Erinnerungstourismus in Nordfrankreich

Scharen von Touristen – vorwiegend aus Australien und Kanada – rollen täglich vor die Friedhöfe für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges in Nordfrankreich. Sie nehmen dafür über 20-stündige Flüge von Sydney oder Vancouver nach Paris in Kauf. Auch viele Briten sind unter den Besuchern. Was suchen all diese Menschen in der Region Nord-Pas-de-Calais, fast hundert Jahre nach dem Kriegsgeschehen? Sind sie in den Sog des Erinnerungstourismus geraten?

Zur Stärkung vor der Tour empfiehlt sich in Lille erst einmal der Besuch der Brauerei Les 3 brasseurs in der Nähe des Hauptbahnhofes. Dort gibt es deftiges Essen. Viele trinken hier Bier, was zu Lille traditionell gehört. Mir serviert man Rindfleisch mit Pommes Frittes. Fritten sind typisch hier. Belgien ist nahe. Das Rindfleisch besteht aus einzelnen Stücken, die zu einem saftigen Stück zusammengefügt sind. Als Dessert kommt Eis mit Spekulatius auf den Tisch. Es gebe nahe Lille eine große Spekulatius-Fabrik, erklärt man uns. Daher gehörten Spekulatius immer zum Essen. Dann geht es nach Arras. 

Viele Touristen strömen in der Nähe von Arras zu einem neuen australischen Ehrenmal von 1998 in Fromelles. Hier verlief längere Zeit die Westfront. Australien musste am 23. August 1914 gemeinsam mit den anderen Dominions Kanada, Südafrika und Neuseeland sowie mit der Kolonie Britisch-Indien in den Krieg eintreten. Das Denkmal zeigt einen breitbeinig gehenden Soldaten mit gebeugtem Kopf, der einen toten Kameraden auf seinen Schultern schleppt. Er steht für 5.000 Australier, die hier in einem über 24 Stunden dauernden Kampf gegen die Deutschen im Jahre 1916 ihr Leben verloren.

Fortsetzung folgt.

Mit den eigenen Augen sehen

Nach Lille fahre ich nicht nur der Kunst wegen gerne, sondern auch aus massivem historischen Interesse. Denn in der Umgebung der Kulturhauptstadt 2004 haben sich fürchterliche Kämpfe des Ersten Weltkrieges abgespielt. Was sich dort abgespielt hat, möchte ich mit den eigenen Augen sehen. Verdun ist nicht weit von Lille entfernt. Auch Arras nicht. Viele kennen auch den berühmten Roman Flug nach Arras, von Antoine de Saint-Exupéry. Er war nicht nur Schriftsteller, „Der kleine Prinz“, sondern auch Pilot im Zweiten Weltkrieg.

Englischer-Friedhof
Australischer Soldatenfriedhof VC Corner

Als ich zur Pressereise „Wege der Erinnerung 1914 – 1918“ eingeladen werde, fühle ich mich hin- und hergerissen. Das Programm verspricht nur Beklemmendes, denn es soll drei Tage lang über Soldatenfriedhöfe, durch Museen und zu Schauplätzen des Ersten Weltkrieges gehen. Für Militärgeschichte interessierte ich mich aber während meines Geschichtsstudiums nie. Es gibt Spezialisten, die sich ungewöhnlich gut mit Heeresbewegungen, Waffen, Militärfahrzeugen auskennen und nahezu jedes Datum der Schlachten aufzählen können. Warum auch immer!

Auf Flohmärkten gibt es Bücher über Generäle, Panzerdivisionen und Kriegsschiffe. Nur einmal kaufte ich mir solch ein Werk, weil mir ein mit mir befreundeter Fotograf in der Nähe von Tromsø die Stelle zeigte, an der das Wrack der Tirpitz liegt, Hitlers Lieblingsschiff. Britische Bomber versenkten das Schiff. Es war beklemmend, zum Beispiel Uniformteile in einem Museum zu sehen, die einst deutschen Seeleuten gehört hatten.

Ich kenne auch Gibraltar im Süden Spaniens. Der heutige Affenfelsen nahm einst eine wichtige strategische Stellung zur Kontrolle des Mittelmeeres ein. Bis heute erinnere ich mich gerne an den britischen Kriegsveteranen, der mir erzählte, dass er einst auf Gibraltar als Pilot gearbeitet habe. Deutsche hätten sein Flugzeug abgeschossen. Oder an den Bericht des Kapitäns, der uns Delfine zeigte, und erzählte, wie spannend die Lektüre eines Romans über britische und deutsche Spione rund um den Felsen gewesen sei. Geschichte aus anderen Perspektiven.

