Frohe Weihnachten aus Spanien! Euch allen wünscht der Reisende ein gesegnetes Fest. Hier in Plasencia am Jakobsweg “Via de la plata” gehen die Menschen heute Abend heraus zum Feiern. Auch mal etwas Neues, wenn man Weihnachten zum ersten Mal nicht bei den Eltern, sondern in der Extremadura verbringt. Da die Stadt lebhaft ist, fällt das Alleinsein nicht schwer. Die Restaurants sind offen. Viele junge Leute streifen durch die Kleinstadt, feiern an Stehtischen. Daher ähnelt die Atmosphäre ein wenig dem Silvesterabend bei uns. Selbst am ersten Weihnachtstag sind Restaurants offen. Ganz anders als in Deutschland, wo fast jegliches Leben erstarrt.
Es ist kaum zu glauben, was nur 1,5 Jahre später gut 60 Kilometer nördlich hier passieren wird. Auf der Fahrt von Salamanca nach Plasencia genoss der Reisende noch den Anblick der Sierra de Francia. Es erhebt sich majestätisch aus der ansonsten flachen Landschaft. Dabei nahm er sich schon fest vor, auch dieses Gebiet eines Tages zu durchstreifen und zu erleben. Es gibt hier viele Eichenwälder, in denen Bauern Schweine halten. Diese sind sehr scheu und flüchten blitzartig, sobald sie den Radwanderer sehen. Um den 20. Mai 2023 wird hier ein großer Brand bei Las Hurdes ausbrechen. Als Ursache vermutet wird Brandstiftung. 700 Einwohner müssen dann evakuiert werden. Ein Albtraum! Die Flammen schlagen meterhoch. 7500 Hektar Wald werden vernichtet werden.
Hinter Plasencia fährt der Bikepacker nach den Weihnachtstagen auf dem weitgehend flachen Land weiter Richtung Cáceres. Aufgelöst ist hier auch nach gut 3000 Kilometern auf der Iberischen Halbinsel endlich, woher all die kleinen Holgers stammen — aus der farbigen und idyllisch gelegenen Kleinstadt Holguera. Auf dem Kirchturm des wehrhaft aussehenden Sakralbaus befinden sich allein drei Storchennester. Das Geklapper der großen Vögel ist schon von weitem zu hören. In fast jeder Stadt und jedem Dorf befinden sich Storchennester. Ein wohltuendes Naturerlebnis. Und ein schönes Geschenk. Frohe Weihnachten aus Spanien!
Jetzt im TV: Naturparks in Europa. Aktuell versorgt der Reisende euch möglichst regelmäßig mit TV-Dokus über Kultur und Reise. Im Zentrum stehen beliebte Ziele in Europa, die jetzt im Fernsehen laufen. Diesmal sind nach der Masse an Dokus in der vergangenen Woche nur Deutschland, Portugal und Österreich vertreten. Am meisten erfahren die Zuschauer diesmal über Destinationen in Deutschland. Das liegt wohl an Corona mangels Reisemöglichkeiten liegt.
Empfehlen kann der Reisende einen Film über Naturparks in Portugal. Er sah ihn bereits. Die Serra da Estrela kennt er gut, da er dort mehrfach recherchierte, einen Reiseführer darüber verfasste. Die Region liegt im Centro de Portugal. Sie besticht durch hohe Berge und Juwelen-Dörfer. Und sie ist gut mit dem Rad zu bereisen. Denn die Strecken sind auf der von zu empfehlenden Rundstrecke nicht steil. Zwei Wochen kannst Du die Region ohne Muskelkater erkunden.
Naturpark Peneda-Gerês
Gerade schaute der Reisende nach, wo der Naturpark Peneda-Gerês liegt. Dabei stellte er fest, dass er schon nah dran war, als er von Santiago de Compostela über Allariz nach Albergueria fuhr. Daher kann er sich auch vorstellen, wie es dort aussieht. Es ist bergig. Er kurbelte auf Serpentinen stundenlang bergauf und ‑ab, genoss Ausblicke, Adler und Geier und Cafés in Dörfern. Eine in einer hoch gelegenen Siedlung oberhalb eines Stausees lebende alte Frau stöhnte „Mein Gott“, als sie den Radler heraufkommen sah. Wahrscheinlich malte sie sich dessen Leiden aus. Aber da es auch lange Täler gibt, konnte er sich immer wieder mal ausruhen. Außerdem verbrennt er immer ordentlich Kalorien. Neulich radelte er 123 Kilometer auf einer der schönsten Radstrecken von Münster nach Wettringen und wieder zurück: 2760 Kalorien. Viel musste er bei der Portugal-Tour also nicht heraufschleppen.
