Frost ist gut für Trüffeln

Doch dann läuft das Tier zum Herrchen zurück und schaut zu ihm auf. Wegen der Menschenmenge auf den Fersen? Die in der Regel dreißig bis hundert Gramm, in Glücksfällen bis zu einem Kilo wiegenden Trüffeln wachsen hier auf einem ton- und kalkhaltigen Boden mit einem pH-Wert von acht Prozent. Die Pilze hier müssten im Herbst fast reif sein, denn das Wachstum schwarzer Trüffeln beginnt im Frühjahr. Die später kompakten, unförmigen Knollen, häufig mit dicken Warzen übersät, reifen sieben bis zehn Monate in der Erde. Im Dezember wird geerntet.

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Dose mit Trüffeln. Oben: auf Trüffelnsuche.

Übermäßige Hitze oder Dürre sowie früher Frost bekommen den Pilzen nicht. Soria liegt auf einer Hochebene, 1050 Meter über dem Meeresspiegel. Die Landschaft ist kalt und trocken. Schon Ende September kann es Nachtfröste geben. Es gibt Temperaturschwankungen mit 15° Celsius zwischen der Höchst- und Tiefsttemperatur. Der dadurch entstehende Bodenfrost stimuliert Pilze perfekt. Der Hund ist wieder auf der Suche, scharrt jetzt in der Erde. Hat der Perdigero endlich eine Trüffel gefunden? Sein Herrchen gräbt nun mit einer Schaufel ein Loch in den Boden. Nichts: Luna war wohl verwirrt durch die vielen Menschen.


Fortsetzung folgt.

 

Urlaub zur Karnevalszeit in Spanien?

Finca Arotz

Größter Trüffelproduzent der Welt

Die meisten Pilzsammler laufen im Herbst durch die Wälder, um die oberirdischen schirmchenförmigen so genannten Pilze zu suchen. Biologisch handelt es sich aber nur um die schirmförmigen Teile der Pilze, die oberirdisch wachsen und Sporen bilden. Sie sind die Sporenträger. Von diesen gehen neue feinste Pilzschläuche aus, aus denen das Myzel gebildet wird. Im Gegensatz zu diesen „normalen“ Pilzen haben die Trüffeln keine oberirdischen Vermehrungsorgane. Die knollenförmigen Gebilde, die als Trüffeln gegessen werden, entsprechen biologisch den Pilzschirmen. Pilzzüchter entnehmen ihnen die Sporen und impfen damit Baumwurzeln, um eine Trüffelzucht anzulegen.

Spanien Trüffel Okt 2010 Navaleno Restaurant 1

Dies ist bereits in großem Umfang geschehen: Catesa Arotz, der größte Trüffelproduzent der Welt, gehört dem spanischen Nahrungsmittelkonzern Ebro, Puleva. Der deutsche Nudelhersteller Birkel gehört auch dazu. 600 Hektar umfasst sein mit über 150.000 Bäumen bepflanztes Gelände nahe Navaleno. Zum Vergleich: In der Provinz von Soria gibt es ungefähr 1.500 Hektar Land, auf denen Trüffeln kultiviert werden. „400 Menschen sind in der Branche in Spanien beschäftigt“, sagt Carlos Fresneda, Präsident der Asociación Provincial de Truficultores. In der Provinz von Soria seien es 40. Die meisten Betriebe sind jedoch kleine Einmann-Unternehmen mit einer Größe von vier Hektar, in großen mit zehn bis zwanzig Hektar beschäftigt der Unternehmer drei bis fünf Arbeiter. Die Zahl der Arbeitskräfte variiert, je nachdem, ob geerntet oder auch noch zusätzliche Bäume gepflanzt werden. Auf der Arotz-Finca arbeiten dagegen zehn, also die doppelte bis dreifache Anzahl; wenn gepflanzt wird sogar bis zu dreißig Arbeitskräfte. Es verwundert, dass eine solche Farm Besuchern gezeigt wird, da man sonst Trüffelanbau nicht sehr stark propagiert. Viele ältere Trüffelbauern befürchten, dass Image ihres Berufes könne darunter leiden und so könnten mittelfristig die Preise verdorben werden; sie meinen, die heutige Möglichkeit der Zucht solle besser geheim gehalten werden. Doch das ist gar nicht nötig: Die Nachfrage nach Trüffeln übersteigt das Angebot.


