Brücke zur Murinsel in Graz. Fotos (3): Graz Tourismus — Harry Schiffer. Oben: Café am Fluss in Graz. Foto: H. Schiffer
Brücke zur Murinsel in Graz. Fotos (3): Graz Tourismus — Harry Schiffer. Oben: Café am Fluss in Graz. Foto: H. Schiffer
Brücke zur Murinsel in Graz. Fotos (3): Graz Tourismus — Harry Schiffer. Oben: Café am Fluss in Graz. Foto: H. Schiffer
320 Tonnen schweres Flusscafé: Der Stadt entrückt sind die Gäste im Café auf der Murinsel, der nächsten Station in Graz. Das wie eine Muschel unter Verwendung von Glas- und Stahlelementen geformte Café ist 47 Meter lang . Es ist 320 Tonnen schwer, eine eigene Welt modernster Prägung. Es liegt auf der Mur, dem Stadtfluss, auf dem sogar Stromschnellen aufblitzen. Während das Wasser rauscht, turnen Kinder im Freien auf einem Kletternetz. In der Muschel ist es schwül wie in einem Treibhaus, eine Glaswelt mit weißem und blauem Kunststoff-Mobiliar.
Eine Kellnerin streitet sich mit einem Kollegen, ob sie oder er fünf große Biergläser tragen soll. An den Tischen sitzen Touristen, die Reiseführer studieren. Halbstündlich treten sie ab, andere Touristen betreten die Szene. Gemütliche Kaffeehausatmosphäre, in der schon Surrealismus, Dadaismus, Freuds Psychoanalyse und die moderne Physik geboren wurden, entsteht hier nicht. Halogen-Glanz, Snacks statt Gugelhupf, Mohnkipferl, Strietzel oder leichten Eiergebäcks, wie man sie in Cafés der ausgehenden Donaumonarchie gegessen hat. Turnen auf einem Netz statt Billard, Zeitungen, Zeitschriften und Kartenspiel. Die Kaffeehäuser sterben in Graz aus, beklagte dementsprechend eine Passantin.
Flusscafé ein Fremdkörper
So verwundert es nicht, dass ein 320 Tonnen schweres Flusscafé Fremdkörper aus der Zeit der Kulturhauptstadt bleibt. Die Murinsel ist seit sieben Jahren ein Teil des historischen Altstadtkerns in Graz, unisono mit vielen anderen futuristisch gestalteten Gebäuden und Exponaten. Neu ergänzt Alt, dieses Thema beherrschte die Stadt lange Zeit und bis heute. Dazu gehört auch das Kunsthaus, ein Museum für zeitgenössische Kunst, an dessen Front eine meerblaue Acrylglas-Konstruktion wie eine überdimensionale Seifenblase klebt. Auf dem Dach sind wie Rüssel aussehende Fenster angebracht.
Menschen in Graz überzeugen: Sophie Wolfrum, Wissenschaftlerin an der TU München, beschreibt nun aber die Privatwohnung im Essay „Stadt, Solidarität und Toleranz“ als Ort der Autonomie und Immunität. Hinaus gehen die Bewohner gezielt, um wohl dosiert soziale Kontakte zu pflegen. Der soziale Privatraum werde zu einem zu verteidigenden Territorium, das vor Kriminalität oder vor Fremden abgeschirmt werden müsse. Wird dies aber wirklich mit so einer Laufbahn erreicht, während zugleich in die Wohnungen eingebrochen wird?
Plakate an den Häusern im Jakominiviertel zeigen, dass die Menschen noch überzeugt und vertröstet werden müssen: „Ganz ehrlich. Eine rote Laufbahn wäre mir auch eingefallen. Großartig! Aber die rote Laufbahn ist nur eine von vielen Maßnahmen, um das Jakominiviertel langfristig attraktiver zu machen. Also her mit den guten Ideen!“ Das im Herbst abgeschlossene Projekt kostete 80.000 Euro. Es wird von manchem Grazer als herausgeworfenes Geld bezeichnet.