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Restaurierter Schützengraben

Die dort gemachten Erfahrungen locken mich wieder nach Nordfrankreich. Ich will das mit eigenen Augen sehen, was ich nur aus den Geschichtsbüchern kenne. Ich will mit Menschen sprechen, die dort leben, solche Besuche nachbereiten, indem ich Literatur darüber lese. Die Reaktion, der Besuch solcher Stätten sei langweilig, kann ich nicht nachvollziehen. Denn solche Stätten hängen oft mit der deutschen Geschichte zusammen.

Fortsetzung folgt.

Film: Abenteuer Museum. LaM in Lille

Zwei Hasen schauen einander an. Einer überreicht dem anderen etwas. Erwartungsvoll öffnet dieser die Arme. Die beiden Skulpturen sind die Publikumslieblinge im Museum für moderne Kunst, zeitgenössische Kunst und Art brut in Lille (LaM). Jeder sieht sofort, dass der Künstler im Grunde eine Frau und einen Mann geschaffen hat, die miteinander tanzen. Über den Humor verbinde man zeitgenössische eigentlich nicht., sagt eine der Kuratorinnen. Doch so wolle man die Besucher an aktuelle Themen heranführen

Hasen

Abenteuer Museum. Das LaM in Lille“ – der arte-Film vermittelt sehr gut das Besondere dieses Museums. Es stellt die verstaubten Kunstmuseen in Paris in Sachen Kunstvermittlung klar in den Schatten. In Paris werden wertvolle Gemälde bloß zur Schau gestellt. Dabei sind die Einnahmen durch die hohe Zahl der Besucher sicher üppig, um eine gute Museumsdidaktik aufzubauen. Doch das scheint man nicht für nötig zu halten. Kein Wunder, dass ins Louvre zum Beispiel die Selfie-Kultur vor der Mona Lisa eingezogen ist.

Ebenso arbeitet der Film gut die besondere Lage der Kunsthalle heraus. Es liegt außerhalb Lilles in einem Park. Es sind Jogger zu sehen, die auch dazu eingeladen sind, sich die Bilder und Skulpturen anzuschauen. Lille liegt nahe an Belgien und England, öffnet sich so aus Sicht der Franzosen nach „Nordeuropa“. Das Museum soll zum Alltag der Menschen gehören, Teil eines Netzwerkes sein.

In einer Reportage stelle ich die drei spannenden Museen LaM, Tripostal und Palais des Beaux-Arts vor. Interessierte Redakteure dürfen sich gerne bei mir melden.

Der sehenswerte Film steht in der Mediathek zur Ansicht bereit. Schnell anschauen, bevor er wieder abgesetzt wird.

Weiterführende Links:

Auszug aus Reportage über Lilles spannende Museen

arte Film: Abenteuer Museum

LaM – Lille Métropole, musée d’art moderne, d’art contemporain et d’art brut

Renaissance-Fest auf dem Grand Place

Nach Lille lockt mich einerseits die Aussicht mit dem Renaissance-Fest auf dem Grand Place, die Kulturhauptstadt 2004 mit anderen Kulturhauptstädten zu vergleichen. Die in Västerbotten liegende Stadt Umeå ist seit 2010 schwedische Kulturhauptstadt. Aarhus in Mitteljütland setzt diese Reihe in Dänemark 2018 fort. Beide Städte kenne ich gut, da ich regelmäßig durch Skandinavien reise.

Andererseits wird sich dort vor 500.000 Besuchern ein Renaissance-Fest auf dem Grand Place abspielen. Dieses findet fast jedes Jahr statt, selbst aktuell in Zeiten der Corona-Pandemie. Erst kurz davor bin ich mit dem Fahrrad von Bonn aus aufgebrochen, um auf 1.100 Kilometern nicht nur den Niederrhein und den südlichen Teutoburger Wald anzuschauen. Ich wollte mich auch von der Weser-Renaissance inspirieren lassen. Hervorragende architektonische Perlen aus dem 15. und 16. Jahrhundert sind zum Beispiel das Bremer Rathaus, das Schloss Hämelschenburg vor sowie das Rattenfängerhaus in Hameln. Renaissance hat mich also ziemlich inspiriert.