Außer ihm radelten auch zwei Mädels mit Zelt durchs Dorf. Sonst scheinen fast nur Pilger auf dem Jakobsweg durchzukommen. Daher hielt mich die Frau wohl für etwas Besonderes. Ich reagierte später ähnlich entsetzt, als ich Spuren der Verwüstung durch Bauarbeiten entlang der Serpentinen sah. Ein Tunnel wurde verbreitert, um eine Schnell-Verbindung für Züge von A Coruña nach Madrid herzustellen. Ein Jäger versicherte dem deutschen Bikepacker, dass diese Spuren bald wieder beseitigt würden.
Eifel auch Thema
Sonst gibt es im Fernsehen viel über die Eifel zu sehen. Da vor den Toren Bonns, worüber auch eine Doku läuft, wandere ich dort oft mit Freunden. Besonders Kurgäste wissen die Gegend zu schätzen, da es zum Beispiel gesundes Thermalwasser in Bad Neuenahr gibt. Neulich las ich, dass aktuell in der Gegend um Hellenthal Narzissen blühten. Viele Gebiete würden gelb leuchten. Ich kenne das nur vom Ginster, der ab dem Sommer blüht. Empfehlenswert ist auch eine Wanderung bei Maria Laach. Denn dort sprudelt Kohlensäure an die Oberfläche eines Sees. Die Gegend steckt voller Maare. Vulkane sind sogar aktiv, wenn auch nur schwach.
Es gibt also auch in Corona-Zeiten viel in der eigenen Gegend zu entdecken, wenn Du so mutig bist, alte Wege zu verlassen und neue zu beschreiten. Und nun zu: Jetzt im TV: Naturparks in Europa.
Durch Portugal von Norden nach Süden: Schade. Gerade hat sich der Reisende auf einen schönen Artikel in der “Neuen Zürcher Zeitung” übers Radwandern durch Portugal von Norden nach Süden gefreut; dieser Text ist auch so angeteast. Der Autor scheint zwei Wochen lang von Chaves nach Faro geradelt zu sein. Doch nach dem Teaser steht gar nichts mehr übers Radfahren drin. Das ist ziemlich schwach. Denn die NZZ versäumt es, die große Radreise-Gemeinschaft als Leserschaft für sich zu gewinnen.
Im Großen und Ganzen stimmt schon, was der Verfasser über Portugal schreibt. Es geht vor allem um Menschen in Bars und Tourismus-Mitarbeiter. Dies verknüpft er mit Fakten, die täglich über Migration und Industrie in den Medien stehen. Eher würde der Inhalt daher in den Wirtschaftsteil passen. Der Reisende fragt sich, ob der Autor wirklich die komplette Strecke gefahren ist.
Riesige Lithium-Vorräte
Und wenn es schon um Wirtschaft geht, hätte er wissen müssen, dass gut 43 Kilometer westlich Chaves eine Mine mit riesigen Lithium-Vorräten liegt. Es geht um Covas do Barroso in einem landschaftlich sensiblen Gebiet. Nordwestlich davon liegt der bekannte Nationalpark Peneda-Gerés mit seltenen Tieren und Pflanzen. Portugal besitzt bei Barroso die vermutlich größten Lithium-Vorkommen dieses Kontinents. Diese sind, laut TV-Sender n‑tv, ein gefragter Rohstoff, um zum Beispiel Batterien für Elektroautos herzustellen. Das Lithium-Vorkommen im Norden Portugals bietet die Chance, die europäische Autoindustrie unabhängiger von Importen zu machen. Die portugiesische Umweltschutzbehörde erteilte bereits die Freigabe.
Nach einem Bericht auf n‑tv erklärte das dort aktive Unternehmen Savannah Resource, die portugiesische Umweltschutzbehörde habe eine “Schlüsselentscheidung” getroffen. So könne das Projekt nun auf die nächste Stufe im Umwelt-Lizenzierungs-Prozess steigen. Dies sei ein wichtiger Schritt “für die Entwicklung der Lithium-Rohmaterial-Industrie in Portugal”, sagte Savannah-Generaldirektor Dale Ferguson. Allerdings gibt es seit 2022 heftige Proteste gegen die Ausbeutung der Mine. Umweltschützer aus der Region befürchten Zerstörung und Verseuchung der Landschaft.
