Pilgerweg von Combarro nach Arousa: Auf das Ende der Welt — Finisterre — bewegt der Reisende sich jetzt zu auf der Pilgerreise. Da alle Wege nach Santiago de Compostela führen, radelt er seit einem Tag auf dem Küstenweg ab Pontevedra. Die Strecke ist leicht zu bewältigen. Nur beim Versuch, sie zu queren, ist mit etwas Wartezeit zu rechnen. Bisher gibt es viele Siedlungen. Weniger schön. Es gibt aber einen Seitenstreifen an der Fahrbahn.
Ganz so einsam ist es hier nicht zwischen Combarro, A Granxa und Arousa. Die Feriensaison an beliebten Plätzen an der Ria de Arousa oder an der Ria de Vigo endet erst Mitte September. Bis dahin muss der Pilger die Küstenstraße mit vielen Auto- und Motorradfahrern teilen. Es scheint wenigstens so, dass diese an Radfahrer gewöhnt sind. Schnell fahren die wenigsten. Denn viele Rennradfahrer sind an der Westküste Galiciens unterwegs.
Sanxenxo touristisch überfüllt
Ein Einwohner im überfüllten Touristenort Sanxenxo erzählte, es hätten sich im vergangenen Jahr zwei Unfälle ereignet. Daher führen viele Autofahrer jetzt vorsichtig. Sanxenxo ist wirklich abschreckend. Der Ort ist überbaut mit Hotels und Restaurants, ähnlich enttäuschend wie Juelsminde auf Jütland oder Le Trou du Diable in der Vendée. Da Massentourismus an diesen Orten abgefertigt wird, ist das Verkehrsaufkommen hoch. Die Straßen werden breiter, die Parkplätze größer, die Bebauung vermehrt. Also bitte Rückbau!
Ab Arousa wird es besser, wo es eine gute Pilgerherberge gibt. Pilgerin Alexandra wartet schon. Sie verbrachte einige Tage mit einer Freundin auf einem Festival in Vigo. Nahe bei Arousa steigt sie wieder in den portugiesischen Jakobsweg ein. Für sie ist Santiago mit gut 60 Kilometern nicht mehr weit. Aber erstmal besuchen die beiden Pilger morgen Muschelfischer im Hafen. Dann heißt es Abschied voneinander nehmen am Pilgerweg von Combarro nach Arousa.
Auf ins Gefecht, doch richtig mutig wirkt der Caballero nicht.
Eiskaltes Bad im Meer in Combarro: Combarro — das galizische Fischerdorf schlechthin. Das sagen Touristiker. Doch ist es wirklich so? Sagenhafte sieben Kilometer ist der Reisende heute auf dem Camino de Santiago hingeradelt. Allerdings waren die Höhenmeter nicht ohne, nachdem er heute morgen Pontevedra verlassen hatte.
Außerdem war der gestrige Abend noch etwas länger. In Pontevedra traf er Jakobspilgerin Alexandra wieder, die ihm auch ein nettes Hotel im Zentrum genannt hatte. Dort ließ er sich nieder, dankbar für den Tipp. Und hier war einiger Trubel. Denn ein Stadtfest stand an. Darauf erinnerten höfisch gekleidete Damen und Herren an die Zeit im Mittelalter. Viele zogen durch die engen Gassen der Stadt. Auf dem größten Platz gab es ein Restaurant mit einer erhöhten Terrasse. Von dort aus schauten sie sich das Spektakel beim Genuss mediterraner Kost in Ruhe an.
Nach einem entspannten Frühstück ging es am nächsten Morgen durch die immer noch festliche Stadt. Da die Straßen des Zentrums ziemlich dicht waren, dauerte es entsprechend, bis der Stadtrand erreicht war. Aber in Combarro ist man schon nach einer halben Stunde angekommen. Da Alexandra noch nicht da ist, bleibt Zeit für Fotos.