Werden die aus Rio, Detroit und Seoul angereisten Akteure historische Gewänder tragen? Durchströmt Musik aus dieser Zeit die Stadt? Dort sind auch noch Häuser aus Renaissance und Barock erhalten. Wird aus Literatur des Renaissance zitiert? Etwa aus Theaterstücken des berühmten portugiesischen Dramatikers Gil Vicente? Vicente ist auch Franzosen gut bekannt. Portugiesische Einwanderer haben ihn in Frankreich eingeführt.

Angekündigt ist eine Transformation der historischen Renaissance in die heutige Zeit. 

Hier folgt nun ein Ausschnitt aus dem dem Renaissance-Fest auf dem Grand Place:

Godzilla-1

Godzilla steigt am Bahnhof Gare Lille Flandres in die Luft. Bietet der dort startende große Umzug Einblicke ins amerikanische Kino?

Weitere Giganten beleben das Stadtbild: hier ein orientalischer Herrscher mit Minaretten auf dem Kopf.

Dort ein Karibe mit Federbusch.

Ein King Kong ähnlicher Gorilla.

Der Grand Place bietet reichlich Gelegenheit für ein Fotoshooting.

Die Szenerie erinnert an das im Palais des Beaux-Arts hängende Gemälde „Le Bal des Quat’z’arts descendant les Champs-Elysées“. George-Antoine Rochegrasse stellt darauf das Künstlerfest von 1894 auf den Champs-Elysées in Paris dar. Fröhliche Menschen aus fast allen Erdteilen der Welt und aus unterschiedlichen Epochen sind darauf abgebildet. Die 1890-er Jahre bilden den Höhepunkt des französischen Imperialismus. Frankreich erobert große Gebiete in Afrika und Asien und kann damit England die Stirn bieten. Das Bild kann man als Propagandabild deuten. Nach dem deutschen Sieg von 1870/71 hat Frankreich eine neue Identität gefunden. Es kann seinen Nationalstolz in neuer Identität als Republik und Kolonialmacht behaupten.

Aus der Vogelperspektive sind die zusammenlaufenden Straßen gut zu sehen. Hierdurch ziehen in der Dunkelheit die ersten Wagen. Die begleitende Musik erinnert mich an den Karneval von Rio. Eine Lasershow hüllt Tänzer und Musiker in unwirkliche Farben.

Aber mit einer Transformation von der Renaissance in die Moderne hat dies wenig zu tun. Oder?

Unter diesem Eindruck führt der Weg ins urige Restaurant “Au barbue d’Anvers„. Dort kann man dem Rummel entgehen.

Fortsetzung folgt.

Abenteuer Museum: Das LaM in Lille

In gut vier Wochen beginnt die Fußball-Europameisterschaft in Frankreich. Seit gut zwei Wochen stelle ich daher die Stadt Lille in Nordfrankreich vor. Sie ist Gastgeberin der deutschen Nationalmannschaft.

Als ich heute morgen das Fernsehprogramm nach relevanten Beiträgen durchforstete, dachte ich: Das ist nicht möglich. Vor einigen Tagen bot ich verschiedenen Medien eine große Reportage an über die spannende Art der Nordfranzosen, Kunst darzustellen. Den Kunsthallen ist die Handschrift der Gestalter der Kulturhauptstadt 2004 anzusehen, wogegen die Darbietung von Kunst in Paris geradezu verstaubt daherkommt.

Lille-Théo-Wiesen

Arte stellt ein echtes Schmuckstück unter den Museen Lilles vor: das „Lille Métropole Musée d’art moderne“ (LaM). Das liegt schon daran, dass es in einer von Wiesen und Wald umsäumten Parklandschaft bei Villeneuve-d’Ascq liegt. Es gibt nicht viele französische Museen dieses Typs. Denn die meisten liegen in den Stadtzentren. Die Architektur des Gebäudes ist in Frankreich etwas Neuartiges. Wie ich an der Beschreibung des Beitrags gesehen habe, werden die Autoren auch darauf eingehen.

Arte zeigt am kommenden Sonntag,

15. Mai, 17:35-18:30 Uhr

Abenteuer Museum

Das LaM in Lille

Ich bin gespannt auf den Film.