Was interessiert Radfahrer wirklich?
Doch Radfahrer interessieren landschaftliche Reize für gute Fotos, Besonderheiten zum Besichtigen. Er will wissen, wie sicher die Verkehrswege sind. Gibt es dort viel Verkehr? Sind schwierige Steigungen zu bewältigen? Geht es nur auf Asphalt oder auch schöne Forstwege voran? Helfen Bewohner, wenn man Wasser braucht oder eine Panne hat?
All dies macht eine Radreise aus. Portugal hat viel zu bieten, wenn man dort radelt. Ein starkes Manko allerdings: die Mitnahme von Rädern im ÖPNV. Der Reisende kennt nur zwei Strecken, wo dies möglich ist: Porto entlang des Rio Douro und Faro in Richtung Vila Real de Santo António. Was das Radeln in Zentral-Portugal ausmacht, beschreibt er in seinem Rad- und Kulturreiseführer über die Serra da Estrela im Nordosten des Landes.
Niemand muss die ganze Strecke in Portugal von Norden nach Süden fahren. Weniger ist oft mehr, weil man innerhalb einer Region Landschaft und Bewohner besser kennen lernt.
Cádiz ist Spaniens älteste Stadt. Sie liegt in Andalusien. Ein Ort, den sich der Reisende natürlich ansah, als er vor einiger Zeit von Jerez de la Frontera herübergeradelte. Andere Städte im Süden sind malerischer. Der Reisende erinnert sich daher mehr an die Furcht, keinen guten Weg aus der Stadt hinaus zu finden. Denn er glaubte, beim Radeln irgendwo ein Schild übersehen zu haben. Er vermeinte sogar, auf einer Autobahn gelandet zu sein. Denn enorm viel Verkehr rauschte eng an ihm vorbei. Die Straße war doppelspurig auf beiden Seiten. Er erwartete jederzeit die Polizei, die sagen würde. “Lieber Junge, sieh mal zu, dass du dich vom Acker machst.” Aber nicht einmal einzelne Autofahrer gaben ihm Zeichen, dies doch jetzt zu tun.
Keine besondere Perspektive gefunden
Irgendwann kam dann doch eine erlösende Abfahrt. Die Tour führte dann entspannt weiter an der Küste entlang. Cádiz hatte er glücklich hinter sich. Er fühlt sich bestätigt beim Lesen des Artikels in der Welt. Denn der Autorin fiel nichts Spannendes auf. Sie fand nicht einmal in Spaniens ältester Stadt eine besondere Perspektive. Verpasst hat er dort damals also nichts. Gassen zum Herumschlendern gibt es überall in spanischen Orten. Dies trifft auch auf die von ihr erwähnten Kanonen zu und auf die von der Autorin empfohlenen Speisen. Oder eine Damenrunde vorm Restaurant, die der Kellner fotografiert. Dies begründet Annette Prosinger damit, dass die Stadt nicht zu den Hotspots Andalusiens gehöre.
Vielleicht kann jemand dem Bikepacker Tipps geben, wodurch sich die Stadt auszeichnet. Immerhin wurde dort die erste Verfassung des Landes verfasst. Oft lassen sich durch solche Fakten wunderbar Haltungen der Menschen beobachten wie zum Beispiel ein großer Stolz darauf. Gerade auf Andalusien trifft das zu, das sich von der Zentralregierung in Madrid touristisch vernachlässigt fühlt. Dabei gibt es dort sehr schöne einsame Strände wie zum Beispiel zwischen Ayamonte und Sevilla. Der Tourismus in Sevilla und Granada mit vielen Sehenswürdigkeiten zieht natürlich viele Besucher ab vom Küstenabschnitt zwischen Cádiz und Gibraltar. Aber irgendeinen Reiz gibt es immer. Den fand der Reisende sogar im Nest La Linea de la Concepción, obwohl es dort kein Dinner auf dem Meeresgrund wie in Norwegen gibt.
In der Gegend von Vänern und Vättern lässt sich viel erleben.