Fortsetzung folgt.

Finca Arotz

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Läuft dort nicht Rotkäppchen?

Pilze im waldreichen Spanien

Nahe dem Dorf Navaleno geht es auf einem Wanderweg in einen Wald. Andere unter den Pilzsammlern durchkämmen die Anhöhen des großen Forstes. Selbst dort fallen ihnen Pilze in den Schoß. Der Boden ist angenehm trocken. Läuft dort nicht Rotkäppchen? Nein, es kommen andere Pilzsammler mit geflochtenen Körben. Dies wirkt altmodisch. Das Motto „Ernten, ohne zu säen“, unter dem jährlich viele Menschen losziehen, passt. Überall schießen Pilze aus dem Boden; zum Teil verstecken sie sich im Gras. Sie können sich hier vor allem von Laub und abgefallenen Ästen ernähren, die von den weit verbreiteten Waldkiefern stammen. Alfredo Rodríguez Garagorri vom Forstunternehmen „Árboles Azules“ in Oviedo erklärt, wie dieser Waldreichtum im trockenen Spanien zu erklären ist: „Kastilien und León bilden die größte zusammenhängende Region Spaniens mit mehr als 100.000 Quadratkilometern Fläche; gut die Hälfte ist nicht landwirtschaftlich genutzt. Die Populationsdichte ist mit 25 Einwohnern pro Quadratkilometer sehr niedrig. In der Provinz Soria leben sogar nur zehn Personen auf einem Quadratkilometer.“

Spanien Trüffel Okt 2010 Navaleno Pilzzentrum Tafel Aufbau Pilzzentrum Ausstellung

Nicht alle Pilze sind so wertvoll wie der hier wachsende Steinpilz, so vornehm wie die Morchel oder begehrt wie der Pfifferling. Natürlich wachsen hier auch Giftpilze. Daher ist es zu empfehlen, nach der Ernte einen Experten heranzuziehen, denn es ist schwierig, selbst zu entscheiden, ob es sich um einen Speise- oder Giftpilz handelt. Dabei helfen dem Neuling die Experten des 2007 eröffneten Pilzzentrums Navaleno. Für ein so kompliziertes Fachgebiet, für das ein einziges Bestimmungsbuch nicht ausreicht, ist die dortige Ausstellung gut konzipiert. Sie führt Laien in Wort und Bild in den Stoff ein. Hier klärt sich endlich auch auf, warum sich Körbe eher als Eimer zum Sammeln eignen. Die Pilze werden gut belüftet und ihre durch die Ritzen fallenden Sporen können sich wieder im Wald verteilen. Der Pilzsammler „sät“. Wer will, kann hier einen Kurs belegen, um alles über die seltsamen Wesen zu erfahren, die früher als halb Tier, halb Pflanze empfunden wurden, in Westfalen als „Froschstühle“ bezeichnet werden.

Spanien Trüffel Okt 2010 Navaleno Pilzzentrum Tafel Aufbewahrung Kälte

Auf Farbtafeln sind essbare Pilze aus der Region abgebildet. Es wird gezeigt, wie man sie schonend der Natur entnimmt. Es gibt Sammler, die den Boden viel zu stark aufgraben und so die Pilzgeflechte im Boden zerstören. „Manche sammeln auch weit über eigene Bedürfnisse hinaus oder nehmen zu alte Pilze mit, die wichtig für die Reproduktion sind“, erklärt Rodríguez Garagorri. Den Wäldern werden so jährlich Tonnen von Pilzen von unausgebildeten Suchern entnommen. In manchen Gegenden schürfen sogar kommerzielle Sammler illegal. In Navaleno selbst darf man noch ohne Erlaubnis sammeln. In Kastilien und León gibt es aber sechs andere Gebiete mit 140.000 Hektar Fläche, in denen eine Erlaubnis notwendig ist. „Die Regierung würde auch gerne in Navaleno eine Regulierung einführen. Mit zehn Euro jährlich wäre sie für kommerzielle Sammler günstig zu haben“, sagt Rodríguez. Doch einige Lobbys leisteten Widerstand.


