Frost ist gut für schwarze Trüffeln

Doch dann läuft das Tier der Fin­ca Arotz zum Herr­chen zurück und schaut zu ihm auf. Wegen der Men­schen­men­ge auf den Fer­sen? Die in der Regel drei­ßig bis hun­dert Gramm, in Glücks­fäl­len bis zu einem Kilo wie­gen­den schwar­zen Trüf­feln wach­sen hier auf einem ton- und kalk­hal­ti­gen Boden mit einem pH-Wert von acht Pro­zent. Die Pil­ze hier müss­ten im Herbst fast reif sein. Denn das Wachs­tum schwar­zer Trüf­feln beginnt im Früh­jahr. Die spä­ter kom­pak­ten, unför­mi­gen Trüf­fel­knol­len, häu­fig mit dicken War­zen über­sät, rei­fen sie­ben bis zehn Mona­te in der Erde. Im Dezem­ber wird geern­tet. Aber ist Frost gut für schwar­ze Trüf­feln? Kann man dann aus ihnen Trüf­fel­scho­ko­la­de, Trüf­fel­pra­li­nen, Trüf­fel­pas­te­te formen?

Konserve Trüffeln.jpg
Dose mit Trüffeln

Über­mä­ßi­ge Hit­ze oder Dür­re sowie frü­her Frost bekom­men den Pil­zen nicht. Soria liegt auf einer Hoch­ebe­ne, 1050 Meter über dem Mee­res­spie­gel. Die Land­schaft ist kalt und tro­cken. Schon Ende Sep­tem­ber kann es Nacht­frös­te geben. Es gibt Tem­pe­ra­tur­schwan­kun­gen mit 15° Cel­si­us zwi­schen der Höchst- und Tiefst­tem­pe­ra­tur. Der dadurch ent­ste­hen­de Boden­frost sti­mu­liert Pil­ze per­fekt. Frost ist gut für schwar­ze Trüffeln.

Der Hund ist wie­der auf der Suche, scharrt jetzt in der Erde. Hat der Per­di­ge­ro end­lich eine Trüf­fel gefun­den? Sein Herr­chen gräbt nun mit einer Schau­fel ein Loch in den Boden. Nichts: Luna war wohl ver­wirrt durch die vie­len Menschen.

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Größter Trüffelproduzent der Welt

Spanien Trüffel Okt 2010 Navaleno Restaurant 1

Die meis­ten Pilz­samm­ler lau­fen im Herbst durch Wäl­der, um ober­ir­di­sche schirm­chen­för­mi­ge so genann­te Pil­ze zu suchen. Bio­lo­gisch han­delt es sich aber nur um die schirm­för­mi­gen Tei­le der Pil­ze. Die­se wach­sen ober­ir­disch und bil­den Spo­ren. Sie sind die Spo­ren­trä­ger. Von die­sen gehen neue feins­te Pilz­schläu­che aus, aus denen das Myzel gebil­det wird. Im Gegen­satz zu die­sen „nor­ma­len“ Pil­zen haben die Trüf­feln kei­ne ober­ir­di­schen Ver­meh­rungs­or­ga­ne. Die knol­len­för­mi­gen Gebil­de, die man als Trüf­feln isst, ent­spre­chen bio­lo­gisch Pilz­schir­men. Pilz­züch­ter ent­neh­men ihnen Spo­ren. Damit imp­fen sie Baum­wur­zeln, um eine Trüf­fel­zucht anzulegen. 

Der größ­te Trüf­fel­pro­du­zent der Welt macht dies bereits in gro­ßem Umfang. Cate­sa Arotz gehört dem spa­ni­schen Nah­rungs­mit­tel­kon­zern Ebro, Pule­va. Der deut­sche Nudel­her­stel­ler Bir­kel zählt auch dazu. 600 Hekt­ar umfasst sein mit über 150.000 Bäu­men bepflanz­tes Gelän­de nahe Navaleno.