Die kulturelle Vielfalt wird zwar gefördert, wenn Kreative wie die Restauratoren gewonnen werden können. Damit einhergehend wird wohlhabende Kundschaft angezogen. Zugleich werden aber andere ausgegrenzt wie ärmere Bevölkerungsgruppen, da die Mieten steigen. Dies zeigen die Reaktionen der Befragten. Vor kurzem wurde trotz Kritik der Anwohner der Alte Hof in der nahen Kolpinggasse abgerissen. Drei Häuser in der Jakoministraße hat kürzlich ein Investor gekauft. Dieser will sie sanieren und dann Büros und Wohnungen errichten.
Zunächst kann die dem folgende Teuerung für sozialen Unfrieden sorgen. Deshalb müssen die Menschen in bezahlbare Viertel ziehen. Dies kann zu Ghettoisierung und Konflikten zwischen neuen und alten Bewohnern führen. Das Problem wird also verlagert, nicht gelöst. Ist die Laufbahn nicht eher reines Prestigeobjekt? Denn Design ist die Summe aus Gebrauchsobjekt und Kunstwerk, aus Funktionalästhetik und künstlerischem Ausdruck. Nur wenn das Verhältnis stimmt, spricht man von gutem Design.
Einst ein Handwerksviertel
„Das Jakominiviertel war einst ein Handwerksviertel mit Schustern und Schneidern. Doch mit den Jahren siedelten sich Handelsbetriebe an, die sich jedoch nur schwer halten konnten“, erklärt Sabine Prammer von Creative Industries of Styria. Mit einem Mietfördermodell wolle man noch mehr Kreative anziehen. Seit dem Start hätten sich über 20 Kreative angesiedelt. Diese nehmen zum Teil auch die drei Jahre laufende Mietförderung in Anspruch, die sich „an alle Unternehmen und Selbstständigen richtet, die erwerbsmäßig, das heißt, gezielt mit Gewinnerzielungs-Absicht kulturelle Güter und Dienstleistungen entwickeln, schaffen, produzieren, vermarkten und verteilen beziehungsweise medial verbreiten“.
Der Stadt entrückt sind die Gäste im Café auf der Murinsel, der nächsten Station in Graz.
Kreative Szene im Jakominiviertel: Die nächste Station des Rundgangs ist die kreative Szene im Jakominiviertel, ein Tipp Sabine Prammers von der Agentur Creative Industries Styria. Vor der Jakoministraße regelt ein Polizist den Verkehr; er ist unzufrieden mit der Atmosphäre. Zurzeit sei es ruhig, aber es leide immer wieder unter Einbrüchen und Messerstechereien. An diesem sonnigen Tag wirkt die Straße harmlos und wie eine lange schmale Gasse. Durch sie führt eine leuchtend rote 750 Meter lange Laufbahn, eine Art Wegweiser. Auch die Straßenbahn, die „Bim“, fährt hier an Kunstläden, orientalischen Delikatessen, „Keramik vom Feinsten“, einem Teeparadies und Cafés vorbei. Einige dieser Läden sind vor wenigen Monaten aufgebaut worden, da die Stadt hier eine kreative Szene ansiedeln will. Das Viertel steht vor einem Wandel.
Der ESC-Kunstverein ist aber schon 14 Jahre in der Gasse. Der Verein präsentiert in kleinen Ausstellungen moderne Kunst, manchmal veranstaltet er auch Performances. Mitarbeiterin Reni Hoffmüller gehört zu denen, die die Planungen der Stadt, Graz zu verändern, kritisch sehen, besonders bezüglich der Bemühungen, das Bahnhofsviertel aufzuwerten. „Wenn zugleich das Jakominiviertel verschönert und das Bahnhofsviertel verbessert wird, werden wir an Zulauf verlieren.“
Neue Restauratorinnen zufrieden
Hingegen sind die neu zugezogenen Restauratorinnen mit der Situation zufrieden. In ihrer kleinen Werkstatt restaurieren sie dieser Tage Bilderrahmen, Gemälde, Heiligenfiguren und eine Weihnachtskrippe. Kirchengemeinden und Privatkunden vergeben die Aufträge. Anfänglich habe die Inhaberin Erika Thümmel Bedenken gehabt, sagt ihre Angestellte Dr. Heidelinde Fell, weil es schwierig sei, hier zu parken. Aber die zentrale Lage, die gute Erreichbarkeit mit „Bim“ und Bus, habe den Ausschlag gegeben, den Standort von der Peripherie in die Innenstadt zu verlegen. Hier kämen mehr potentielle Kunden durch. Sie können beim Bummeln ständig Veränderungen im Schaufenster beobachten, den Frauen beim Arbeiten zuschauen. Wertvolle alte Gegenstände werden so erhalten. Retro ist beliebt.