Im schönsten Innenhof Lilles?

Am Grand Place gibt es einen schönen Innenhof, in dem täglich auf einem Flohmarkt Bücher, Zeitschriften und Schallplatten verkauft werden. An zwei Tischen spielen Männer Schach. Solche Szenen mag ich gerne.

Lille-Innenhof-Flohmarkt

Während meines Erasmus-Studium in Barcelona bin ich oft in ein Café in der Nähe der Universität gegangen, wo die Leute Schach und Domino gespielt haben. Solche Cafés sind eine gute Möglichkeit, Land und Leute kennen zu lernen.

Hinter dem Innenhof beginnt die Geschäftswelt. Es ist gar nicht so lange her, dass die Altstadt renoviert wurde. „Als die Altstadt attraktiv wurde, zogen Luxusgeschäfte in die Rue de la Monnaie.“ Wie Anne erklärt, gebe es mit der Rue de la Monnaie und der Rue de la Grande- Chaussée zwei Haupteinkaufsstraßen. „20 Prozent der Kunden kommen aus Belgien der Mode wegen“, erzählt Anne. „Belgische Frauen sagen: Was ich haben will, finde ich in Lille.“

In den Geschäften finden sich daher auf Belgierinnen zugeschnittene Kleider. Aber jeder dritte Laden scheint auch ein Schuhgeschäft zu sein. „Die Geschäfte sind ein bisschen teuer, aber gut.“ Die Miete sei hoch hier. Ihre Tochter zahle für 50 Quadratmeter 800 Euro. Dies hänge mit der hohen Nachfrage nach Wohnraum zusammen.

Bei solchen Mieten muss mancher sich das Leben versüßen.Entweder beim Feinkosthändler mit einem in Jugendstil ausgestatteten Geschäft oder mit „Cramique de sucre“, ein süßes Brot mit einer zarten braunen und mit Zucker überzogenen Kruste; es enthält Rosinen. In einer Bäckerei kosten 500 Gramm stolze 6,60 Euro.

Fortsetzung folgt.

Hartes Gewölbe aus Blaustein

Nach dem Besuch der Bäckerei und der Verköstigung mit Cramique du Sucre in der Geschäftszone Lilles in Flandern führt Anne in ein schönes Textilgeschäft. Dort in der Altstadt zeigt sie uns ein hartes Gewölbe aus Blaustein. „Alle Gebäude in der Altstadt verfügen über solche Keller“, erklärt Anne. Sie seien aus Blaustein erbaut, einem harten Kalkstein, der nicht altere, so dass man auch auf ihm im Gegensatz zu Sandstein laufen könne. Er werde in einer Entfernung von 30 Kilometern in Belgien abgebaut. Das Gewölbe stamme aus dem 17. Jahrhundert, ungefähr zu der Zeit, als Ludwig XIV. Lille belagerte. Der König wollte die durch Tuchhandel reich gewordene Stadt ins Reich eingliedern.

Lille-Geschäftszentrumt

An solch einer Architektur macht Anne deutlich, warum Lille Kulturhauptstadt ist. Denn die alten Häuser fallen nicht der Abrissbirne zum Opfer, wie es auch in Aarhus zu sehen ist. Das Hafenviertel der Kulturhauptstadt 2017 erwacht zu Leben, indem Architekten dort alte Fabrikgebäude renovieren lassen und für junge Unternehmen öffnen. Aber auch eine Strandbar, ein Volleyballfeld und Schwimmmöglichkeiten für die Bürger gibt es seit kurzem. So bleibt der Charakter der Stadt erhalten. Der Tourist wandelt durch die Vergangenheit wie durch hartes Gewölbe aus Blaustein, sieht aber schon die Zukunft.

Ein wenig an die Geschichte der Sagrada Familia in Barcelona erinnert die Baugeschichte der Kathedrale Notre-Dame-de-la-Treille. Mit ihr schließt Anne die Führung durch Lille ab. 1854 begann der Bau der neogotischen Kirche. Erst Weihnachten 1999 wurde er mit einer besonderen Fassade vollendet. „An der Westseite erhebt sich eine Fassade aus leuchtendem portugiesischen Marmor. Sie ist eine Besonderheit, denn durch den Marmor dringt das Licht aus der Welt in die Kirche ein. Wenn die Sonne darauf scheint, fühlt sie sich warm an. Von innen ist sie fast honigfarben. Von außen strahlt sie weiß.