Dass Norweger gerne ihren Urlaub in Schweden verbringen, ist klar. Es ist das Nachbarland, insgesamt wärmer als Norwegen und auch deutlich günstiger. Aber jetzt ist auch zu lesen: Chinesen stürmen Örebro.
Örebro in der schwedischen Provinz Örebro ist im Norden bekannt seiner schönen Altstadt wegen. Und wegen der großartigen Natur rundherum. Im nur 82 Kilometer entfernten Nationalpark Tiveden zwischen den Seen Vänern und Vättern kann man gut wandern. Er ist mitunter moorig und bietet daher seltenen Tieren ideale Entwicklungsmöglichkeiten. Es gibt auch große Seen dort. Der Reisende erinnert sich noch bis heute an den hübschen Ort Askersund und an dessen beschaulichen Segelboothafen.
Aber am liebsten erinnert er sich an zwei sehr menschliche Begegnungen. Als er mal den Nationalpark Tiveden mit dem Rad durchstreifte und erlebte, erwischte ihn viel Regen, so dass er klatschnass ein Café erreichte. Der Besitzer reagierte umgehend. Er stellte am Tisch einen Ventilator auf. Daran konnte sich der Bikepacker aufwärmen und trocknen. Kaffee und Kuchen schmeckten daher natürlich auch sehr gut. Da der Regen nicht aufhörte, blieb er mehrere Stunden dort, bis er dann abends auf einer Lichtung sein Zelt aufbaute. Zelten ist mit Radfahren die schönste Art, Menschen und Natur nahe zu kommen.
Gutes Zelt für Regen-und Windzeiten
Worauf müssen Camper beim Kauf eines Zeltes achten, damit es bei starkem Regenfall nicht unangenehm wird: Der TÜV Süd unterscheidet drei gängige Arten von Campingzelten, welche sich in der “Wassersäule” unterscheiden. Käufer sollten sich an der Angabe der Millimeter orientieren. Wer nur an schönen Tagen kurz mal unterwegs ist, kann zu Zelten mit einer Wassersäule von 1500 Millimetern greifen. Ab 2000 Millimeter für Wände und Dach sowie 3000 für den Boden ist es tauglich für feuchtes und windiges Wetter. Wer eher Expeditionen mit hohen Ansprüchen anstrebt, sollte zu einem Zelt mit einer Wassersäule von 3000 Millimetern für Wände und Dach sowie 5000 für den Boden greifen. Der Boden sollte mehr als 15 Zentimeter in die Wände hochragen. Die Nähte solcher Produkte sind doppelt vernäht und versiegelt. Das Gestänge sollte biegsam sein, um Wind widerstehen zu können.
Zweite schöne Begegnung
Zweite Begegnung: ein Treffen mit einem Fleischproduzenten in der Gegend. Dessen Betrieb schaute er sich dann an. In einer Zeitung hatte er zuvor gelesen, dass dieser einen Preis wegen der ausgezeichneten Qualität erhalten hatte. Ob es im selben Jahr wie beim Besuch des Tiveden Nationalparks war, weiß der Reisende nicht mehr. Der Chef dachte wohl, dass er als Radfahrer bestimmt immer hungrig wäre. Zum Abschied packte er ihm eine kleine Kühltasche voll mit eisgekühltem Fleisch.
Kein Wunder, dass Norwegen so gerne in die Gegend fahren, wenn man dort so gastfreundlich ist. 741000 Übernachtungen zählt man aktuell in Örebro. Davon seien gut 40 Prozent Norweger. Und überraschend viele Chinesen tauchen dort auch auf. Gab es 2013 erst noch 700 Übernachtungen, sei die Zahl der Übernachtungen rasant auf aktuell 14000 gestiegen, schreibt die Zeitung Aftonbladet. Wichtigster Grund seien die bei Asiaten beliebten Rundreisen durch Skandinavien. So erklärt sich also die Schlagzeile: Chinesen stürmen Örebro.
Barca d’Alva: Kreuzfahrtschiffe auf dem Rio Douro im Distrikt Guarda
Gottesanbeterin am Rio Duero
Viel spektakulärer als die Küste ist das Binnenland Portugals. Dies gilt vor allem für die Douro-Region, die mehr als ein Fluss ist. Und mit dem Fahrrad ist es auch viel komfortabler zu durchstreifen und zu erleben als mit dem Auto. Denn es wird einem nicht übel. Und auf den Nationalstraßen von Porto bis nach Zamora in Spanien fließt wenig Verkehr. Zudem gibt dort keine harten Steigungen. Es sei denn, man biegt ab, um zum Beispiel die wie auf einer Perlenschnur aufgezogenen romanischen Kirchen zu besuchen. Manche von ihnen liegen auf steilen Hügeln.