Sophie Wolfrum, Wissenschaftlerin an der TU München, beschreibt nun aber die Privatwohnung im Essay „Stadt, Solidarität und Toleranz“ als Ort der Autonomie und Immunität.
Kaschmir und Seide: Kleidung im Stil der 50er Jahre nimmt den größten Teil der Arbeit Lena Hoscheks ein. Ihre persönlichen Stilvorbilder sind Ikonen wie Sophia Loren und Dita von Teese. Viele glänzende Materialien verwendet sie, schaut man sich den Film von der regelmäßig im Januar stattfindenden Berliner Fashion Week an. Kunstseide und Nylon waren zwar vor sechzig Jahren neu, pflegeleicht und schick.
Lena Hoschek setzt aber zu 99 Prozent auf Naturfasern wie Kaschmir und Seide. Sie betont besonders die Taille mit breiten Gürteln und raffinierten Schnitten. Dies widerspricht dem Vorurteil einiger Kritiker, dass sie oft nur Kleider für füllige Damen entwerfe. Sie kreiere auch Kleider in den Größen 36 und 38, entgegnet Hoschek diesen. Einige Kleider tragen Namen, die jeder aus Filmen über historische Persönlichkeiten kennt wie Alexander, Rasputin und Lawrence. Die Kreationen kosten zwischen 350 und 800 Euro, aber sie sind eben nicht von der Stange. Produziert wird die Ware in Osteuropa. Dort seien die Löhne niedriger, aber es sei auch leichter, mit den Produzenten von Wien und Graz den direkten Kontakt zu halten, sagt Hoschek.
Das Geschäft Lena Hoscheks liegt nahe eines Parks.
Früher war es ein Thema, dass man eine Frau war und einen Job machte. Heute kaufen berufstätige Frauen diese Kleidung. Es ist Kleidung aus einer Zeit, in der Männer dafür zuständig waren, Wohlstand zu schaffen, den ihre Frauen auf diese Weise zur Schau stellten. In Europa und in den USA blühte die Wirtschaft auf, aber Frauen wurde erneut die häusliche und die repräsentative Sphäre zugewiesen. In den 1950er Jahren sollte die Frau wieder ganz in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter aufgehen. Berufstätigkeit für Frauen war nicht überall üblich.
Edel aussehende Dirndls
Hoschek setzt auch einen Kontrapunkt gegen Massenprodukte, indem sie edel aussehende Dirndls kreiert. Sie betont auch hier die Weiblichkeit, zwingt in einer schnelllebigen Zeit zu gemessenen Bewegungen durch guten und langen Stoff, ein Widerstand des Bäuerlichen gegen das Großstädtische. Frau ist bei Festlichkeiten immer sittsam angezogen, gerade in traditionellen Ländern wie Österreich.
Nun bleiben noch einige Minuten für Fotos. Natürlich posiert Lena Hoschek stolz. Als eine der besten Designerinnen der Welt sieht sie sich aber nicht; den internationalen Durchbruch wie der Österreicher Helmut Lang. Dieser gab in den 1990er Jahren dem strengen Purismus durch minimale Effekte etwas Besonderes. Das hat sie noch nicht geschafft.
Im Harrods von Graz: Doch beim Durchblättern des von der Grazer Agentur „Creative Industries of Styria“ (CIS) konzipierten Magazins „Wir bewerben uns“ ist es erstaunlich, dass Graz den Titel errungen hat, weil man sich fragt, ob einige der 350 abgebildeten Objekte eigentlich den Ansprüchen modernen Designs genügen, zum Beispiel Bilder aus Friseursalons, Modeläden und Museen. Viele dieser Objekte scheinen austauschbar zu sein. Wurde nicht mit 1,5 Millionen Euro zu viel aufs Spiel gesetzt, um einen Titel zu erringen, den kaum jemand kennt? Trotz allem kann jeder auf einem eintägigen Rundgang durchs Stadtzentrum selbst feststellen, warum Graz diesen Titel errungen hat.