Hórreos ziehen die Touristen an
Der Ruf eines der schönsten Fischerdörfer zu sein, ist allerdings übertrieben. Der Ort sieht letztlich vielleicht etwas hübscher aus als viele andere in Galicien. Er ist sehr klein, so dass letztlich nur zwei Gassen zum Durchstreifen und Erleben bleiben. Fotogen sind allerdings die alten Speicher aus Stein. Die “hórreos” erinnern an die Gerüste für Trockenfisch auf dem Lofot. Sie dienen hier allerdings dem Trocknen von Getreide. Denn sie stehen auf Stelzen, ähnlich den “Mäuserpfeilern” an westfälischen Höfen, die man hier und da noch sieht. Manche sind Speicher so berühmt ob ihrer Gestaltung, dass vor ihnen Touristenbusse stoppen.
Alexandra ist mittlerweile eingetroffen. Sie sitzt vor einer Bar und schlürft einen Cocktail. Der Inhaber scheint ziemlich angetan von ihr zu sein. Er flirtet intensiv mit ihr. Nachdem der Reisende erschienen ist, flirtet er noch eine Weile weiter, sieht dann aber ein, dass er keine Chance gegen den Reisenden hat.
Da endlich mal wieder ein Strand erreicht ist und es schon Nachmittag ist, beschließt der Reisende hier ins Hotel zu gehen. Denn ein Bad lockt doch allzu sehr. Und es wäre das erste auf dem gesamten Pilgerweg von Porto nach Santiago. Kaum ist das Zimmer bezogen, schnappt er sich die Badehose und ein Handtuch und geht zum Strand herunter. Der liegt direkt neben der Unterkunft. Erwartungsfroh steckt er die Zehen ins Wasser, zieht sich jedoch sofort zurück. Das Wasser ist eiskalt. Die Luft ist mit 25 Grad warm, der Unterschied zur Wassertemperatur groß. Tiefer als bis an die Knie ging er nicht ins Wasser.
Bad in Norwegen kostet weniger Überwindung
Es ist leichter, auf dem Lofot ins Wasser zu steigen, um sich kurz zu waschen als hier. Denn in Norwegen ist es dann allerhöchstens mal 15 Grad warm. Als er im Nordland mal den Bootsbauer Ulf in Kjerringøy bei der Arbeit begleitete, traf dessen Schwiegersohn aus Spitzbergen ein. Dieser zog seine Jacke aus, stand nur im T‑Shirt in der Sonne. “Endlich ist hier wieder Sommer”, freute sich der Biologe. Der Reisende hingegen lächelte da ob dessen Verwegenheit, weil er leicht im Wind fror.
Eiskaltes Bad im Meer in Combarro: Das war nicht unbedingt zu erwarten. Aber vielleicht gibt es auf dem Weg nach Finisterre noch eine Bucht mit warmem Badewasser. Sauber waren bisher alle Strände. Die Zeitung “La Voz de Galicia” hat sich in einem Artikel mit der Sauberkeit spanischer Urlaubsziele befasst und diese bewertet.
Jenny Holzers zweite Steinbank im Skulpturenpark von Pontevedra
Ulrich Rückriems Stele
Jenny Holzers Steinbank im Skulpturenpark von Pontevedra
Kunst in Pontevedra und Münster vereint: Steinbänke mit Aphorismen finden sich in einem Skulpturenpark auf einer Halbinsel am Fluss Lérez. Zum Beispiel steht dort: “Emotionale Reaktionen sind genauso wertvoll wie intellektuelle”. Oder: “Du kannst nicht erwarten, dass das Volk etwas ist, was es nicht ist”.