Zum Ver­gleich: In der Pro­vinz von Soria gibt es unge­fähr 1.500 Hekt­ar Land, auf denen Men­schen Trüf­feln kul­ti­vie­ren. „400 Men­schen sind in der Bran­che in Spa­ni­en beschäf­tigt“, sagt Car­los Fres­ne­da, Prä­si­dent der Aso­cia­ción Pro­vin­cial de Tru­fi­cul­to­res. In der Pro­vinz von Soria sei­en es 40.

Die meisten Betriebe sind Einmann-Unternehmen

Die meis­ten Betrie­be sind jedoch klei­ne Ein­mann-Unter­neh­men mit einer Grö­ße von vier Hekt­ar. In gro­ßen mit zehn bis zwan­zig Hekt­ar beschäf­tigt der Unter­neh­mer drei bis fünf Arbei­ter. Die Zahl der Arbeits­kräf­te vari­iert, je nach­dem, ob man ern­tet oder auch noch zusätz­li­che Bäu­me pflanzt. Auf der Arotz-Fin­ca arbei­ten dage­gen zehn, also die dop­pel­te bis drei­fa­che Anzahl. In der Pflanz­zeit sind es sogar bis zu drei­ßig Arbeitskräfte.

Es ver­wun­dert, dass ein “größ­ter Trüf­fel­pro­du­zent der Welt” sol­che eine Farm Besu­chern zeigt. Denn sonst pro­pa­giert man Trüf­fel­an­bau nicht sehr stark. Vie­le älte­re Trüf­fel­bau­ern befürch­ten, dass Image ihres Beru­fes kön­ne dar­un­ter lei­den. Und so könn­ten mit­tel­fris­tig die Prei­se ver­dor­ben wer­den. Sie mei­nen, die heu­ti­ge Mög­lich­keit der Zucht sol­le man bes­ser geheim hal­ten. Doch das ist gar nicht nötig: Die Nach­fra­ge nach schwar­zen Trüf­feln oder wei­ßen Trüf­feln über­steigt das Ange­bot. Und die Palet­te der aus ihnen ent­ste­hen­den Pro­duk­te enorm wie Trüf­fel­öl, Trüf­fel­scho­ko­la­de, Trüf­fel­pas­te­te, Trüf­fel­pra­li­nen und Trüffelchips.

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Moderne dänische Architektur

Zur­zeit ler­ne ich moder­ne däni­sche Archi­tek­tur in Aar­hus ken­nen. Däne­marks füh­ren­de Archi­tek­ten ste­hen mir Rede und Ant­wort. Aar­hus ist Däne­marks zweit­größ­te Stadt und im kom­men­den Jahr Kulturhauptstadt.

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Läuft dort nicht Rotkäppchen?

Nahe dem Dorf Nava­le­no geht es auf einem Wan­der­weg in einen Wald. Ande­re unter den Pilz­samm­lern durch­käm­men die Anhö­hen des gro­ßen Fors­tes. Selbst dort fal­len ihnen Pil­ze in den Schoß. Der Boden ist ange­nehm tro­cken. Läuft dort nicht Rot­käpp­chen? Nein, es kom­men ande­re Pilz­samm­ler mit gefloch­te­nen Kör­ben. Dies wirkt alt­mo­disch. Das Mot­to „Ern­ten, ohne zu säen“, unter dem jähr­lich vie­le Men­schen los­zie­hen, passt. Über­all schie­ßen Pil­ze aus dem Boden; zum Teil ver­ste­cken sie sich im Gras. Sie kön­nen sich hier vor allem von Laub und abge­fal­le­nen Ästen ernäh­ren, die von den weit ver­brei­te­ten Wald­kie­fern stammen. 

