriedhof VC Corner

Als ich zur Pressereise „Wege der Erinnerung 1914 – 1918“ eingeladen werde, fühle ich mich hin- und hergerissen. Das Programm verspricht nur Beklemmendes, denn es soll drei Tage lang über Soldatenfriedhöfe, durch Museen und zu Schauplätzen des Ersten Weltkrieges gehen. Für Militärgeschichte interessierte ich mich aber während meines Geschichtsstudiums nie. Es gibt Spezialisten, die sich ungewöhnlich gut mit Heeresbewegungen, Waffen, Militärfahrzeugen auskennen und nahezu jedes Datum der Schlachten aufzählen können. Warum auch immer!

Auf Flohmärkten gibt es Bücher über Generäle, Panzerdivisionen und Kriegsschiffe. Nur einmal kaufte ich mir solch ein Werk, weil mir ein mit mir befreundeter Fotograf in der Nähe von Tromsø die Stelle zeigte, an der das Wrack der Tirpitz liegt, Hitlers Lieblingsschiff. Britische Bomber versenkten das Schiff. Es war beklemmend, zum Beispiel Uniformteile in einem Museum zu sehen, die einst deutschen Seeleuten gehört hatten.

Ich kenne auch Gibraltar im Süden Spaniens. Der heutige Affenfelsen nahm einst eine wichtige strategische Stellung zur Kontrolle des Mittelmeeres ein. Bis heute erinnere ich mich gerne an den britischen Kriegsveteranen, der mir erzählte, dass er einst auf Gibraltar als Pilot gearbeitet habe. Deutsche hätten sein Flugzeug abgeschossen. Oder an den Bericht des Kapitäns, der uns Delfine zeigte, und erzählte, wie spannend die Lektüre eines Romans über britische und deutsche Spione rund um den Felsen gewesen sei. Geschichte aus anderen Perspektiven.

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Restaurierter Schützengraben

Die dort gemachten Erfahrungen locken mich wieder nach Nordfrankreich. Ich will das mit eigenen Augen sehen, was ich nur aus den Geschichtsbüchern kenne. Ich will mit Menschen sprechen, die dort leben, solche Besuche nachbereiten, indem ich Literatur darüber lese. Die Reaktion, der Besuch solcher Stätten sei langweilig, kann ich nicht nachvollziehen. Denn solche Stätten hängen oft mit der deutschen Geschichte zusammen.

Fortsetzung folgt.

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