Man entwickelt ein gutes Gespür für die Landschaft. Weingüter laden entlang der Strecke zum Verkosten ein. Es gibt dort imposante Schluchten zu sehen. In denen begegnete der Reisende zum ersten Mal in seinem Leben einer Gottesanbeterin in der Nähe von Saucelle. Er betrachtete Felsritzungen von Menschen aus der Steinzeit und flanierte an den barocken Wunder der Stadt Lamego entlang. Oder aber der Bikepacker erfrischte in einem der Thermalbäder seine müden Beine, die man oft unter dem Begriff Caldas findet. In Zeiten der Monarchie zog es oft Adelige in die Thermalorte, um sich dort zu erholen.
Journalisten der in Portugal erscheinenden Zeitschrift “Evasões” empfanden das ähnlich. Sie publizierten kürzlich eine Geschichte über den Rio Douro. Klickt einfach die Bilder, um Eindrücke aus einer schönen Gegend zu sammeln. Im Text wird leider zu viel Werbung für Weingüter, touristische Unternehmen wie Touranbieter und Hotels gemacht. Das, was mehr als ein Fluss ist, kommt dabei nicht wirklich heraus. Daher lohnt es sich nicht, ihn zu übersetzen.
Radler spielt mit dem Tornado: Mit der eigenen Kraft ein Ziel zu erreichen — das fasziniert den Reisenden stets beim Radfahren. Einen Gebirgspass in Portugal oder Spanien zu erklimmen, von der schwedischen Ostküste quer durch Lappland bis zum Polarmeer zu radeln: Das berauscht ihn, so hart es auch manchmal ist.
Die Faszination, die Fahrräder auslösen können, ist auch deutlich an den Gesichtern der Besucher des Universums in Bremen abzulesen. Dies hat der Reisende mit seiner Tante Christa nach dem Besuch des Übersee-Museums aufgesucht. Diese befassen sich dort mit Hochrädern, Mountainbikes, Rennrädern, Lastenrädern, Militärrädern, Damenrädern und Rikschas. Sie strampeln mit einer Rikscha durch eine Großstadt, betrachten staunend die Experimente, um aus Carbon, Aluminium oder Plastik einen perfekten Rahmen zu produzieren.
Durchstreifen & Erleben sieht dort Kettenschaltungen, die es schon Anfang des 20. Jahrhunderts gab. Er betrachtet Riemen- oder Seilantriebe, Laufräder mit und sogar ohne Speichen. Er probiert an Modellen aus, wie diese Antriebe funktionieren.
Nicht alles funktioniert gut
Obwohl nicht alles gut funktioniert, lohnt es sich trotzdem für Radler, den Weserradweg für eine Weile zu verlassen. Denn im Universum können sich Bikepacker auch mal mit dem treuen Stahlross, das den Reisenden selbst zum Beispiel seit August 2017 gut und gerne 7.000 Kilometer durch Deutschland, Spanien und Portugal getragen hat.
Auch mit der Entstehung einer Welle, einer Wolke, eines Tornados oder des geriffelten Sandstreifens am Meeresufer kann sich jeder in anderen Abteilungen des Hauses auseinandersetzen. Also mit Phänomenen, die jeder während des Radwanderns unmittelbarer erfährt als Autofahrer oder Passagiere eines Kreuzfahrtschiffs oder Hausbootes. Denn die Ziele erreicht man aus eigener Kraft.
Es sind Erlebnisse, die einen erden. Sie machen, wenn der Radler mit dem Tornado spielt, welchen Naturgewalten man täglich ausgesetzt ist. Im Universum kann auch eine Welle erzeugen, um deren Kräfte zu testen. Zurück in der Natur spielen wieder normaler Wind, ordentliche Wellen und steile Berge mit den Reisenden.
Im Jurassic-Park nahe der Weser: Echte Fußstapfen von Dinosauriern haben Forscher im Landkreis Nienburg gefunden. Heute sieht sich der Reisende den Jurassic-Park nahe der Weser in Münchehagen an. Der Dino-Park ist um die versteinerten Fußspuren herumgebaut.