Alfre­do Rodrí­guez Gara­gor­ri vom Forst­un­ter­neh­men „Árbo­les Azu­les“ in Ovie­do erklärt, wie die­ser Wald­reich­tum im tro­cke­nen Spa­ni­en zu erklä­ren ist: „Kas­ti­li­en und León bil­den die größ­te zusam­men­hän­gen­de Regi­on Spa­ni­ens mit mehr als 100.000 Qua­drat­ki­lo­me­tern Flä­che; gut die Hälf­te ist nicht land­wirt­schaft­lich genutzt. Die Popu­la­ti­ons­dich­te ist mit 25 Ein­woh­nern pro Qua­drat­ki­lo­me­ter sehr nied­rig. In der Pro­vinz Soria leben sogar nur zehn Per­so­nen auf einem Quadratkilometer.“

Lehrreiches im Pilzzentrum Navaleno

Nicht alle Pil­ze sind so wert­voll wie der hier wach­sen­de Stein­pilz, so vor­nehm wie die Mor­chel oder begehrt wie der Pfif­fer­ling. Natür­lich wach­sen hier auch Gift­pil­ze. Daher ist es zu emp­feh­len, nach der Ern­te einen Exper­ten her­an­zu­zie­hen. Denn es ist schwie­rig, selbst zu ent­schei­den, ob es sich um einen Spei­se- oder Gift­pilz han­delt. Dabei hel­fen dem Neu­ling die Exper­ten des 2007 eröff­ne­ten Pilz­zen­trums Nava­le­no. Für ein so kom­pli­zier­tes Fach­ge­biet, für das ein ein­zi­ges Bestim­mungs­buch nicht aus­reicht, ist die dor­ti­ge Aus­stel­lung gut kon­zi­piert. Sie führt Lai­en in Wort und Bild in den Stoff ein. 

Körbe besser als Eimer

Hier klärt sich end­lich auch auf, war­um sich Kör­be eher als Eimer zum Sam­meln eig­nen. Die Pil­ze wer­den gut belüf­tet und ihre durch die Rit­zen fal­len­den Spo­ren kön­nen sich wie­der im Wald ver­tei­len. Wenn man meint, “Läuft dort nicht Rot­käpp­chen?” „sät“ der Samm­ler. Wer will, kann hier einen Kurs bele­gen, um alles über die selt­sa­men Wesen zu erfah­ren, die frü­her als halb Tier, halb Pflan­ze emp­fun­den wur­den, in West­fa­len als „Frosch­stüh­le“ bezeich­net werden.

Auf Farb­ta­feln sind ess­ba­re Pil­ze aus der Regi­on abge­bil­det. Sie bil­den ab, wie man sie scho­nend der Natur ent­nimmt. Es gibt Samm­ler, die den Boden viel zu stark auf­gra­ben und so die Pilz­ge­flech­te im Boden zer­stö­ren. „Man­che sam­meln auch weit über eige­ne Bedürf­nis­se hin­aus oder neh­men zu alte Pil­ze mit, die wich­tig für die Repro­duk­ti­on sind“, erklärt Rodrí­guez Gara­gor­ri. Den Wäl­dern wer­den so jähr­lich Ton­nen von Pil­zen von unaus­ge­bil­de­ten Suchern ent­nom­men. In man­chen Gegen­den schür­fen sogar kom­mer­zi­el­le Samm­ler illegal. 

In Nava­le­no selbst darf man noch ohne Erlaub­nis sam­meln. Aber in Kas­ti­li­en und León gibt es sechs ande­re Gebie­te mit 140.000 Hekt­ar Flä­che, in denen eine Erlaub­nis not­wen­dig ist. „Die Regie­rung wür­de auch ger­ne in Nava­le­no eine Regu­lie­rung ein­füh­ren. Mit zehn Euro jähr­lich wäre sie für kom­mer­zi­el­le Samm­ler güns­tig zu haben“, sagt Rodrí­guez. Doch eini­ge Lob­bys leis­te­ten Widerstand.

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Auf der Jagd nach edlen Pilzen

In ein Grimm­sches Mär­chen zurück­ver­setzt, füh­len sich Besu­cher der Pro­vinz Soria in den Wäl­dern der ehe­ma­li­gen spa­ni­schen König­rei­che Kas­ti­li­en und León. Wie Rot­käpp­chen tra­gen Pilz­samm­ler gefloch­te­ne Kör­be. Sie ern­ten, ohne zu säen: Soria ist ein Dora­do für Pilz­ken­ner. Restau­rants berei­ten Spei­sen aus Stein­pil­zen oder Trüf­feln zu. In Nava­le­no gibt es die größ­te Trüf­fel­farm der Welt. Die Bedin­gun­gen für Pil­ze sind auf der von Tou­ris­ten noch nicht ent­deck­ten Hoch­ebe­ne von Soria sehr gut.