Solche geistvollen Sprüche kennt der Reisende doch? Wer hat — im Nordwesten Spaniens — am Jakobsweg die Idee der amerikanischen Künstlerin Jenny Holzer “geklaut”? Ähnliche Bänke stehen im Schlosspark der Stadt Münster. Sie thematisieren, wie sinnlos Kriege sind. Dies zeigte sich nicht nur in Vietnam oder auf dem Balkan, sondern erweist sich auch wieder 2021 an Afghanistan. Die Bänke sind aber nicht plagiiert. Der Künstlerin aus Gallipolis in Ohio gelang es demnach, eine spanische Jury vom Wert ihrer Arbeit zu überzeugen. Vielleicht sah sich jemand davor ihre Werke in Münster an. Und dann beschloss man, solche Bänke zu erwerben, damit auch Galicier und ab heute auch Pilger etwas von ihnen haben.
Jenny Holzer und Ulrich Rückriem auch in Spanien vertreten
Zuvor stieß der Reisende auf eine hohe Granitstele. Sie erinnert an “Spardose” von 2017 in der Nähe des Train-Denkmals an der münsterischen Promenade. Wie die Bänke wurde auch diese anlässlich der Skulptur Projekte in Münster aufgestellt. Die Stele in Pontevedra stammt von Ulrich Rückriem aus Düsseldorf. Er produzierte auch “Dolomit zugeschnitten” an der Petrikirche in Münster. Auf dem Camino de Santiago entdeckt der Pilger also ein Stück Heimat. Europa wächst zusammen, nicht nur über die Jakobsmuschel.
Zu beeilen braucht sich niemand, um die Kunstwerke zu sehen. Diese stehen noch länger sowohl in Münster als auch in Pontevedra. Wer mehr über “Münster Stadt der Skulpturen” erfahren möchte, greift am besten nur zum gleichnamigen Buch. Dort lädt der Reisende zu Stadtwanderungen durch Münster zwischen 5 und 13 Kilometern ein. Dabei erfahren Besucher bisher Unentdecktes über Architektur und Kunst.
Kunst in Pontevedra und Münster vereint: Wer weiß, ob nicht bald Gemeinschaftsprojekte zwischen den Städten laufen. Zwischen Kassel und Athen auf der Documenta 14 ist es schon geschehen. Morgen führt die Pilgerreise nach Combarro, angeblich eines der schönsten Fischerdörfer Galiciens.
Skulptur Robert Schades in Valença am Rio Minho
Viele Restaurants verteilen sich über das Zentrum von Valença.
Einkaufen ist die Hauptbeschäftigung der vor allem aus Spanien kommenden Besucher
Valença – Festungsstadt am Jakobsweg: Auch hier bestätigt sich die Regel: Beim zweiten Besuch sieht vieles anders aus. Es lohnt sich, nach einem Tag Abstand wiederzukommen, um vorherige Eindrücke über Gespräche mit Menschen zu vertiefen. Fotografieren ist dann auch interessanter, weil man Einzelheiten besser wahrnimmt.
So zieht die Festungsstadt am Rio Minho in Portugal spanische Touristen magnetisch an. Sie klappern Angebote zwischen 5 und 30 Euro ab. Deutsche, wie die hübsche Blondine vom Flughafen in Porto, verirren sich selten her. Es sind vor allem Spanier. Denn die Grenze nach Galicien liegt nahe. Auch Pilger vom Caminho Português kommen hier an. Sie haben es von Porto oder Lissabon heraufgeschafft. Die erste Hälfte des Wanderwegs nach Santiago de Compostela liegt jetzt hinter ihnen. Ein Hit für Kinder sind Maschinenpistolen; der Konsumkrieg zwischen teils schön gekachelten Häusern möge beginnen.
