Günter Wallraff – Der Aufmacher

Buch des Monats: Blick auf Pressefreiheit und Boulevardjournalismus

Reporter holding a camera at a desk with newspapers and typewriter
Von KI gene­rier­tes Bild

„Ich ver­ab­scheue Gewalt und Ter­ror. Ich ver­ur­tei­le die Mor­de an von Drenk­mann, Buback und Pon­to und den vier Beglei­tern Schley­ers“. Sei­ne Metho­de, under­co­ver zu arbei­ten, sorg­te Ende der 1970er Jah­re für Furo­re. Die Rede ist von Gün­ter Wall­raff, Er schleus­te sich in die Bild-Redak­ti­on in Han­no­ver ein und schrieb fort­an als Hans Esser Arti­kel. Über die­se Zeit schrieb er das Buch „Der Auf­ma­cher. Der Mann, der bei BILD Hans Esser war. „War­um die­se Vor­be­mer­kung zu die­sem Buch? Weil zur Zeit in die­sem Land ein Kli­ma herrscht, in dem demo­kra­ti­sche Kri­tik dif­fa­miert und in Ter­ro­ris­ten­nä­he gerückt wird.“ Er selbst sei von Bild als „Unter­grund­kom­mu­nist“ bezeich­net wor­den, was Wall­raff damals mit „Ter­ro­rist“ gleichsetzte.

Hier­mit setzt sich die Serie “Buch des Monats” nun zum ers­ten Mal mit einem jour­na­lis­ti­schen Werk fort, das der Rei­sen­de erst­mals im Früh­jahr 2026 gele­sen hat. Zuletzt ging es um John Hedge­coes Werk „Foto­gra­fie­ren. Die neue gro­ße Foto­schu­le“. Es han­delt sich um Wer­ke, die den Rei­sen­den in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren und aktu­ell wäh­rend sei­ner Zeit als Rei­se­jour­na­list inspi­rie­ren und in sei­ner Arbeit vor­an­brin­gen. Dar­un­ter befin­den sich wei­te­re bekann­te Jour­na­lis­ten, die auch lite­ra­risch aktiv waren und sind. Hier soll es nun um ein Werk gehen, in dem Wall­raff beschreibt, wie es in einer Redak­ti­on im Bou­le­vard-Jour­na­lis­mus zuge­hen kann.

Undercover zu arbeiten, heute nötiger denn je

Als der Rei­sen­de erst­mals “Roll­trep­pe abwärts” von Wall­raff las, such­te er selbst noch nach sei­ner Rol­le als Jour­na­list, Er ist aber nie in solch eine Rol­le geschlüpft, weil weder im Lokal‑, noch Rei­se- oder Kul­tur­jour­na­lis­mus so gear­bei­tet wird. Inves­ti­ga­tiv ist er bis­lang nie unter­wegs gewe­sen. In dem Bereich ist es aber bis­wei­len not­wen­dig, wenn man sich ansieht, wie es mit Erdo­gan, Orban und Putin anfing. Und seit gerau­mer Zeit ver­sucht Trump, kri­ti­sche Medi­en ein­zu­schrän­ken, sich dabei über Gerichts­ent­schei­dun­gen hin­weg­zu­set­zen mit ekla­tan­ten Ver­stö­ßen gegen die ame­ri­ka­ni­sche Ver­fas­sung. Denn Mit­ar­bei­ter des Wei­ßen Hau­ses lie­ßen Repor­ter trotz rich­ter­li­cher Ver­fü­gung nicht eintreten. 

In Deutsch­land müs­sen man­che Jour­na­lis­ten under­co­ver arbei­ten, wenn sie im rechts- oder links­extre­men Milieu recher­chie­ren, selbst in der Wirt­schaft. Sie wer­den sonst mit Dro­hun­gen ein­ge­schüch­tert. Im Jour­na­list las der Rei­sen­de jetzt, dass mit Sanaz Saleh-Ebra­hi­mi eine bekann­te Jour­na­lis­tin für „Die Zeit“ im Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel­be­reich recher­chier­te und vom mil­lio­nen­schwe­ren Fit­ness-Influen­cer Chris­ti­an Wolf ein­ge­schüch­tert wor­den sei. Selbst die Redak­ti­on habe sie nicht dabei unter­stützt, gegen ihn vor­zu­ge­hen, klag­te sie. 

Selbst die CDU plant aktu­ell offen­bar, das Infor­ma­ti­ons­frei­heits­ge­setz ein­zu­schrän­ken aus Grün­den der Sicher­heit. Wich­ti­ge poli­ti­sche Pro­zes­se wür­den der Öffent­lich­keit dann nur über den Kla­ge­weg durch Medi­en zugäng­lich wer­den. Den Jour­na­lis­ten wird es erschwert, poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Vor­gän­ge zu benen­nen, zu beur­tei­len und ein­zu­ord­nen. Das kön­nen sozia­le Medi­en nicht.

Das 1977 bei Kie­pen­heu­er & Witsch publi­zier­te Buch zeigt auch auf, wie die dama­li­ge Jus­tiz auf die Ver­öf­fent­li­chun­gen Wall­raffs reagier­te. Es kam zu ihm völ­lig uner­klär­li­chen Urtei­len, die wohl nur auf Druck Sprin­gers und ande­rer Krei­se zustan­de gekom­men sein kön­nen. Selbst ein Rich­ter ist nicht unfehl­bar und unabhängig.

Nicht an Aktualität verloren

Die dama­li­ge Absicht Wall­raffs hat also nicht an Aktua­li­tät ver­lo­ren. Er zeig­te auf, wie Bild arbei­tet, Inhal­te ver­dreht, Zita­te aus dem Zusam­men­hang reißt, um gele­sen zu wer­den. Auch beschreibt er, wie dama­li­ge Pro­mi­nen­te aus Wirt­schaft und Poli­tik sich ger­ne vor den Kar­ren span­nen lie­ßen. Er ze8igt auch auf, wie ein­fa­che Men­schen bloß­ge­stellt und bei Gegen­wehr von Redak­ti­on und Anwäl­ten ein­ge­schüch­tert wur­den. Selbst inner­halb der Redak­ti­on wur­den Mit­ar­bei­ter umge­dreht, „Auch in die­sem Buch geht es um Gewalt, um eine beson­de­re geis­ti­ge Spiel­art, die kei­ner Molo­tow-Cock­tails und Maschi­nen­ge­weh­re bedarf. Die Opfer sind Men­schen, ihre Gedan­ken, ihre Gefüh­le, ihre Wür­de. Kein Kri­sen­stab und kei­ne Groß­fahn­dung kön­nen die­se Gewalt aus der Welt schaf­fen, kei­ne Raz­zia wird die Gei­sel­neh­mer des Unter­be­wusst­seins über­ra­schen, kein Son­der­kom­man­do wird die Gei­sel­neh­mer des Unter­be­wusst­seins über­ra­schen (…). Das Straf­ge­setz­buch selbst mit neu­en Geset­zen gegen Gewalt und Ter­ror fasst die­se Taten nicht. Erst recht nicht die Täter. Gibt es sie über­haupt? Immer zwei­fel­haf­ter ist mir das gewor­den, als ich sie bes­ser ken­nen­lern­te. Sind nicht auch sie Opfer zugleich, die neue Opfer schaf­fen? Opfer einer Maschi­ne­rie, die geis­ti­ge Geakt auto­ma­tisch produziert?”

Fes­tungs­stadt Almei­da, Portugal

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