Wenn Gour­mets von Trüf­feln, Mor­cheln und Stein­pil­zen spre­chen, wis­sen sie, dass es sich um Spit­zen­pro­duk­te der fran­zö­si­schen und ita­lie­ni­schen Ess­kul­tur han­delt. Doch gibt es auch in Spa­ni­en, dem Land der Oli­ven­hai­ne und des Ser­ra­no-Schin­kens, Trüf­feln und ande­re Edel­pil­ze? Die Ant­wort ist ein deut­li­ches „Ja“, vor­wie­gend in der auto­no­men Regi­on Kas­ti­li­en und León. Spe­zi­ell in den Wäl­dern der Pro­vinz Soria fin­den die begehr­ten Spei­se­pil­ze güns­ti­ge natür­li­che Bedin­gun­gen. Jeden Herbst sind dort mit Mes­sern bewaff­ne­te Samm­ler unter­wegs, um zu „ern­ten, ohne zu säen“. Sie sind gera­de­zu auf der Jagd nach edlen Pil­zen. Die­se Gegend über­ge­hen die Rei­se­füh­rer bis­lang. Sie liegt im Bin­nen­land, 230 Kilo­me­ter nord­öst­lich von Madrid.

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Modell eines Pil­zes im Pilz­zen­trum Navaleno.

Noch ist die geziel­te Trüf­fel­zucht erst drei­ßig bis vier­zig Jah­re alt. Sie ist aber so erfolg­reich, dass man sie als eine neue Form der Land­wirt­schaft bezeich­nen könn­te. Nicht ein­mal in Frank­reich ist die Her­kunft der Trüf­fel aus spa­ni­scher Zucht bekannt. Die spa­ni­schen Initia­to­ren in Soria beur­tei­len die Chan­cen für den Export von wei­ßen Trüf­feln oder schwar­zen Trüf­feln, aber auch die För­de­rung des Tou­ris­mus jedoch als sehr gut. Sie mei­nen auch, dass sich kei­ne Gefahr für die Natur ergibt. Im Grun­de fol­gen die Initia­to­ren dem in Kata­lo­ni­en und dem Bas­ken­land wesent­lich frü­her beschrit­te­nen Weg der Pilzkultur.

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Abend im Grazer Lendviertel

Ist Friseurhandwerk Design?

Nach einem Tag Rund­gang bie­tet es sich an, den Abend im Gra­zer Lend­vier­tel zu ver­brin­gen. Dies liegt nah an der Mur­insel. Besu­cher kön­nen sich leicht einem Rund­gang anschlie­ßen, den die jun­gen Krea­ti­ven hier gele­gent­lich anbie­ten. Dabei han­delt es sich um eine Umge­stal­tung des ehe­ma­li­gen Rot­licht­vier­tels. Doch von Ree­per­bahn-Atmo­sphä­re ist nur wenig zu sehen. 

Hier ver­kauft Iris Kas­t­ner in ihrem Geschäft „kwirl“ Design­ge­gen­stän­de, Geschen­ke und Sou­ve­nirs. 2008 hat sie ihr Geschäft gegrün­det. Gera­de ver­sil­bern sie und eine Mit­ar­bei­te­rin Karp­fen­schup­pen. Die­se will sie am nächs­ten Mor­gen an einem Akti­ons­stand als Glücks­brin­ger ver­kau­fen. „Dies ist ein ost­eu­ro­päi­scher Brauch. Es ist für uns ein klei­ner Anfang, eige­ne Pro­duk­te her­zu­stel­len und zu ver­kau­fen“, erklärt sie. Wer­de die Schup­pe in ein Porte­mon­naie gelegt, gehe dem Besit­zer nie das Geld aus. Doch nicht nur sie stellt eige­nes her. Auch ande­re Desi­gner kön­nen bei ihr Pro­duk­te verkaufen.