Kaum ein Grazbesucher wird das Kaufhaus Kastner & Öhler nicht in seinen Stadtrundgang aufnehmen. Tourismussprecherin Margot Bachbauer bezeichnet es als das Harrods von Graz. Nach einigen Minuten kommt Martin Wäg, Geschäftsführer des traditionellen Kaufhauses. Er erzählt, dass der 1913 errichtete Eingangsbereich, der historische Lichthof auf vier Stockwerken, erst im vergangenen Oktober originalgetreu wiederhergestellt worden sei. Alte goldfarbene Stuckarbeiten wären so gut wie nicht mehr vorhanden gewesen.
Anstelle der alten Lichtkuppel gebe es jetzt ein fünftes Stockwerk und darauf eine Dachterrasse mit Außen- und Innenbereich. Diesen Dienst am Kunden könne sich das Kaufhaus leisten. Die Kunden fühlten sich durch die Jugendstilelemente an früher erinnert. Er sagt eben das, was ein Geschäftsführer so sagen muss. Endlich geht es auf die Rolltreppe. Dabei unterhält er sich mit Sabine Prammer, CIS-Mitarbeiterin, die den Besuch des Kaufhauses vorgeschlagen hat. Die Kinder beider sind in dieselbe Klasse gegangen. Und vor kurzem hat Martin Wäg seine Tante im Kaufhaus getroffen.
Während des Aufwärtsrollens sieht man auf jeder Etage zu Arkaden verbundene Säulen. Aus Pflanzen am Fuße der Säulen ranken sich immer neu bis zur Decke gewundene goldene Zweige empor, mitunter hängen an ihnen auch goldene Trauben. Das formale Leitmotiv des Jugendstils war die geschwungene Linie, der wellige Kurvenzug als Teil organischer Formen, wozu sich die Rebe durch ihre typische Form besonders eignet. Die stilisierte vegetative Form wurde Leitmotiv der Dekoration. Die Ornamente stammen aus einer Zeit, an deren Erscheinungsbild sich kein Kunde mehr erinnern dürfte. Verklärt hingegen ist immer noch das Bild des beliebten alten Kaisers Franz-Josef I. von Österreich erlebten. So nostalgisch beseelt sollen sich heute Kunden zum Kaufen verführen lassen. Sie sollen etwas Individuelles inmitten der Massenprodukte spüren.
Oben angekommen, vermitteln Bilder einen Eindruck davon, wie das Kaufhaus Anfang des 20. Jahrhunderts ausgesehen hat. „Die sollen auch die nächsten zwanzig Jahre hier hängen“, sagt Wäg. Dahinter liegt die neue Dachterrasse mit vielen Besuchern. Wäg ist stolz. „Wir sind wohl das einzige Kaufhaus auf der Welt, das über solch eine Terrasse verfügt.“ Viele Besucher halten hier nicht nur einen Kaffee aus der Bar in der Hand, sondern lichten auch die roten Ziegeldächer ab, ein berühmtes Wahrzeichen der Stadt. Davor eine futuristisch gestylte Seilbahn, mit der man den beliebten Schlossberg bezwingen kann, rechts davon über allen Dächer ein ebenfalls futuristisches Lichtschwert.
Im Bewerbungsmagazin der Stadt Graz finden sich Fotos aus der Kollektion der Modedesignerin und Kleidermacherin Lena Hoschek. Sie machte vor einiger Zeit mit einem Kleid fürs Popsternchen Katy Perry – „I kissed a girl“ — auf sich aufmerksam. Sie erhielt dadurch viele Aufträge. Ihr Modegeschäft befindet sich nahe…
Nachdem die Stadt in den Rang einer Kulturhauptstadt erhoben wurde, war sie öffentlich kaum wahrzunehmen. Dann aber hatte sie sich im Regierungsprogramm 2008 vorgenommen, „den Stellenwert der Kreativität und der Kreativwirtschaft noch weiter auszubauen“. Seitdem sie Designstadt ist, muss sie zeigen, dass sie in der Lage ist, ästhetische Produkte herzustellen. Ebenso Dienstleistungen anzubieten, die Menschen und deren Umwelt bereichern und zur kulturellen Vielfalt beitragen, im Grunde für die ganze Menschheit. So wird Design verkürzt definiert. Allerdings kann man kritisch fragen: Kann das Grazer Design wirklich innerhalb der modernen Stadtgesellschaft integrieren?
