Wallfahrt der Leidenden

JULIANA Da wir lei­den, wol­len wir den Schmerz lin­dern. Wir sind recht trau­rig und recht müde. Ich weiß nicht, war­um ich respek­tie­ren soll, dass uns unse­re Müt­ter und Väter sol­che Ehe­män­ner aus­su­chen. Die­se ent­spre­chen so gar nicht unse­rer Art, da sie bei­na­he Teu­feln gleichen.

Deren Köp­fe sind wie Hügel, die Haa­re sind wurm­sti­chig. Sie sind braun wie Kork­ei­chen. Ein­mal im Jahr käm­men sie sich die Haa­re. Dazu tra­gen sie noch schlech­te Woll­män­tel aus schlech­tem Tuch. Amü­siert euch woan­ders mit sol­chen Ehemännern.

ILÀRIA Mei­ner schielt durch sei­ne Sün­den so sehr, wie ich es noch nie zuvor gese­hen habe. Er kneift sei­ne Augen zusam­men, wenn ich mit ihm spre­che, oder so. Ich weiß nicht, ob er mich ansieht, oder ob er auf die Dächer schaut. (…)

Dem Titel des Dra­mas ent­spre­chend — Romagem de Aggra­va­dos — lei­den hier Frau­en und Män­ner unter­schied­li­chen Alters. Sie tre­ten paar­wei­se auf und schil­dern ein­an­der ihre Schick­sa­le. Es geht um Kli­ma­wan­del, unbe­ant­wor­te­te Lie­be, lie­der­li­che Ade­li­ge, Kar­rie­re, Part­ner­wahl und Kom­mu­ni­ka­ti­on. Fast so wie im heu­ti­gen Leben, ein zeit­lo­ses Thea­ter­stück aus der Renaissance.

Ein typi­sches Werk des berühm­ten Dich­ters Gil Vicen­te: Zeit­los und sprach­lich ein­fach zeigt der Begrün­der des por­tu­gie­si­schen Natio­nal­thea­ters Schick­sa­le hilf­lo­ser Men­schen ver­schie­de­ner Stän­de und Alters­grup­pe. Wenn sie Hil­fe brau­chen, gehen sie auf eine Wall­fahrt. Sie erwar­ten also kei­ne irdi­sche Hilfe. 

An die­ser Tra­gi­ko­mö­die schätzt der Rei­sen­de, dass Vicen­te dem Zuschau­er ver­brei­te­te gesell­schaft­li­che Pro­ble­me auf bis­si­ge Wei­se vor­führt. Vie­le Pro­ble­me sind auch heu­te noch nicht gelöst, obwohl Gil Vicen­te das Dra­ma im Jah­re 1533 ver­fasst hat.

Vicente in Portugal sehr bekannt

Vier Jah­re nach dem “Tri­umph des Win­ters und des Früh­lings” ver­fass­te Gil Vicen­te die­ses Stück. Vicen­te (1465 — ca. 1536) gilt als Begrün­der des por­tu­gie­si­schen Natio­nal­thea­ters. Nach ihm ist sogar ein Fuß­ball­ver­ein benannt, der erfolg­reich spielt. Bis zu sei­nem Lebens­en­de um 1536 soll­ten neun wei­te­re Dra­men folgen. 

Es fällt auf, dass er bilin­gu­al schrei­ben konn­te. Zum Teil sind die Wer­ke auf Spa­nisch, auf Por­tu­gie­sisch und in einer Mischung aus bei­den Spra­chen ver­fasst. An den Uni­ver­si­tä­ten wird gelehrt, dass sich Vicen­te so einen grö­ße­ren Markt­an­teil ver­sprach. 46 Thea­ter­stü­cke sind ins­ge­samt bekannt. Davon ver­fass­te er 16 in por­tu­gie­si­scher, 11 in kas­ti­li­scher sowie 19 in bei­den Sprachen.

Stücke wohl auch in Spanien aufgeführt

So konn­te der Renais­sance-Dich­ter sei­ne Wer­ke nicht nur in Por­tu­gal, son­dern auch in Spa­ni­en auf­füh­ren las­sen. Damals gab es vie­le wan­dern­de Schau­spie­ler. Die­se spiel­ten nicht nur im Thea­ter, son­dern auch auf offe­ner Stra­ße Theater.

Fes­tungs­stadt Almei­da, Portugal

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