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Niedrige Wohnkosten oder kurze Wege in der Stadt?

Gerade wieder aktuell durch den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz: Ein Hoch aufs Dorf. Es gibt bundesweit den Trend, dass junge Familien aufs Land ziehen. Ich habe die Experten Prof. Dr. Klaus-Christian Wiegand und Dr. Barbara Malburg-Graf gefragt, woran das liegt und auf welche Bedingungen sich die Familien auf dem Land einzustellen haben. Wiegandt ist Professor für Stadt- und Regionalforschung an der Universität Bonn. Malburg-Graf unterstützt in Süddeutschland Kommunen und Regionen bei der Ausarbeitung von Entwicklungskonzepten für die Zukunft.

Das vollständige Interview unter https://corporate.vorwerk.de/de/vorwerk-thema/werte-wuensche-wohnen/niedrige-wohnkosten-oder-kurze-wege-in-der-stadt

Travel Guide to Aarhus, Denmark: Day-trip From Copenhagen – Vogue

Ist die Autorin der amerikanischen Zeitschrift “Vogue” wirklich in der Stadt des Lächelns gewesen? Nichts schreibt sie über die Atmosphäre in der Kulturhauptstadt, nicht einmal über die Kultur. Sind die Dänen etwa Säufer? Den im Text hervorgehobenen Akvavit kann ich auch in einem deutschen Discounter kaufen. Mit jemandem gesprochen hat sie auch nicht. Ich habe bisher noch nicht einen Artikel über Aarhus gelesen oder im Rundfunk gehört, bei dem ich das Gefühl hatte, dass die Autoren dort gewesen sind. Und die Photos stammen von einer Werbeagentur. Nicht die leiseste Kritik wird geäußert. Die Leser zahlen viel Geld für die Zeitschrift. Anzeigen werden von Unternehmen teuer bezahlt.Wo ist hier die Gegenleistung?

Kulturangebot: Münster auf Platz 4

Auf Platz 4 landet Münster im NRW-Kulturstädtevergleich. Was passiert also aktuell in Essen, immerhin europäische Kulturhauptstadt 2010? Münster stand 2010 im Finale dieses Wettbewerbes. Zahlt sich das Kulturjahr etwa nicht aus? Denn vor Münster liegen nur Bonn, Düsseldorf und Köln.

Langfristig wird Münster auch diese Städte überholen, wenn zum Beispiel die neue Matisse-Sammlung in einem eigenen Museum gezeigt wird. Als Standort gefiele mir das schöne Gebäude der ehemaligen JVA. In der dänischen Kleinstadt Horsens wird im ehemaligen Gefängnis die Geschichte des Hauses und die Biografie einiger prominenter Insassen etwa während der Besatzungszeit gezeigt. Sehr beliebt ist es auch, dort zum Übernachten eine Gefängniszelle zu mieten.

Das ehemalige Postgebäude am Hafen wird zurzeit leider abgerissen. Lille, Kulturhauptstadt 2004, hat das alte Postgebäude erhalten und in eine erfolgreiche Kunsthalle für moderne Kunst umgewandelt. 

Als Gründe für das erfolgreiche Abschneiden zieht die Jury des Welt-Wirtschaftsinstitutes und der Privatbank Berenberg das kulturelle Angebot an Opernhäusern, Theatern, Museen und Kinos sowie die Nachfrage durch Einwohner und Besucher heran. Untersucht wurden die 30 größten deutschen Städte. Deutschlandweiter Spitzenreiter ist Stuttgart. Weitere Infos in der heutigen Ausgabe der Westfälischen Nachrichten.

Karpfenschuppen als Glücksbringer

Ein Abend im Lendviertel in Graz

Nach einem Tag Rundgang bietet es sich an, den Abend im Lendviertel zu verbringen, das nah an der Murinsel liegt. Besucher können sich leicht einem Rundgang anschließen, den die jungen Kreativen hier gelegentlich anbieten. Dabei handelt es sich um eine Umgestaltung des ehemaligen Rotlichtviertels. Doch von Reeperbahnatmosphäre ist nur wenig zu sehen. Hier verkauft Iris Kastner in ihrem Geschäft „kwirl“ Designgegenstände, Geschenke und Souvenirs. 2008 hat sie ihr Geschäft gegründet. Gerade versilbern sie und eine Mitarbeiterin in der Werkstatt Karpfenschuppen, die sie am nächsten Morgen an einem Aktionsstand als Glücksbringer verkaufen wollen. „Dies ist ein osteuropäischer Brauch. Es ist für uns ein kleiner Anfang, eigene Produkte herzustellen und zu verkaufen“, erklärt sie. Werde die Schuppe in ein Portemonnaie gelegt, gehe dem Besitzer nie das Geld aus. Doch nicht nur sie stellt eigenes her, sondern auch andere Designer können bei ihr Produkte verkaufen.