Versteckte Dinge sind besser zu finden
Den meisten ergeht es so wie dem Reisenden am ersten Tag: Sie erkunden die gewaltigen Festungsmauern, die einst dem Schutz des portugiesischen Königreiches vor Kastiliern dienten. Sie sind im Stile des berühmten französischen Baumeisters Vauban errichtet. Speisekarten studieren die Ankömmlinge. Sie, kämpfen mit manchmal skrupellosen Autofahrern in den engen Gassen. Danach suchen sie Kirchen und Kapellen auf, um sich dort wieder zu beruhigen. Beim zweiten Besuch nimmt man auch besser versteckte Dinge wahr. Wie in Cerveira hat Bodensee-Künstler Robert Schade auch hier seine Skulpturen aufgestellt. Er ist der Picasso Portugals.
Jetzt hört der Reisende gar einzelne Gespräche in den Gassen heraus. Kein Stimmengewirr mehr! In einem beklagt sich eine Arbeitskraft bei Modeladenbesitzerin. Der Mann fühlt sich offenbar ausgebeutet, spricht mit ihr über den zu geringen Lohn. Aggression liegt in der Luft. Aber der Reisende weiß, dass sich das Geschehen auf den Straßen ab 19 Uhr erheblich beruhigt. Eine schöne Aussicht in Valença – Festungsstadt am Jakobsweg! Morgen geht es über die Grenze nach Galicien.
Jakobsweg: Respekt auf der Straße — Spanien entwickelt sich rasant zu einem Radsportland. Heute fährt der Reisende über die Grenze von Minho nach Galizien — von Valença nach Tui. Er befindet sich nach wie vor auf dem Jakobsweg von Porto nach Santiago. Beim Aufpumpen der Reifen und Reinigen des Schaltwerks findet er auf Augenhöhe einen guten Text. An einer Tankstelle erklärt er sowohl Rad- als auch Autofahrern Verkehrsregeln: El respeto en la carretera es cosa de todos. Respekt auf der Straße geht alle an. Dies gilt nicht nur auf dem Jakobsweg.
Respekt auf der Straße geht alle an
Achte auf 1,5 Meter Abstand beim Vorbeifahren und fahre defensiv.
Betrachte eine Gruppe von Radfahrern als eine einzige mobile Einheit.
Überhole kein anderes Fahrzeug, wenn Dir Radfahrer entgegenkommen.
Benutze ein reflektierendes Vorderlicht und trage nachts eine reflektierende Weste.
Respektiere die Verkehrsregeln genauso wie alle anderen Verkehrsteilnehmer.
Wenn Du nebeneinander fahren willst, dann fahrt höchstens zu zweit.
Sollte man das nicht auch an Parkplätzen, Tankstellen und öffentlichen Gebäuden in Deutschland aufhängen? Das sind an sich Verkehrsregeln, die jeder schon im Kindergarten lernt. Doch angesichts vieler schwerer Verkehrsunfälle durch falsches Überholen, Handy am Ohr, Alkohol und Drogen und zu enges Vorbeifahren ist es wohl nötig.
Neue Bußgelder der STVO 2021 scheinen auch nichts abzumildern. Seit Beginn der Woche las der Reisende von mehreren schweren Unfällen: Übersehen eines Fahrzeugs beim Abbiegen auf eine schmale Straße. Smartphone am Ohr und Alkohol im Blut. Alle Beteiligten liegen jetzt mit schweren Verletzungen im Krankenhaus.
Jakobsweg — Respekt auf der Straße geht eben alle etwas an. Aber nicht nur auf dem Pilgerweg. Hintergrund dessen ist, dass sich im Frühjahr schwere Unfälle zwischen Autofahrern und vor allem Rennradfahrern in Gruppen in Andalusien ereigneten. Dies erklärten hier Einheimische vor Ort. Es ist auch deutlich zu spüren, dass die Leute sehr vorsichtig fahren. Einige hundert Kilometer weiter vor A Coruña findet sich sogar ein wesentlich größeres Verkehrsschild mit den Worten: Achtung! Elf Kilometer mit Radfahrern. Von wegen heißblütige Südländer!
Kilometerweit ist der Radweg entlang des Rio Minho.