End­lich gibt es den im CIS-Maga­zin abge­bil­de­ten Fri­seur­sa­lon Die Haar­schnei­de­rei zu sehen. Bei ihm kamen dem Rei­sen­den Zwei­fel am Kon­zept der Bewer­bung auf. Denn Fri­seur­hand­werk ist im enge­ren Sin­ne kein Design. Kult­sta­tus hat­te bis­lang nur der Bri­te Vidal Sas­so­on. Des­sen Fri­su­ren der Jah­re 1964 bis 1966 schrie­ben ein Stück Gestal­tungs-Geschich­te. Damit war erst­mals ein Fri­seur nicht allein der Star sei­nes Faches. Er war kurz­fris­tig auch ernst zuneh­men­der Prot­ago­nist der gestal­te­risch-künst­le­ri­schen Avantgarde. 

Fri­seu­re hat­ten es von alters her schwer, ernst genom­men zu wer­den. Und wenn sich die TV-Pro­mi­nenz mit einem Besuch bei Udo Walz schmückt, der einen Salon auf dem Traum­schiff hat, steht Fri­sie­ren im Mit­tel­punkt sowie die Ver­wöh­nung einer liqui­den Kund­schaft. Aber als neue­rungs­wil­lig kann man sie kaum bezeich­nen. Der Salon erin­nert an die 50er Jah­re. Er ist ein­ge­rich­tet mit alten Foto-Por­träts an den Wän­den, einer alten Tisch­lam­pe und einer Pinn­wand. Auf der sind zu einer Col­la­ge ange­ord­ne­te Sei­ten aus alten Mode­ma­ga­zi­nen fixiert. 

Inha­ber Jakob Ess­lin­ger ist selbst ein Kunst­werk: Sei­ne Arme sind täto­wiert. Auf sei­ner Web­site kann sich jeder selbst einen Ein­druck von die­sem Sam­mel­su­ri­um machen. Als Kon­trast dazu ste­chen auf dem Lend­platz ele­gant gestal­te­te Holz­bän­ke neben einem schö­nen Brun­nen ins Auge, mal nicht Lat­ten­holz­bän­ke, die sonst auf der gan­zen Welt zu sehen sind. „Älte­re Men­schen freu­en sich übers war­me Holz“, berich­tet Sabi­ne Pram­mer von Crea­ti­ve Indus­tries of Styria.

Sechs Kilo Maronen am Lagerfeuer

Nach der Füh­rung durchs Stadt­vier­tel tref­fen sich Krea­ti­ve aus allen Berei­chen mit ande­ren Bewoh­nern. Sie rös­ten auf einem Geh­weg selbst gesam­mel­te sechs Kilo Maro­nen. Am Feu­er wer­den die Ereig­nis­se des Tages bespro­chen. Dabei lau­fen Aus­schnit­te von Live-Kon­zer­ten auf einer Lein­wand. Nach und nach kom­men wei­te­re jun­ge Men­schen hin­zu wie ein Archi­tekt, der nach dem Stu­di­um in Wien in sein Hei­mat­vier­tel zurück­ge­kehrt ist. Hier wird also zwi­schen Pri­va­tem und Öffent­li­chem ver­mit­telt. Die Men­schen tre­ten aus der Pri­vat­heit her­aus. Sie netz­wer­ken nicht nur über Chat­räu­me. Sie fin­den ein­an­der auch in einem öffent­lich zugäng­li­chen Raum, dem Lend­vier­tel.

Der oft erfol­gen­de Rück­griff auf ver­gan­ge­ne Stil­epo­chen, Moden, Lebens­for­men kann Aus­druck eines Wun­sches sein, ver­gan­ge­ne glück­li­che­re Zei­ten wie­der zu erwe­cken, zurück­zu­ho­len. Das Nost­al­gi­sche kann eine Flucht aus der bedrü­cken­den Gegen­wart sein, eine Erschei­nung in Epo­chen gro­ßer Umwäl­zun­gen. Das Zurück­träu­men kann zum einen das Aus­hal­ten der Gegen­wart erträg­li­cher machen. Zum ande­ren kann es auch Unge­nü­gen an ihr wach­hal­ten. Es kann zum Erhal­ten befä­hi­gen, aber auch zum Ver­än­dern motivieren. 