Wie erfahren Arme und Wohlhabende, Singles, Paare, Kinderlose und Familien ihre Stadt? Kann das zur Schau gestellte Design Solidarität und Toleranz stiften? Geht es auf Wünsche ein, ungestört von Nachbarn, Verkehr, fremden Geräuschen und Einflüssen zu leben? Oder werden hier nur klassische Stadträume gepflegt, erneuert und neuen Bedürfnissen angepasst? Somit also ein Themenpark Innenstadt für ausgewählte soziale Gruppen aufgebaut und damit das bereits bestehende Sozialgefüge gefestigt? Wie steht es also ums Integrieren in die Grazer Stadtgesellschaft?
Graz ist City of Design: Den Rang als Kulturhauptstadt hat Graz schon im Jahre 2003 nachgewiesen. Damit steht die Stadt dafür, den Reichtum, die Vielfalt und die Gemeinsamkeiten des kulturellen Erbes in Europa herauszustellen und ein besseres Verständnis der Bürger Europas füreinander zu ermöglichen. Dies ist die Voraussetzung für den Titel. Danach hat die Stadt den nächsten Titel errungen: Sie ist erste österreichische City of Design, aufgenommen ins internationale Netzwerk der Creative Cities.
Die UNESCO erwartet dafür eine lebendige Designbranche, eine Kulturlandschaft mit starken Impulsen im Bereich Design und moderner Architektur, ein charakteristisches „Stadt-Design“, moderne Design-Ausbildungsstätten sowie Kreative und Gestalter, die lokal und international tätig sind. Gefordert wird ein Stadt-Design mit integrierten Ausbildungsstätten sowie kreativen und gestalterischen Impulsen, also eine Kulturlandschaft mit moderner Formgebung in allen Bereichen einschließlich der Architektur. Bisher prämierte Städte sind Berlin, Buenos Aires, Montréal, Kobe, Nagoya, Shenzhen, Shanghai, Seoul und St. Etienne.
City of Design will Stellenwert der Kreativität ausbauen
Nachdem die Stadt in den Rang einer Kulturhauptstadt erhoben wurde, war sie öffentlich kaum wahrzunehmen. Dann aber hatte sie sich im Regierungsprogramm 2008 vorgenommen, „den Stellenwert der Kreativität und der Kreativwirtschaft noch weiter auszubauen“. Seitdem sie Designstadt ist, muss sie zeigen, dass sie in der Lage ist, ästhetische Produkte herzustellen. Ebenso Dienstleistungen anzubieten, die Menschen und deren Umwelt bereichern und zur kulturellen Vielfalt beitragen, im Grunde für die ganze Menschheit. So wird Design verkürzt definiert. Allerdings kann man kritisch fragen: Kann das Grazer Design wirklich innerhalb der modernen Stadtgesellschaft integrieren?
Wie erfahren Arme und Wohlhabende, Singles, Paare, Kinderlose und Familien ihre Stadt? Kann das zur Schau gestellte Design Solidarität und Toleranz stiften? Geht es auf Wünsche ein, ungestört von Nachbarn, Verkehr, fremden Geräuschen und Einflüssen zu leben? Oder werden hier nur klassische Stadträume gepflegt, erneuert und neuen Bedürfnissen angepasst? Somit also ein Themenpark Innenstadt für ausgewählte soziale Gruppen aufgebaut und damit das bereits bestehende Sozialgefüge gefestigt? Wie steht es also ums Integrieren in die Grazer Stadtgesellschaft?