Fortsetzung folgt.

Pilzzentrum Navaleno

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Auf der Jagd nach edlen Pilzen

In ein Grimmsches Märchen zurückversetzt, fühlen sich Besucher der Provinz Soria in den Wäldern der ehemaligen spanischen Königreiche Kastilien und León. Wie Rotkäppchen tragen Pilzsammler geflochtene Körbe. Sie ernten, ohne zu säen: Soria ist ein Dorado für Pilzkenner. Restaurants bereiten Speisen aus Steinpilzen oder Trüffeln zu. In Navaleno gibt es die größte Trüffelfarm der Welt. Die Bedingungen für Pilze sind auf der von Touristen noch nicht entdeckten Hochebene von Soria sehr gut.

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Modell eines Pilzes im Pilzzentrum Navaleno. Oben: Landschaft von Navaleno.

Wenn Gourmets von Trüffeln, Morcheln und Steinpilzen sprechen, wissen sie, dass es sich um Spitzenprodukte der französischen und italienischen Esskultur handelt. Doch gibt es auch in Spanien, dem Land der Olivenhaine und des Serrano-Schinkens, Trüffeln und andere Edelpilze? Die Antwort ist ein deutliches „Ja“, vorwiegend in der autonomen Region Kastilien und León. Speziell in den Wäldern der Provinz Soria finden die begehrten Speisepilze günstige natürliche Bedingungen. Jeden Herbst sind dort mit Messern bewaffnete Sammler unterwegs, um zu „ernten, ohne zu säen“. Diese Gegend übergehen die Reiseführer bislang, sie liegt im Binnenland, 230 Kilometer nordöstlich von Madrid. Noch ist die gezielte Trüffelzucht erst dreißig bis vierzig Jahre alt. Sie ist aber so erfolgreich, dass man sie als eine neue Form der Landwirtschaft bezeichnen könnte. Nicht einmal in Frankreich ist die Herkunft der Trüffel aus spanischer Zucht bekannt. Die spanischen Initiatoren in Soria beurteilen die Chancen für den Export, aber auch die Förderung des Tourismus jedoch als sehr gut. Sie meinen auch, dass sich keine Gefahr für die Natur ergibt. Im Grunde folgen die Initiatoren dem in Katalonien und dem Baskenland wesentlich früher beschrittenen Weg der Pilzkultur.


Fortsetzung folgt.

Offizielle Website der Region Kastilien & León zur Pilzkultur

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Karpfenschuppen als Glücksbringer

Ein Abend im Lendviertel in Graz

Nach einem Tag Rundgang bietet es sich an, den Abend im Lendviertel zu verbringen, das nah an der Murinsel liegt. Besucher können sich leicht einem Rundgang anschließen, den die jungen Kreativen hier gelegentlich anbieten. Dabei handelt es sich um eine Umgestaltung des ehemaligen Rotlichtviertels. Doch von Reeperbahnatmosphäre ist nur wenig zu sehen. Hier verkauft Iris Kastner in ihrem Geschäft „kwirl“ Designgegenstände, Geschenke und Souvenirs. 2008 hat sie ihr Geschäft gegründet. Gerade versilbern sie und eine Mitarbeiterin in der Werkstatt Karpfenschuppen, die sie am nächsten Morgen an einem Aktionsstand als Glücksbringer verkaufen wollen. „Dies ist ein osteuropäischer Brauch. Es ist für uns ein kleiner Anfang, eigene Produkte herzustellen und zu verkaufen“, erklärt sie. Werde die Schuppe in ein Portemonnaie gelegt, gehe dem Besitzer nie das Geld aus. Doch nicht nur sie stellt eigenes her, sondern auch andere Designer können bei ihr Produkte verkaufen.