Pen­si­o­no­po­lis exis­tiert nicht mehr. Auf dem Grund­riss von Pen­si­o­no­po­lis ist eine leben­di­ge, von viel­fäl­ti­gen Schich­ten und Strö­mun­gen beherrsch­te moder­ne Stadt ent­stan­den. Dies wird in jedem Vier­tel auf sei­ne Wei­se sicht­bar. Der Abend im Lend­vier­tel run­det die­sen Ein­druck ab.


Ende der Serie

Den Anfang fin­dest Du hier.

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320 Tonnen schweres Flusscafé

Der Stadt ent­rückt sind die Gäs­te im Café auf der Mur­insel, der nächs­ten Sta­ti­on in Graz. Das wie eine Muschel unter Ver­wen­dung von Glas- und Stahl­ele­men­ten geform­te Café ist 47 Meter lang . Es ist 320 Ton­nen schwer, eine eige­ne Welt moderns­ter Prä­gung. Es liegt auf der Mur, dem Stadt­fluss, auf dem sogar Strom­schnel­len auf­blit­zen. Wäh­rend das Was­ser rauscht, tur­nen Kin­der im Frei­en auf einem Klet­ter­netz. In der Muschel ist es schwül wie in einem Treib­haus, eine Glas­welt mit wei­ßem und blau­em Kunststoff-Mobiliar.

Eine Kell­ne­rin strei­tet sich mit einem Kol­le­gen, ob sie oder er fünf gro­ße Bier­glä­ser tra­gen soll. An den Tischen sit­zen Tou­ris­ten, die Rei­se­füh­rer stu­die­ren. Halb­stünd­lich tre­ten sie ab, ande­re Tou­ris­ten betre­ten die Sze­ne. Gemüt­li­che Kaf­fee­haus­at­mo­sphä­re, in der schon Sur­rea­lis­mus, Dada­is­mus, Freuds Psy­cho­ana­ly­se und die moder­ne Phy­sik gebo­ren wur­den, ent­steht hier nicht. Halo­gen-Glanz, Snacks statt Gugel­hupf, Mohn­kip­ferl, Striet­zel oder leich­ten Eier­ge­bäcks, wie man sie in Cafés der aus­ge­hen­den Donau­mon­ar­chie geges­sen hat. Tur­nen auf einem Netz statt Bil­lard, Zei­tun­gen, Zeit­schrif­ten und Kar­ten­spiel. Die Kaf­fee­häu­ser ster­ben in Graz aus, beklag­te dem­entspre­chend eine Passantin.

So ver­wun­dert es nicht, dass die Mur­insel Fremd­kör­per aus der Zeit der Kul­tur­haupt­stadt bleibt. Die Mur­insel ist seit sie­ben Jah­ren ein Teil des his­to­ri­schen Alt­stadt­kerns in Graz, uni­so­no mit vie­len ande­ren futu­ris­tisch gestal­te­ten Gebäu­den und Expo­na­ten. Neu ergänzt Alt, die­ses The­ma beherrsch­te die Stadt lan­ge Zeit und bis heu­te. Dazu gehört auch das Kunst­haus, ein Muse­um für zeit­ge­nös­si­sche Kunst, an des­sen Front eine meer­blaue Acryl­glas-Kon­struk­ti­on wie eine über­di­men­sio­na­le Sei­fen­bla­se klebt. Auf dem Dach sind wie Rüs­sel aus­se­hen­de Fens­ter angebracht.

Ende der Serie.

Fort­set­zung folgt.