Blick auf Tui von der Brücke aus
Stadttor der Stadt Valença
Nicht nur diese Dame läuft mit einer vollen Tasche durch die Einkaufsstraße von Valença.
So ganz abgewichen wie gedacht, ist der Reisende vorgestern doch nicht. Er geriet auf die Küstenstrecke des Caminho de Santiago. Heute hat er Cerveiro verlassen und folgt einem wunderbaren Flussradweg nach Valença. Dort liegt die Grenze. Der Rio Minho und die Brücke Ponte Internacional Valença-Tui verbinden beide Grenzen.
Als die Brücke dort — Ponte Internacional Valença-Tui — errichtet werden sollte, bewarb sich auch der berühmte Architekt Gustave Eiffel 1881 mit einem Plan um die Ausführung. Die portugiesisch-spanische Kommission entschied sich für den Entwurf des Architekten Pelayo Mancebo y Ágreda. Auf der anderen Seite liegt Tui. Der Radweg bis dorthin ist flach und schattig. Er bietet einen tollen Blick auf die Berge. Die Länge beträgt etwa 18 Kilometer. Auch viele Möwen sorgen hier mit ihren Rufen für Leben.
Besichtigung Valenças
Eine Besichtigung Valenças lohnt sich, das der Reisende bis dahin noch nicht kannte. Nur dem Namen nach: Als er den Flughafen in Porto verließ, unterhielt er sich mit einer hübschen blonden deutschen Touristin, um zu erfahren, wo es diese wohl hinzog. Zu seinem Erstaunen wollte sie nicht Porto besichtigen, sondern mit dem Bus direkt nach Valença fahren.
Und jetzt nach einigen Tagen auf dem Jakobsweg mit dem Rad ist er selbst hier. Doch die Touristin ist längst über alle Berge. Er nimmt sich ein Zimmer in einem Hotel in der Neustadt, direkt vor der imposanten von einer Mauer komplett umgebenen Festungsstadt. An der Rezeption werden sie ihn heute und morgen immer persönlich mit “Bom dia, senhor Benning” oder “Boa tarde, senhor Benning” grüßen. Die haben es drauf.
Valença ist wesentlich größer als Almeida im Centro de Portugal, obwohl sie nicht einmal 3500 Einwohner aufweist. In Almeida leben nicht einmal 1500. So dünn besiedelt ist es außerhalb der großen Städte. Wahrscheinlich hängt der Eindruck an der großen Zahl der Touristen, von denen viele aus Spanien kommen. Auf sie warten viele Restaurants und Souvenirläden in den Gassen. In denen bebt das Leben. Wer die Ponte Internacional Valença-Tui am Minho überschreitet, gelangt ins wesentlich ruhigere Tui.
Rostige Skulptur des Künstlers Robert Schad vom Bodensee
Biennale in Cerveira, Nordportuga
Biennale in Cerveira und in Venedig
Ausstellungsraum in einer alten Festung
Eine Zeitung zu lesen, gehört zur Kultur des Landes.
Biennale in Cerveira und Venedig: Gibt es die Biennale nur in Venedig? Nein! Denn auch in der portugiesischen Kleinstadt Cerveira am schönen Río Minho gibt es eine: Bienal de Cerveira. Zwar zählt die zwischen Porto und Vigo liegende „vila“ nur wenige tausend Einwohner. Aber das heißt nicht, dass sie nicht zu bieten hat. Denn sie weist einerseits ein Museum auf, eine Art Galerie in der winzigen Altstadt. Andererseits existiert ein sehr großes Kulturforum mit Ausstellungssälen. Um zur Stadt zu gelangen, musste der Reisende etliche Hügel mit dem Rad überwinden. Den Caminho Português von Porto nach Santiago hat er für Kultur statt Natur kurz verlassen. Morgen will er auf dem hoffentlich angenehmen Flussradweg am Rio Minho nach Valença strampeln.