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Endlich gibt es auch den im Magazin abgebildeten Friseursalon „Die Haarschneiderei“ zu sehen, bei dem erstmals Zweifel am Konzept der Bewerbung aufkamen, weil Friseurhandwerk im engeren Sinne kein Design ist. Kultstatus hatte bislang nur der Brite Vidal Sassoon. Dessen Frisuren der Jahre 1964 bis 1966 schrieben ein Stück Gestaltungsgeschichte, womit erstmals und wohl bislang das einzige Mal, ein Friseur nicht allein der Star seines Faches, sondern kurzfristig auch ernstzunehmender Protagonist der gestalterisch-künstlerischen Avantgarde wurde. Friseure hatten es von alters her schwer, ernst genommen zu werden. Und wenn sich die TV-Prominenz mit einem Besuch bei Udo Walz schmückt, der einen Salon auf dem Traumschiff hat, steht Frisieren im Mittelpunkt sowie die Verwöhnung einer liquiden, aber kaum neuerungswilligen Kundschaft. Der Salon erinnert an die 50er Jahre, eingerichtet mit alten Fotoporträts an den Wänden, einer alten Tischlampe und einer Pinnwand, auf der zu einer Collage angeordnete Seiten aus alten Modemagazinen fixiert sind. Inhaber Jakob Esslinger ist selbst ein Kunstwerk, seine Arme sind tätowiert. Auf www.diehaarsschneiderei.com kann sich jeder selbst einen Eindruck von diesem Sammelsurium machen und Bilder anschauen. Als Kontrast dazu stechen auf dem Lendplatz elegant gestaltete Holzbänke neben einem schönen Brunnen ins Auge, mal nicht die Lattenholzbänke, die sonst auf der ganzen Welt zu sehen sind. „Ältere Menschen freuen sich über das warme Holz“, berichtet Sabine Prammer.

Graz-Kirche

Nach der Führung durchs Stadtviertel treffen sich die Kreativen aus allen Bereichen mit anderen Bewohnern und rösten auf einem Gehweg sechs Kilo Maronen, die sie selbst gesammelt haben. Am Feuer werden die Ereignisse des Tages besprochen. Währenddessen laufen Ausschnitte von Live-Konzerten auf einer Leinwand. Mit der Zeit kommen weitere junge Menschen hinzu wie ein Architekt, der gerade erst nach dem Studium in Wien in sein Heimatviertel zurückgekehrt ist. Hier wird also zwischen Privatem und Öffentlichem vermittelt. Die Menschen treten aus ihrer Privatheit heraus. Sie netzwerken nicht nur über Chaträume, sondern auch in einem öffentlich zugänglichen Raum, dem Lendviertel.

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Der oftmals erfolgende Rückgriff auf vergangene Stilepochen, Moden, Lebensformen kann Ausdruck eines Wunsches sein, vergangene glücklichere Zeiten wiederzuerwecken, zurückzuholen. Das Nostalgische kann eine Flucht aus der bedrückenden Gegenwart sein, eine Erscheinung in Epochen großer Umwälzungen. Das Zurückträumen kann zum einen das Aushalten der Gegenwart erträglicher machen, zum anderen auch das Ungenügen an ihr wachhalten. Es kann zum Erhalten befähigen, aber auch zum Verändern motivieren. „Pensionopolis“ existiert nicht mehr. Auf dem Grundriss von „Pensionopolis“ ist eine lebendige, von vielfältigen Schichten und Strömungen beherrschte moderne Stadt entstanden. Dies wird in jedem Viertel auf seine Weise sichtbar.


Ende der Serie

Tipps: Schlafen und Shoppen in Graz

Friseursalon im Lendviertel

320 Tonnen schweres Flusscafé

Der Stadt entrückt auf der Murinsel

Der Stadt entrückt sind die Gäste im Café auf der Murinsel, der nächsten Station. Das wie eine Muschel unter Verwendung von Glas- und Stahlelementen geformte Café ist 47 Meter lang und 320 Tonnen schwer, eine eigene Welt modernster Prägung. Es liegt auf der Mur, dem Stadtfluss, auf dem sogar Stromschnellen aufblitzen. Während das Wasser rauscht, turnen Kinder im Freien auf einem Kletternetz. In der Muschel ist es schwül wie in einem Treibhaus, eine Glaswelt mit weißem und blauem Kunststoffmobiliar.