Kann Graz, obwohl von manchen Wienern als Dorf geschmäht, diese Aufgaben mit diesen Mitteln bewältigen? Tourismus-Sprecherin Margot Bachbauer meint hierzu: „Graz hat mit knapp 250.000 Einwohnern die richtige Größe. Wenn man will, kann man immer Bekannte treffen.“ Das Leben sei gemütlicher als anderswo. „Wenn man durch die Straßen geht, sieht man das. Graz war einst Altersruhesitz der Wiener Beamten. Es wurde Pensionopolis genannt. Davon aber spürt man heute nichts mehr, da um die 40.000 Studenten die Stadt in der Steiermark beleben.“ Was ergibt sich aus dem nun folgenden Rundgang durch die Stadt?
Kriegsorte in Frankreich besuchen: Als der Reisende zur Pressereise „Wege der Erinnerung 1914 — 1918“ eingeladen wurde, fühlte er sich hin- und hergerissen. Das Programm versprach nur Beklemmendes. Denn es sollte drei Tage lang über Soldatenfriedhöfe, durch Museen und zu Schauplätzen des Ersten Weltkrieges gehen. Für Militärgeschichte interessierte er sich aber während seines Geschichtsstudiums nie. Es gibt Spezialisten, die sich ungewöhnlich gut mit Heeresbewegungen, Waffen, Militärfahrzeugen auskennen und nahezu jedes Datum der Schlachten aufzählen können. Warum auch immer!
Auf Flohmärkten gibt es Bücher über Generäle, Panzerdivisionen und Kriegsschiffe. Nur einmal kaufte er sich solch ein Werk, weil ihm ein befreundeter Fotograf in der Nähe von Tromsø die Stelle zeigte, an der das Wrack der Tirpitz liegt, Hitlers Lieblingsschiff. Britische Bomber versenkten das Schiff in Nordnorwegen. Es war beklemmend, zum Beispiel Uniformteile in einem Museum zu sehen, die einst deutschen Seeleuten gehört hatten.
Kriegsorten bieten spannende Geschichten
Er kennt auch Gibraltar im Süden Spaniens. Der heutige Affenfelsen nahm einst eine wichtige strategische Stellung zur Kontrolle des Mittelmeeres ein. Bis heute erinnert er sich gerne an den britischen Kriegsveteranen, der ihm erzählte, dass er einst auf Gibraltar als Pilot gearbeitet habe. Deutsche hätten sein Flugzeug abgeschossen. Oder an den Bericht des Kapitäns: Dieser zeigte Delfine und erzählte dabei, wie spannend ein Roman über britische und deutsche Spione in der Bucht am Felsen gewesen sei. Geschichte aus anderer Perspektive.
Die dort gemachten Erfahrungen verlocken den Reisenden nun wieder loszufahren, um Kriegsschauplätze in Frankreich zu besuchen. Er will das mit eigenen Augen sehen, was er nur aus den Geschichtsbüchern kennt. Er will mit Menschen sprechen, die dort leben. Und er wird später solche Besuche nachbereiten, indem er Literatur darüber liest. Die Reaktion, der Besuch solcher Stätten sei langweilig, kann er nicht nachvollziehen. Angesichts hoher Besucherzahlen auf Soldatenfriedhöfen und an anderen Stätten — Erinnerungstourismus — steht er mit dieser Meinung nicht allein. Denn solche Stätten hängen oft mit der deutschen Geschichte zusammen.
Die Folgen solcher Kriege, das Leiden der Menschen, die Nutzlosigkeit, dürfen nie in Vergessenheit geraten. Die Ursachen für Konflikte müssen untersucht, Lösungen zur Vermeidung gefunden werden. Denn hinter spannenden Geschichten von Zeitzeugen steckt oft großes Elend.
Erinnerungstourismus in Nordfrankreich
Scharen von Touristen – vorwiegend aus Australien und Kanada – rollen täglich vor die Friedhöfe für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges in Nordfrankreich. Sie nehmen dafür über 20-stündige Flüge von Sydney oder Vancouver nach Paris in Kauf. Auch viele Briten sind unter den Besuchern. Was suchen all diese Menschen in der Region Nord-Pas-de-Calais, fast hundert Jahre nach dem Kriegsgeschehen? Sind sie in den Sog des Erinnerungstourismus geraten? Oder wollen sie einfach nur Kriegsorte in Frankreich besuchen?
Rathaus von Arras
Rettung eines Soldaten
Australisches Bunkerdenkmal im Australien Memorial Park Fromelles nahe Arras.