Oft stehen hinter Kulturangeboten ältere Herrschaften. Doch hier trifft man erfreulich viele junge Frauen und Männer aus Portugal und aus Spanien. Es kann also durchaus was wachsen! Hinter dem Evenemang steht natürlich eine Stiftung. Das Festival gibt es schon seit vielen Jahren. Dies wird sichtbar an vielen Kunstwerken in der Stadt und den am Fluss verteilten Skulpturen. Künstler aus acht Nationen nehmen daran teil.
Robert Schad, Picasso Deutschlands
Unter diesen befindet sich auch eine Skulptur des Künstlers Robert Schad aus Ravensburg. Schad ist es gelungen, unfassbar viele Eisenskulpturen über weite Teile Portugals zu verteilen. Als ihn der Reisende gegenüber Gesprächspartnern auf der Biennale als “Picasso Deutschlands” bezeichnet, nickt so mancher bestätigend. Sein Katalog wurde dem Reisenden gezeigt. Schad nimmt in diesem Jahr 2017 auch wieder an der Biennale teil.
Seine rostigen Werke erinnern an Eduardo Chillidas „Toleranz durch Dialog“ und an Richard Serras “Dialogue with Johann Conrad Schlaun”. Chillidas rostige Bank steht dauerausgestellt im Innenhof des Rathauses zu Münster. Die Bezeichnung betont Münsters Rolle beim Westfälischen Frieden aus. Es ist sinnvoller, mit Gegnern zu sprechen und zu verhandeln statt des Dialog abzubrechen. Serras Werk, ein rostroter Metallblock, soll die Hochachtung vor dem genialen barocken Baumeister Johann Conrad Schlaun und der großen Dichterin Annette von Droste- Hülshoff ausdrücken. Sie steht auf einer Allee des Rüschhauses vor den Toren Münsters, der Stadt der Skulpturen.
Schön ist der Spaziergang durch die alte Festung in Cerveira. Die Räume werden geschickt zur Präsentation ausgenutzt. Diese Skulptur mit den Händen erinnert den Reisenden an die „100 Arme der Guan-yin“ auf dem Marienplatz in Münster. Dieser hier fällt aber kleiner aus. Aber man kann auch nicht immer erwarten, etwas zu finden, das einen durch Innovation geradezu überwältigt. Biennale in Cerveira und in Venedig — ein Besuch der Ausstellung ist wärmestens zu empfehlen.
Steiniger Jakobsweg um Bandeira: So sieht der Caminho de Santiago von Porto nach Santiago öfter aus. Mit Gepäck muss der Reisende dann oft schieben. Er kennt aber immerhin fünf Freunde in Bonn und in Münster, die auch nicht aufgäben. Stephan, zwei Christians, Holger und Ulf.
Die Strecke heute ist deutlich die anstrengendste. Dabei ist er die letzten fünf Kilometer parallel zum Wanderweg auf der Landstraße geradelt. Darunter forderten ihn auch neun Prozent Steigung heraus. Der Pilgerweg selbst ist ab Bandeira nur für Mountainbiker ohne Gepäck zu bewältigen. Das Rad müsse streckenweise auf den Schultern getragen werden, munkelt man. Der Anfang der Strecke hat unter Regen so stark gelitten, dass ein Stück abgerutscht ist. Er ist jetzt gesperrt.
Das Erklimmen des Berggipfels gegen Ende des Trips war heftig. Jetzt ruht er im Bergdorf Rubiães. Dieses ist abends deutlich kühler als Ponte de Lima im Tal. Die Wirtin wollte ihn gleich dazu nötigen, mit einem Shuttle zu einem nahen Restaurant zu fahren. Es tut ihm schrecklich leid, dass ihr nun 10 % Provision entgehen. Und sie wollte nicht, dass er sein Rad direkt vor dem Zimmer abstellt. Dabei liegt es ebenerdig im Hof.