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Endlich gibt es auch den im Magazin abgebildeten Friseursalon „Die Haarschneiderei“ zu sehen, bei dem erstmals Zweifel am Konzept der Bewerbung aufkamen, weil Friseurhandwerk im engeren Sinne kein Design ist. Kultstatus hatte bislang nur der Brite Vidal Sassoon. Dessen Frisuren der Jahre 1964 bis 1966 schrieben ein Stück Gestaltungsgeschichte, womit erstmals und wohl bislang das einzige Mal, ein Friseur nicht allein der Star seines Faches, sondern kurzfristig auch ernstzunehmender Protagonist der gestalterisch-künstlerischen Avantgarde wurde. Friseure hatten es von alters her schwer, ernst genommen zu werden. Und wenn sich die TV-Prominenz mit einem Besuch bei Udo Walz schmückt, der einen Salon auf dem Traumschiff hat, steht Frisieren im Mittelpunkt sowie die Verwöhnung einer liquiden, aber kaum neuerungswilligen Kundschaft. Der Salon erinnert an die 50er Jahre, eingerichtet mit alten Fotoporträts an den Wänden, einer alten Tischlampe und einer Pinnwand, auf der zu einer Collage angeordnete Seiten aus alten Modemagazinen fixiert sind. Inhaber Jakob Esslinger ist selbst ein Kunstwerk, seine Arme sind tätowiert. Auf http://www.diehaarsschneiderei.com kann sich jeder selbst einen Eindruck von diesem Sammelsurium machen und Bilder anschauen. Als Kontrast dazu stechen auf dem Lendplatz elegant gestaltete Holzbänke neben einem schönen Brunnen ins Auge, mal nicht die Lattenholzbänke, die sonst auf der ganzen Welt zu sehen sind. „Ältere Menschen freuen sich über das warme Holz“, berichtet Sabine Prammer.

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Nach der Führung durchs Stadtviertel treffen sich die Kreativen aus allen Bereichen mit anderen Bewohnern und rösten auf einem Gehweg sechs Kilo Maronen, die sie selbst gesammelt haben. Am Feuer werden die Ereignisse des Tages besprochen. Währenddessen laufen Ausschnitte von Live-Konzerten auf einer Leinwand. Mit der Zeit kommen weitere junge Menschen hinzu wie ein Architekt, der gerade erst nach dem Studium in Wien in sein Heimatviertel zurückgekehrt ist. Hier wird also zwischen Privatem und Öffentlichem vermittelt. Die Menschen treten aus ihrer Privatheit heraus. Sie netzwerken nicht nur über Chaträume, sondern auch in einem öffentlich zugänglichen Raum, dem Lendviertel.

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Der oftmals erfolgende Rückgriff auf vergangene Stilepochen, Moden, Lebensformen kann Ausdruck eines Wunsches sein, vergangene glücklichere Zeiten wiederzuerwecken, zurückzuholen. Das Nostalgische kann eine Flucht aus der bedrückenden Gegenwart sein, eine Erscheinung in Epochen großer Umwälzungen. Das Zurückträumen kann zum einen das Aushalten der Gegenwart erträglicher machen, zum anderen auch das Ungenügen an ihr wachhalten. Es kann zum Erhalten befähigen, aber auch zum Verändern motivieren. „Pensionopolis“ existiert nicht mehr. Auf dem Grundriss von „Pensionopolis“ ist eine lebendige, von vielfältigen Schichten und Strömungen beherrschte moderne Stadt entstanden. Dies wird in jedem Viertel auf seine Weise sichtbar.


Ende der Serie

Tipps: Schlafen und Shoppen in Graz

Friseursalon im Lendviertel

Menschen müssen noch überzeugt werden

Umgestaltung des Jakominiviertels findet nicht überall Anhänger

Sophie Wolfrum, Wissenschaftlerin an der TU München, beschreibt nun aber die Privatwohnung im Essay „Stadt, Solidarität und Toleranz“ als Ort der Autonomie und Immunität. Hinaus gehen die Bewohner gezielt, um wohl dosiert soziale Kontakte zu pflegen. Der soziale Privatraum werde zu einem zu verteidigenden Territorium, das vor Kriminalität oder vor Fremden abgeschirmt werden müsse. Wird dies aber wirklich mit solch einer Laufbahn erreicht, während zugleich in die Wohnungen eingebrochen wird?