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Menschen in Graz überzeugen

Sophie Wol­frum, Wis­sen­schaft­le­rin an der TU Mün­chen, beschreibt nun aber die Pri­vat­woh­nung im Essay „Stadt, Soli­da­ri­tät und Tole­ranz“ als Ort der Auto­no­mie und Immu­ni­tät. Hin­aus gehen die Bewoh­ner gezielt, um wohl dosiert sozia­le Kon­tak­te zu pfle­gen. Der sozia­le Pri­vat­raum wer­de zu einem zu ver­tei­di­gen­den Ter­ri­to­ri­um, das vor Kri­mi­na­li­tät oder vor Frem­den abge­schirmt wer­den müs­se. Wird dies aber wirk­lich mit so einer Lauf­bahn erreicht, wäh­rend zugleich in die Woh­nun­gen ein­ge­bro­chen wird? 

Pla­ka­te an den Häu­sern im Jako­mi­ni­vier­tel zei­gen, dass die Men­schen noch über­zeugt und ver­trös­tet wer­den müs­sen: „Ganz ehr­lich. Eine rote Lauf­bahn wäre mir auch ein­ge­fal­len. Groß­ar­tig! Aber die rote Lauf­bahn ist nur eine von vie­len Maß­nah­men, um das Jako­mi­ni­vier­tel lang­fris­tig attrak­ti­ver zu machen. Also her mit den guten Ideen!“ Das im Herbst abge­schlos­se­ne Pro­jekt kos­te­te 80.000 Euro. Es wird von man­chem Gra­zer als her­aus­ge­wor­fe­nes Geld bezeichnet. 

Die kul­tu­rel­le Viel­falt wird zwar geför­dert, wenn Krea­ti­ve wie die Restau­ra­to­ren gewon­nen wer­den kön­nen. Damit ein­her­ge­hend wird wohl­ha­ben­de Kund­schaft ange­zo­gen. Zugleich wer­den aber ande­re aus­ge­grenzt wie ärme­re Bevöl­ke­rungs­grup­pen, da die Mie­ten stei­gen. Dies zei­gen die Reak­tio­nen der Befrag­ten. Vor kur­zem wur­de trotz Kri­tik der Anwoh­ner der Alte Hof in der nahen Kol­ping­gas­se abge­ris­sen. Drei Häu­ser in der Jako­mi­ni­stra­ße hat kürz­lich ein Inves­tor gekauft. Die­ser will sie sanie­ren und dann Büros und Woh­nun­gen errichten. 

Zunächst kann die dem fol­gen­de Teue­rung für sozia­len Unfrie­den sor­gen. Des­halb müs­sen die Men­schen in bezahl­ba­re Vier­tel zie­hen. Dies kann zu Ghet­toi­sie­rung und Kon­flik­ten zwi­schen neu­en und alten Bewoh­nern füh­ren. Das Pro­blem wird also ver­la­gert, nicht gelöst. Ist die Lauf­bahn nicht eher rei­nes Pres­ti­ge­ob­jekt? Denn Design ist die Sum­me aus Gebrauchs­ob­jekt und Kunst­werk, aus Funk­tio­nal­äs­the­tik und künst­le­ri­schem Aus­druck. Nur wenn das Ver­hält­nis stimmt, spricht man von gutem Design. 

„Das Jako­mi­ni­vier­tel war einst ein Hand­werks­vier­tel mit Schus­tern und Schnei­dern. Doch mit den Jah­ren sie­del­ten sich Han­dels­be­trie­be an, die sich jedoch nur schwer hal­ten konn­ten“, erklärt Sabi­ne Pram­mer von Crea­ti­ve Indus­tries of Sty­ria. Mit einem Miet­för­der­mo­dell wol­le man noch mehr Krea­ti­ve anzie­hen. Seit dem Start hät­ten sich über 20 Krea­ti­ve ange­sie­delt. Die­se neh­men zum Teil auch die drei Jah­re lau­fen­de Miet­för­de­rung in Anspruch, die sich „an alle Unter­neh­men und Selbst­stän­di­gen rich­tet, die erwerbs­mä­ßig, das heißt, gezielt mit Gewinn­erzie­lungs-Absicht kul­tu­rel­le Güter und Dienst­leis­tun­gen ent­wi­ckeln, schaf­fen, pro­du­zie­ren, ver­mark­ten und ver­tei­len bezie­hungs­wei­se medi­al verbreiten“.


Fort­set­zung folgt.

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