Es ist das erste und einzige Mal auf der gesamten Tour, dass dem Reisenden jemand so komisch kommt. Er setzte sich trotzdem gegen sie durch. Sicherheit fürs Rad geht vor. Er ist schließlich auf das Fahrzeug angewiesen. Am nächsten Morgen hat sie sich wieder beruhigt und serviert ein gutes Frühstück. Wer weiß, was die Frau am Vortag plagte.
Der Blick vom Balkon ist ganz okay. Oder? Steiniger Jakobsweg um Bandeira, die Mühe hat sich gelohnt. Ein Pilgerweg ohne Leiden wäre auch kein Pilgerweg.
Marktplatz in Ponte de Lima der nordportugiesischen Unterregion Minho-Lima im Distrikt Viana do Castelo.
Auf der Speisekarte des Restaurants O Confrade in Ponte de Lima gibt es nur Dosenfraß.
Fluss des Vergessens am Jakobsweg: Drei Tage hält sich der Reisende schon am Fluss des Vergessens in Ponte de Lima auf. Ob er wirklich alles vergisst, stellt er wahrscheinlich erst hinter der Ortsgrenze fest. Pilgerin Alexandra hat ihn jedenfalls nicht vergessen. Denn sie schreibt ihm immer noch, obwohl sie die Kleinstadt seit drei Tagen verlassen hat. So schlimm ist es also nicht.
Er hält die Erzählung auch für eine List der Feinde der Römer, um die Legionen am Vormarsch über den Fluss Lima zu hindern. Am Ufer stehen ein paar bewaffnete junge Kerle um die zwanzig Jahre mit unsicheren Gesichtern. Die Lanze eines Legionärs ist sogar verbogen, als seien gerade Asterix und Obelix vorbeigekommen, um sich mit ihnen zu prügeln. Auf der anderen Seite wartet ihr Anführer zu Pferde, der vorgeritten ist. Die Legionäre wollen erst durch den Fluss waten, sobald jeder einzelne von ihnen seinen Namen gehört hat. Eine hübsche Geschichte zu einer angenehmen Kleinstadt, in der so einige Pilger zwei Tage ihre Wunden pflegen.
Die schönsten Frauen Portugals kommen aus dem Norden
Das Leben ist gemütlich. Das Bier ist billig, die Menschen hilfsbereit. Der Reisende hat sich in einem Handel für 29 Cent fünf Schrauben besorgt, um weiteren Verlusten auf der holperigen Strecke die Stirn bieten zu können. Der Gepäckträger sitzt jedenfalls wieder fest, wofür allerdings der Flaschenhalter daran glauben musste. Wie gut, dass er mit zwei passenden Schrauben fixiert ist. Die Schuhsohle klebte gestern ein Schuster für einen Euro.
In Ponte de Lima gibt es auch ein schönes Museum mit sakraler Kunst. Abends bieten Bands lebhafte Konzerte. Gestern trat ein Fado-Sänger auf, den der Reisende im Hotelzimmer bis drei Uhr nachts hörte. Gestört es es überhaupt nicht. Denn er sang phantastisch. Und die Zuschauer lachten viel, weshalb es wohl auch lustig war. Unvergessen ist auch die bildhübsche Rezeptionistin Ana im Hotel, deren Sprachmelodie einfach phantastisch klang. Diese erinnerte an die schwedische Art, beim Sprechen fast zu Singen — Sprechgesang. Die schönsten Frauen Portugals kommen aus dem Norden. Das ist bekannt.
Einziges Manko: Die Restaurants bieten hier nur Dosenfraß an, was unschwer am Foto in der Galerie zu erkennen ist. Halbe Dosen, ganze Dosen. Der Reisende will frischen portugiesischen Fisch, keine Konserven. Obwohl am Fluss des Vergessens am Jakobsweg: Diese Zustände hier wird der Reisende niemals vergessen.