Zur Stärkung vor der Tour empfiehlt sich in Lille erst einmal der Besuch der Brauerei Les 3 brasseurs in der Nähe des Hauptbahnhofes. Dort gibt es deftiges Essen. Viele trinken hier Bier, was zu Lille traditionell gehört. Mir serviert man Rindfleisch mit Pommes Frittes. Fritten sind typisch hier. Belgien ist nahe. Das Rindfleisch besteht aus einzelnen Stücken, die zu einem saftigen Stück zusammengefügt sind. Als Dessert kommt Eis mit Spekulatius auf den Tisch. Es gebe nahe Lille eine große Spekulatius-Fabrik, erklärt man uns. Daher gehörten Spekulatius immer zum Essen. Dann geht es nach Arras.
Ehrenmal in Fromelles
Viele Touristen strömen in der Nähe von Arras zu einem neuen australischen Ehrenmal von 1998 in Fromelles. Hier verlief längere Zeit die Westfront. Australien musste am 23. August 1914 gemeinsam mit den anderen Dominions Kanada, Südafrika und Neuseeland sowie mit der Kolonie Britisch-Indien in den Krieg eintreten. Das Denkmal zeigt einen breitbeinig gehenden Soldaten mit gebeugtem Kopf, der einen toten Kameraden auf seinen Schultern schleppt. Er steht für 5.000 Australier, die hier in einem über 24 Stunden dauernden Kampf gegen die Deutschen im Jahre 1916 ihr Leben verloren. Für viele Australier ist dies bis heute eines der schlimmsten Ereignisse ihrer Geschichte. Die Männer wurden von Maschinengewehrsalven…
Zwei Hasen schauen einander an. Einer überreicht dem anderen etwas. Erwartungsvoll öffnet dieser die Arme. Die beiden Skulpturen sind die Publikumslieblinge im Museum für moderne Kunst, zeitgenössische Kunst und Art brut in Lille (LaM). Jeder sieht sofort, dass der Künstler im Grunde eine Frau und einen Mann geschaffen hat, die miteinander tanzen. Über den Humor verbinde man zeitgenössische eigentlich nicht, sagt eine der Kuratorinnen. Doch so wolle man die Besucher an aktuelle Themen heranführen.
„Abenteuer Museum. Das LaM in Lille“ — der arte-Film vermittelt sehr gut das Besondere dieses Museums. Es stellt die verstaubten Kunstmuseen in Paris in Sachen Kunstvermittlung klar in den Schatten. In Paris werden wertvolle Gemälde bloß zur Schau gestellt. Dabei sind die Einnahmen durch die hohe Zahl der Besucher sicher üppig, um gute Museumsdidaktik aufzubauen. Doch das scheint man nicht für nötig zu halten. Kein Wunder, dass ins Louvre zum Beispiel die Selfie-Kultur vor der Mona Lisa eingezogen ist.
Ebenso arbeitet der Film gut die besondere Lage der Kunsthalle heraus. Es liegt außerhalb Lilles in einem Park. Es sind Jogger zu sehen, die auch dazu eingeladen sind, sich die Bilder und Skulpturen anzuschauen. Lille liegt nahe an Belgien und England, öffnet sich so aus Sicht der Franzosen nach „Nordeuropa“. Das Museum soll zum Alltag der Menschen gehören, Teil eines Netzwerkes sein.
Der sehenswerte Film steht in der Mediathek zur Ansicht bereit. Schnell anschauen, bevor er wieder abgesetzt wird.
Orientalischer Herrscher mit Minaretten auf dem Kopf
Le Bal des Quat’z’arts descendant les Champs-Elysées
Umzugswagen wie an Karneval
Umzugswagen wie an Karneval
Umzug in den Straßen
Ein King Kong ähnlicher Gorilla
Godzilla steigt am Bahnhof Gare Lille Flandres in die Luft. Bietet der dort startende große Umzug Einblicke ins amerikanische Kino?