Die Ausstellung unter freiem Himmel beeindruckt. Erfahrungen auf dem Weserradweg werden um einiges bereichert. Denn es gibt jede Menge Dinosaurier in Lebensgröße zu sehen. Gut vergleichen lässt sich deren Größe insofern, wenn zum Beispiel ein Tyrannosuarus vor einem Brontosaurus platziert ist. Sogar Insekten wie Käfer und Libellen sind zu sehen, die auch damals ziemlich groß waren.
Und die Tiere sind in Farbe dargestellt: Wie ihre Haut wirklich aussah, weiß aber niemand. Denn es gibt keine Zeugnisse dessen, da die Haut bei Tieren wie bei Menschen vergeht. Es sei denn, ein Moor hat unter Sauerstoffausschluss Leichen konserviert. Es gibt Ausstellungen wie in Silkeborg, in denen die Kleidung von Menschen aus der Bronzezeit noch gut zu erkennen ist. Das Moormädchen ist daher berühmt. Manche Tiere brüllen auch, aber unheimlich ist es nicht dadurch.
Brüllten Dinos wirklich?
Ob sie wirklich so gebrüllt haben, kann auch nicht geklärt werden, sondern höchstens vermutet. Forscher schließen darauf aufgrund des Körperbaus und vergleichbarer lebender Lebewesen. Texte auf zahlreichen Infotafeln erklären, wie es in der Welt der kolossalen Lebewesen aussah. Nett ist auch die Ausstellung über Dino-Babys. Dort sind Eier und versteinerte Skelette der Nachwuchses zu sehen.
Für Familien ist der Besuch des Freilichtmuseum Münchehagen, Deutschlands größter wissenschaftlicher Erlebnis- und Themenpark, mit Spaß verbunden. Der Reisende sah viele Kinder mit einem Quiz durch Hallen und zwischen Büschen herumlaufen. Ihre vermutlich häufigste Frage lautet: Ist der gefährlich? Einige Stunden ist jeder Besucher gut beschäftigt.
Die Fotodatenbank des Bikepackers wächst gewaltig durch den Besuch. Damit lassen sich künftige Reiseführer schön bebildern, sollte es in ihnen auch um Erdgeschichte gehen.
In Mindens Zentrum steht das wohl älteste Haus Westfalens.
Rast im Knast auf der Tour in Petershagen
Vom lustigen Minden zum Knast: Ulf Schulz hat sich heute morgen in Bad Oeynhausen verabschiedet. Es ist daher ungewohnt, alleine weiterzufahren. Die Gesellschaft des lustigen Rheinländers fehlt dem Reisenden fortan. Immer hatte er auf der Tour eine Geschichte zu erzählen. Unter anderem ergaben sich interessante Einblicke in die Welt der Chemie, da Ulf dieses Fach studiert hat. Oder es gelang ihm, wenn sich mit anderen Menschen Spannungen ergaben, mit seinem freundlichen Lachen, selbst ziemlich verkrampfte Leute aufzulockern. Wie zum Beispiel eine sich wie ein Drachen verhaltende Mitarbeiterin der Gemeinde in Obermarsberg. Sie wollte dem Reisenden verbieten, die Kirche von innen zu fotografieren. “Eine Kirche ist kein Museum”, wütete sie. Ulf hatte ihr schon von außen angesehen, dass sie innerlich unzufrieden war. Ciao, Ulf. Gute Heimfahrt!
Frei laufende Hühner im Schnurrviertel
Fortan muss sich der Reisende also selbst unterhalten: In Minden fällt das nicht schwer. Von der Weser in den Stadtkern kommend, fallen schöne Fachwerkhäuser auf. Natürlich steuert der Radler zuerst den sehenswerten Dom an, ein in der Kunstgeschichte angesehenes Bauwerk. Danach geht es in eine lebhafte Fußgängerzone zu einem Eiscafé. Das Wetter ist warm. Dort reiht er sich in die lange Warteschlange ein.
Von dort fährt der Weg des Bikepackers nach rechts in die Obere Altstadt — ins Schnurrviertel. Dort steht das vermeintlich älteste Haus Westfalens, in dem heute eine Gaststätte untergebrracht ist. Und in der Umgebung wachsen sogar Weinreben. Der Pfarrer der Gemeinde baut seinen Wein selbst an. Hoffentlich scohmeckt der nicht zu sauer. Und Hühner laufen dort frei herum, laut kommandiert sie ein Gockel. Sie flitzen geschwind herbei, sobald er kräht. Ein Passant witzelt: “Hier hören die Frauen wenigstens noch auf den Mann!”