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Brücke zur Murinsel in Graz. Fotos (3): Graz Tourismus – Harry Schiffer. Oben: Café am Fluss in Graz. Foto: H. Schiffer

Eine Kellnerin streitet sich mit einem Kollegen, ob sie oder er fünf große Biergläser tragen soll. An den Tischen sitzen Touristen, die Reiseführer studieren. Halbstündlich treten sie ab, andere Touristen betreten die Szene. Gemütliche Kaffeehausatmosphäre, in der schon Surrealismus, Dadaismus, Freuds Psychoanalyse und die moderne Physik geboren wurden, entsteht hier nicht. Halogen-Glanz, Snacks statt Gugelhupf, Mohnkipferl, Strietzel oder leichten Eiergebäcks, wie man sie in Cafés der ausgehenden Donaumonarchie gegessen hat. Turnen auf einem Netz statt Billard, Zeitungen, Zeitschriften und Kartenspiel. Die Kaffeehäuser sterben in Graz aus, beklagte dementsprechend eine Passantin.

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Murinsel in Graz Fotos (3): Graz Tourismus – Harry Schiffer.

So verwundert es nicht, dass die Murinsel Fremdkörper aus der Zeit der Kulturhauptstadt bleibt. Die Murinsel ist seit sieben Jahren ein Teil des historischen Altstadtkerns, unisono mit vielen anderen futuristisch gestalteten Gebäuden und Exponaten. Neu ergänzt Alt, dieses Thema beherrschte die Stadt lange Zeit und bis heute. Dazu gehört auch das Kunsthaus, ein Museum für zeitgenössische Kunst, an dessen Front eine meerblaue Acrylglaskonstruktion wie eine überdimensionale Seifenblase klebt. Auf dem Dach sind wie Rüssel aussehende Fenster angebracht.

Fortsetzung folgt.

Menschen müssen noch überzeugt werden

Umgestaltung des Jakominiviertels findet nicht überall Anhänger

Sophie Wolfrum, Wissenschaftlerin an der TU München, beschreibt nun aber die Privatwohnung im Essay „Stadt, Solidarität und Toleranz“ als Ort der Autonomie und Immunität. Hinaus gehen die Bewohner gezielt, um wohl dosiert soziale Kontakte zu pflegen. Der soziale Privatraum werde zu einem zu verteidigenden Territorium, das vor Kriminalität oder vor Fremden abgeschirmt werden müsse. Wird dies aber wirklich mit solch einer Laufbahn erreicht, während zugleich in die Wohnungen eingebrochen wird?

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Teeparadies in der Jakoministraße

Plakate an den Häusern zeigen, dass die Menschen noch überzeugt und sogar vertröstet werden müssen: „Ganz ehrlich. Eine rote Laufbahn wäre mir auch eingefallen. Großartig! Aber die rote Laufbahn ist nur eine von vielen Maßnahmen, um das Jakominiviertel langfristig attraktiver zu machen. Also her mit den guten Ideen!“ Das im Herbst abgeschlossene Projekt kostete 80.000 Euro. Es wird von manchem Grazer als herausgeworfenes Geld bezeichnet. Die kulturelle Vielfalt wird zwar gefördert, wenn Kreative wie die Restauratoren gewonnen werden können. Damit einhergehend wird wohlhabende Kundschaft angezogen. Zugleich werden aber andere ausgegrenzt wie vor allem ärmere Bevölkerungsgruppen, da die Mieten steigen. Dies zeigen die Reaktionen der Befragten. Vor kurzem wurde trotz Kritik der Anwohner der Alte Hof in der nahen Kolpinggasse abgerissen. Drei Häuser in der Jakoministraße wurden kürzlich von einem Investor gekauft, der sie sanieren und dann Büros und Wohnungen errichten will.