Karibe mit Federbusch
Renaissance-Fest auf der Grand Place: Nach Lille lockt den Reisenden einerseits die Aussicht mit dem Renaissance-Fest auf der Grand Place, die Kulturhauptstadt 2004 mit anderen Kulturhauptstädten zu vergleichen. Die in Västerbotten liegende Stadt Umeå ist seit 2010 schwedische Kulturhauptstadt. Aarhus in Mitteljütland setzt diese Reihe in Dänemark 2018 fort. Beide Städte kennt der Reisende gut. Denn er reist regelmäßig durch Skandinavien.
Andererseits wird sich dort vor 500.000 Besuchern ein Renaissance-Fest auf der Grand Place abspielen. Dieses findet fast jedes Jahr statt, selbst aktuell in Zeiten der Corona-Pandemie. Erst kurz davor ist der Reisende mit dem Fahrrad von Bonn aus aufgebrochen, um auf 1.100 Kilometern nicht nur den Niederrhein und den südlichen Teutoburger Wald anzuschauen. Er wollte sich auch von der Weser-Renaissance inspirieren lassen. Hervorragende architektonische Perlen aus dem 15. und 16. Jahrhundert sind zum Beispiel das Bremer Rathaus, das Schloss Hämelschenburg vor sowie das Rattenfängerhaus in Hameln. Renaissance hat ihn also ziemlich inspiriert.
Spannung aufs Renaissance-Fest auf der Grand Place
Werden die aus Rio, Detroit und Seoul angereisten Akteure historische Gewänder tragen? Durchströmt Musik aus dieser Zeit die Stadt? Dort sind auch noch Häuser aus Renaissance und Barock erhalten. Wird aus Literatur des Renaissance zitiert? Etwa aus Theaterstücken des berühmten portugiesischen Dramatikers Gil Vicente? Vicente ist auch Franzosen gut bekannt. Portugiesische Einwanderer haben ihn in Frankreich eingeführt. Viele seiner Stücke wurden ins Französische übersetzt.
Angekündigt ist eine Transformation der historischen Renaissance in die heutige Zeit. Hier nun einige Beispiele vom Renaissance-Fest auf der Gand Place. Die entsprechenden Fotos sind oben in der Diashow zu sehen:
Hier folgt nun ein Ausschnitt aus dem dem Renaissance-Fest auf dem Grand Place: Godzilla steigt am Bahnhof Gare Lille Flandres in die Luft. Bietet der dort startende große Umzug Einblicke ins amerikanische Kino? Weitere Giganten beleben das Stadtbild: hier ein orientalischer Herrscher mit Minaretten auf dem Kopf. Dort zieht ein Karibe mit Federbusch durch die Straßen. Ihm folgt ein King Kong ähnlicher Gorilla. Die Grand Place bietet also reichlich Gelegenheit für ein Foto-Shooting.
Fast wie „Le Bal des Quat’z’arts descendant les Champs-Elysées“
Die Szenerie erinnert an das im Palais des Beaux-Arts hängende Gemälde „Le Bal des Quat’z’arts descendant les Champs-Elysées“. George-Antoine Rochegrasse stellt darauf das Künstlerfest von 1894 auf den Champs-Elysées in Paris dar. Fröhliche Menschen aus fast allen Erdteilen der Welt und aus unterschiedlichen Epochen sind darauf abgebildet. Die 1890-er Jahre bilden den Höhepunkt des französischen Imperialismus. Frankreich erobert große Gebiete in Afrika und Asien und kann damit England die Stirn bieten. Das Bild kann man als Propagandabild deuten. Nach dem deutschen Sieg von 1870/71 hat Frankreich eine neue Identität gefunden. Es kann seinen Nationalstolz in neuer Identität als Republik und Kolonialmacht behaupten.
Aus der Vogelperspektive sind die zusammenlaufenden Straßen gut zu sehen. Hierdurch ziehen in der Dunkelheit die ersten Wagen. Die begleitende Musik erinnern an den Karneval von Rio. Eine Lasershow hüllt Tänzer und Musiker in unwirkliche Farben.
Aber mit einer Transformation von der Renaissance in die Moderne hat dies wenig zu tun. Oder?
Unter diesem Eindruck führt der Weg ins urige Restaurant “Au barbue d’Anvers”. Dort kann jeder dem Rummel gut entgehen, um sich in Ruhe auf einen weiteren Kulturtag in Lille vorzubereiten.