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Teeparadies in der Jakoministraße

Plakate an den Häusern zeigen, dass die Menschen noch überzeugt und sogar vertröstet werden müssen: „Ganz ehrlich. Eine rote Laufbahn wäre mir auch eingefallen. Großartig! Aber die rote Laufbahn ist nur eine von vielen Maßnahmen, um das Jakominiviertel langfristig attraktiver zu machen. Also her mit den guten Ideen!“ Das im Herbst abgeschlossene Projekt kostete 80.000 Euro. Es wird von manchem Grazer als herausgeworfenes Geld bezeichnet. Die kulturelle Vielfalt wird zwar gefördert, wenn Kreative wie die Restauratoren gewonnen werden können. Damit einhergehend wird wohlhabende Kundschaft angezogen. Zugleich werden aber andere ausgegrenzt wie vor allem ärmere Bevölkerungsgruppen, da die Mieten steigen. Dies zeigen die Reaktionen der Befragten. Vor kurzem wurde trotz Kritik der Anwohner der Alte Hof in der nahen Kolpinggasse abgerissen. Drei Häuser in der Jakoministraße wurden kürzlich von einem Investor gekauft, der sie sanieren und dann Büros und Wohnungen errichten will.

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Geschäft mit orientalischen Delikatessen in der Jakoministraße

Zunächst kann die dem folgende Teuerung für sozialen Unfrieden sorgen, weshalb die Menschen in bezahlbare Viertel ziehen müssen, was zu Ghettoisierung und Konflikten zwischen neuen und alten Bewohnern führen kann. Das Problem wird also verlagert, nicht gelöst. Ist die Laufbahn nicht eher reines Prestigeobjekt? Denn Design ist die Summe aus Gebrauchsobjekt und Kunstwerk, aus Funktionalästhetik und künstlerischem Ausdruck. Nur wenn das Verhältnis stimmt, spricht man von gutem Design. „Das Jakominiviertel war einst ein Handwerksviertel mit Schustern und Schneidern. Doch mit den Jahren siedelten sich Handelsbetriebe an, die sich jedoch nur schwer halten konnten“, erklärt Sabine Prammer. Mit einem Mietfördermodell wolle man noch mehr Kreative anziehen. Seit dem Start hätten sich über 20 Kreative angesiedelt. Diese nehmen zum Teil auch die drei Jahre laufende Mietförderung in Anspruch, die sich „an alle Unternehmen und Selbstständigen richtet, die erwerbsmäßig, das heißt, gezielt mit Gewinnerzielungsabsicht kulturelle Güter und Dienstleistungen entwickeln, schaffen, produzieren, vermarkten und verteilen beziehungsweise medial verbreiten“.


Fortsetzung folgt.

Tipps:

Schlafen und Shoppen in Graz

Einen interessanten Weg verfolgt eine Initiative in Mönchengladbach, um den Leerstand in der Innenstadt zu beseitigen:

Maria, Herzogin von Burgund, betete in Lille

Andere Kulturhauptstädte wie Graz in der Steiermark heißen ihre Besucher direkt in einer schönen Altstadt willkommen. Der Weg vom Hotel in die Altstadt dauert aber nur wenige Minuten. Fremdenführerin Anne übernimmt die Aufgabe, ihre Gruppe deutscher Journalisten in die Geschichte der Stadt einzuführen.

Sie beginnt eine Zeitreise, die zunächst mit einer privaten Kapelle der Herzogin Maria von Burgund ins späte Mittelalter führt. Erbaut wurde diese von 1450 bis 1470. Das schlichte, innen weitgehend schmucklose Gebäude befindet sich im ehemaligen Rathaus der Stadt, in dem heute die Touristeninformation untergebracht ist. Das Rathaus war im 15. Jahrhundert als Palais Rihour eine Residenz der Herzöge von Burgund. Als Karl der Kühne, Herzog von Burgund, 1477 gestorben sei, habe seine Tochter Maria von Burgund den Erzherzog Maximilian von Österreich geheiratet, erzählt Anne. Maria war durch den Besitz des Herzogtums eine der besten Partien Europas. Die burgundische Erbschaft war einer der entscheidenden Schritte beim Aufstieg des Hauses Habsburg zur Weltmacht. Lille gehörte jetzt zu Österreich.

3sat zeigte Anfang Januar 2018 eine sehr gute Verfilmung über den letzten Ritter Maximilian und Maria. “Maximilian – Das Spiel von Macht und Liebe”. Dem Regisseur ist es gelungen, die Geschehnisse auf die wichtigsten Ereignisse zu Beginn seiner Regentschaft zu reduzieren. Die Verfilmung steht noch in der Mediathek.

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Sehenswert in der angrenzenden Sakristei sind Bleiglasfenster aus dem 16. Jahrhundert; ursprünglich befanden sie sich in der Kirche Saint-Pierre in La Couture in der Nähe von Lille. Eines zeigt Figuren aus dem Alten Testament wie zum Beispiel König David, ein anderes einen Mönch, ein weiteres einen Bischof.

Weitere Infos:

https://de.wikipedia.org/wiki/Palais_Rihour

https://de.wikipedia.org/wiki/Burgund

Maximilian-Verfilmung

Fortsetzung folgt.