Fortsetzung folgt.

Wanderung um die Burg Are

Jährlich radele ich an der Ahr von Blankenheim nach Remagen. Wenn ich aus dem Tal in die Berge schaue, denke ich, dass die Wanderung durch die Weinberge  ziemlich langweilig sein muss.

 

Gipfelkreuz

Kristen-Burg-Are

Wanderweg-mit-Blick-auf-Altenahr

Wenn noch nicht die Blätter an den Reben sprießen, sieht es kahl aus. Wege zwischen den Weinstöcken treten deutlich hervor. Es sieht so aus, als wären die Wanderer nur auf Asphalt unterwegs.
An Christi Himmelfahrt entdeckte ich aber, dass dieser Eindruck täuscht. Es gibt zwischen Altenahr und Rech viele schöne Rundwege, die abwechslungsreich sind und zum Wandeln an der Ahr, zum Durchstreifen und Entdecken der Wälder und Dörfer einladen.

An-der-Ahr

Endlich stieg ich  auch mal zur Ruine der Burg Are herauf. Dort bietet sich ein schöner Panoramablick an.

Silberne Lilie ist Lilles Wahrzeichen

Schon kurz nach dem Einchecken ins Hotel in Lille gibt es eine Stadtführung durchs Zentrum. Von der Kapelle im Rathaus der Stadt führt Anne vom ehemaligen Rathaus zur Grand Place: einem quirligen Platz. An einer Treppe steht ein Farbiger. Auf sein selbstgebautes Glockenspiel drischt er mit Trommelschlägern ein. Es klirrt schmerzhaft. Seitlich am Instrument wehen französische Fahnen.

Vor dieser Geräuschkulisse und vorm schönsten Haus der Stadt – La Vieille Bourse – erfahre ich, wie es zum Namen der Stadt gekommen ist. Er setze sich aus Lilie + Insel zusammen, erklärt Anne. Der altfranzösische Name L’Isle leite sich von der ursprünglichen Lage der Stadt auf einer Sumpfinsel im Tal der Deûle ab. Am Giebel ist eine silberne Lilie mit den Löwen von Flandern abgebildet, ein beliebtes Fotomotiv. Die 1653 errichtete Börse setzt sich aus 24 schmalen hohen Häusern zusammen. „Diese Form ist typisch für Flandern“, sagt Anne. Dies habe etwas mit dem Steuersystem zu tun. „Bei einer schmalen Fassade fiel die Steuer nicht so hoch aus.“ In diesen Häusern wohnten 24 Familien der Händler. Flandern wurde 1653 von Philipp von Spanien regiert.

An ein weiteres wichtiges Ereignis erinnert eine Göttin mit einer Kanonenlunte in der Hand. Sie steht hoch auf einer Säule. 1792 belagerten 35.000 österreichische Soldaten die Stadt. Es handelte sich um den ersten Koalitionskrieg zwischen Österreich, Preußen und Frankreich, in den auch Lille involviert war. „Colonne de la Déesse“ heißt die Säule. Auf YouTube kannst Du Annes Vortrag anklicken.

Frankreich-Lille-Grand-Place klein

In der Nähe steht „Die Stimme des Nordens“, das 1934 erbaute Haus der Zeitung „La voix du Nord“. 28 Fenster stehen für 28 Ausgaben. Auf dem Dach stehen drei goldene Grazien, die für die früheren Grafschaften Artois, Hainault und Flandern stehen. Die linke Dame zum Beispiel ist mit einem Schiff dargestellt. Sie symbolisiert so die an der Küste liegende historische Provinz Artois. Alle Grafschaften bilden das Departement Nord-Pas-de-Calais mit 4,5 Millionen Einwohnern.

Während Annes Vortrag dreht ein verwirrter Mann wie Tiger im Käfig um unsere Gruppe seine Runden; er stößt Flüche über die Weltverschwörung aus. Etwas fürchte ich mich vor ihm. Denn ich weiß nicht, was er als nächstes tun wird. Inmitten der malerischen Kulisse der Häuser aus der Zeit des Barock und der Renaissance vergesse ich das kühle Erscheinungsbild der Stadt beim Empfang. „Jetzt reicht es mit der Geschichte!“ Anne ruft zur Besichtigung eines schönen Innenhofs auf.


Fortsetzung folgt.