Die Straße gleitet fort und fort, weg von der Tür,
wo sie begann, zur Ferne hin, zu fremdem Ort,
ihr folge denn, wer wandern kann. Caminho de Santiago am Rio Minho vor Valença.
Philosophieren auf dem Jakobsweg: Es gibt Leute, die meinen, menschliche Interessen übers Alter definieren zu müssen: mit zwanzig in Clubs und Fitnessstudios. Mit dreißig Literatur. Mit vierzig Jahren fange man mit dem Wandern an. Ab fünfzig spüre man, dass gar nichts mehr geht. Man könnte sich dann einen Platz im Altersheim reservieren und den Grabstein. Doch diese Zeiten sind längst vorbei.
Auf dem Jakobsweg hat auch eine Pilgerin behauptet: Da sie jung sei, sei sie eher bereit, in Herbergen zu schlafen als Ältere. Dort riecht es nicht gut. Leute schnarchen. Etagenbetten sind nicht verlockend. Manchmal gibt es keine freien Betten mehr. Matratzen liegen dann auf dem Gang.
Sportlich und komfortabel gekleidete Wanderer
Wenn man sich in Herbergen des Camino de Santiago umschaut, strömen Menschen zwischen 20 und 70 herein. Fast alle tragen sportliche Kleidung. Teleskopstöcke und Rucksäcke sehen komfortabel aus. Niemand muss schwere Kameras schleppen. Für den privaten Gebrauch reichen kleine Digitalkameras. Smartphone-Bilder dürften Teilnehmer beim Stammtisch ermüden.
Seltsam auch: Viele achten nicht auf richtige Wanderschuhe. Sie meinen, billige beim Discounter seien genauso gut wie Markenware. Der Reisende führt oft als Wanderführer durch die Eifel. Er glaubte selbst lange, dass Schmerzen dazu gehörten. Doch seit er 260 Euro in alpine Stiefel gesteckt hat, weiß er, dass es fast ohne Blasen geht. Ans höhere Gewicht gewöhnt er sich binnen Minuten. Die Oberschenkel schmerzen auf der ersten Etappe, bei jeder weiteren nur in den ersten Minuten.
Auf dem Jakobsweg in Portugal und Spanien radelt und läuft er mit Rad-Winterschuhen. Die Cleats für SPD-Pedalen sind so gut gearbeitet, dass er sie nur auf glatten Steinen spürt. Hitze tritt weder bei Berg- noch bei Radstiefeln auf. Oft sind vielen die Schuhe zu klein, die Tränen groß. Davon profitieren auf der Reise durch Nordportugal und Galicien Sandalen führende Schuhläden. Lassen sich diese Leute beraten? Dicke Socken und eine Nummer größer. Darauf bestand sein Fachverkäufer im Bergsportladen.
Geld sparen am falschen Ende?
Geld wird am falschen Ende gespart. Lieber regelmäßig mehrfach pro Woche 16 Euro für Fritten, Bier und Currywurst und Medikamente statt in gute Schuhe und einen vernünftigen Reiseführer. Die Pharmaindustrie freut sich über gute Kunden. Dabei senken Champignons Blutdruck. Kürbiskerne spenden Omega 3‑Fettsäuren. Teebaumöl killt Viren und Bakterien.
Schließlich bewegt man sich als Wanderer auf 235 Kilometern von Porto bis Valença 17 bis 24 Kilometer am Tag. Immerhin erntet jeder neben einem schlanken Körper und schönen Erinnerungen Selbstbewusstsein und Durchhaltevermögen. Jeder kann das gebrauchen. Egal, ob 20 oder 70 Jahre alt.
Philosophieren auf dem Jakobsweg: Solche Gedanken strömen, wenn der Reisende täglich 60 bis 70 Kilometer beim Radwandern unterwegs ist. Andere wie der berühmte Paulo Coelho hingegen in “Auf dem Jakobsweg” beschreiben spirituelle Erfahrungen. Morgen geht es weiter Richtung Rubiais.