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Geschäft mit orientalischen Delikatessen in der Jakoministraße

Zunächst kann die dem folgende Teuerung für sozialen Unfrieden sorgen, weshalb die Menschen in bezahlbare Viertel ziehen müssen, was zu Ghettoisierung und Konflikten zwischen neuen und alten Bewohnern führen kann. Das Problem wird also verlagert, nicht gelöst. Ist die Laufbahn nicht eher reines Prestigeobjekt? Denn Design ist die Summe aus Gebrauchsobjekt und Kunstwerk, aus Funktionalästhetik und künstlerischem Ausdruck. Nur wenn das Verhältnis stimmt, spricht man von gutem Design. „Das Jakominiviertel war einst ein Handwerksviertel mit Schustern und Schneidern. Doch mit den Jahren siedelten sich Handelsbetriebe an, die sich jedoch nur schwer halten konnten“, erklärt Sabine Prammer. Mit einem Mietfördermodell wolle man noch mehr Kreative anziehen. Seit dem Start hätten sich über 20 Kreative angesiedelt. Diese nehmen zum Teil auch die drei Jahre laufende Mietförderung in Anspruch, die sich „an alle Unternehmen und Selbstständigen richtet, die erwerbsmäßig, das heißt, gezielt mit Gewinnerzielungsabsicht kulturelle Güter und Dienstleistungen entwickeln, schaffen, produzieren, vermarkten und verteilen beziehungsweise medial verbreiten“.


Fortsetzung folgt.

Tipps:

Schlafen und Shoppen in Graz

Einen interessanten Weg verfolgt eine Initiative in Mönchengladbach, um den Leerstand in der Innenstadt zu beseitigen:

Teeparadies und Keramik vom Feinsten

Kreative Szene im Jakominiviertel von Graz

Die nächste Station des Rundgangs ist das Jakominiviertel, ein Tipp Sabine Prammers. Vor der Jakoministraße regelt ein Polizist den Verkehr; er ist unzufrieden mit der Atmosphäre. Zurzeit sei es ruhig, aber es leide immer wieder unter Einbrüchen und Messerstechereien. An diesem sonnigen Tag wirkt die Straße harmlos und wie eine lange schmale Gasse. Durch sie führt eine leuchtend rote 750 Meter lange Laufbahn, eine Art Wegweiser. Auch die Straßenbahn, die „Bim“, fährt hier an Kunstläden, orientalischen Delikatessen, „Keramik vom Feinsten“, einem Teeparadies und Cafés vorbei. Einige dieser Läden sind erst vor wenigen Monaten hier aufgebaut worden, da die Stadt hier eine kreative Szene ansiedeln will. Das Viertel steht vor einem Wandel.

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Knallige Fassade, schöne Spiegelung in den Fenstern: die Jakoministraße.

Der ESC-Kunstverein ist aber schon 14 Jahre in der Gasse. Der Verein präsentiert in kleinen Ausstellungen moderne Kunst, manchmal veranstaltet er auch Performances. Mitarbeiterin Reni Hoffmüller gehört zu denen, die die Planungen der Stadt, Graz zu verändern, kritisch sehen, besonders bezüglich der Bemühungen, das Bahnhofsviertel aufzuwerten. „Wenn zugleich das Jakominiviertel verschönert und das Bahnhofsviertel verbessert wird, werden wir an Zulauf verlieren.“

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Maronenverkäuferin am Jakominiplatz

Hingegen sind die neu zugezogenen Restauratorinnen mit der Situation zufrieden. In ihrer kleinen Werkstatt restaurieren sie dieser Tage Bilderrahmen, Gemälde, Heiligenfiguren und eine Weihnachtskrippe. Kirchengemeinden und Privatkunden vergeben die Aufträge. Anfänglich habe die Inhaberin Erika Thümmel Bedenken gehabt, sagt ihre Angestellte Dr. Heidelinde Fell, weil es schwierig sei, hier zu parken. Aber die zentrale Lage, die gute Erreichbarkeit mit „Bim“ und Bus, habe den Ausschlag gegeben, den Standort von der Peripherie in die Innenstadt zu verlegen. Hier kämen mehr potentielle Kunden durch. Sie können beim Bummeln ständig Veränderungen im Schaufenster beobachten, den Frauen beim Arbeiten zuschauen. Wertvolle alte Gegenstände werden so erhalten; Retro ist beliebt.

Fortsetzung folgt.

Tipps: Schlafen und Shoppen in Graz