Insofern hat sich die Fahrt von Bad Oeynhausen nach Minden schon gelohnt — lustiges Minden. Auch der Ansicht der riesigen Schleuse wegen, die der Reisende auf der Radwanderung entdeckt. Er fährt weiter nach Petershagen und landet er vorm “Rast im Knast”. Zum Glück ist es nur eine Gaststätte. Von Petershagen aus lassen sich wunderbar bei einer Radrundtour einige wie an einer Perlenkette aufgereihte Schlösser im Stile der Weserrenaissance besuchen. Kuze Zeit danach fühlt sich der Reisende sogar ein wenig nach Portugal versetzt.
Kaiser-Wilhelm-Denkmal an der Porta Westfalica
Blick auf die Weser bei Bad Oeynhausen
Was für ein Aufstieg: Der Reisende hat das Kaiser-Wilhelm-Denkmal per Rad bezwungen. Dieses befindet sich oberhalb der Weser nahe Bad Oeynhausen an der Porta Westfalica. Der Reisende ist einer der wenigen, der die Kletterei noch mit einem normalen Mountainbike unternimmt — ohne Hilfsmotor. Er hört auf der Strecke vom Fluss herauf entsprechende Kommentare wie “Oh, es gibt doch noch Leute ohne E‑Bike.” Und während er auf den Treppenstufen sitzend die Aussicht auf den Weserradweg genießt, hüpfen rund um ihn herum einige Jungs, die es nur mit motorisierten vollgefederten Mountainbikes heraufgeschafft haben. Sie rattern die Treppenstufen herauf und herunter. “Ich habe das Kaiser-Wilhelm-Denkmal per Rad bezwungen”, können die später nicht stolz sagen. Sondern nur behaupten.
Aber er legt auch Wert darauf, nicht wie sie motorisiert zu sein. Denn er will fit bleiben. Er hat noch die Worte einer Radfahrerin in den Ohren. Diese hatte sich am Biggesee entweder in seinen Gefährten Ulf Schulz oder ihn verguckt. Daher schoss sie zwei drei Mal überraschend entlang der Talsperre auf sie zu. Denn sie wusste, dass die beiden dort unweigerlich langkommen mussten.
Stets mit einem Lächeln unterwegs
Zuvor hatte sie sich mit ihnen unterhalten und herausgehört, wohin es die Bikepacker am heutigen Tag noch so zog. Sie lobte die Vorzüge ihres E‑Bikes. “Ich bin stets mit einem Lächeln unterwegs.” Der Reisende zieht es jedoch vor, nach seiner Rückkehr bei der Fitness “mit einem Lächeln” an rotgesichtigen Sportkumpels vorbeizulaufen. Wenigstens in den ersten zwei Wochen, bis die Kondition wieder etwas durch Schreibtischarbeit nachlässt.
Aber ganz auf Technik verzichten möchte er nicht. Es befinden sich nicht nur Kameras an Bord, sondern auch das Navigationsgerät Garmin GPSMAPS. Dieses hat seine Tücken. Als er sich morgens vom Campingplatz Großer Weserbogen aufmachte, um zum Denkmal zu radeln, leitete es ihn nicht direkt dorthin. Stattdessen führte es ihn rund um das Denkmal herum durch die bezaubernde, zum Wiehengebirge gehörende, Landschaft. Es fielen also so einige unfreiwillige Höhenmeter an. Aber zu empfehlen ist die Strecke schon, sieht man doch viel Natur.
Bali-Therme für müde Beine nach dem Denkmal
Nur musste Ulf, den gerissene Speichen zum Aufenthalt auf dem Campingplatz verdonnert hatten, zwei Stunden länger als geplant, auf den Reisenden warten. Nach dem Besuch des Denkmals empfiehlt sich der Aufenthalt in der Bali-Therme. Die Beine konnten sich auf der bisher dreiwöchigen Tour wenig nur wenig entspannen. Zur Freude turnte aber eine attraktive blonde Vorturnerin am Beckenrand mit Gästen. Sie vollführte Übungen, die der Reisende vom Fitnessprogramm verschiedener Universitäten gut kannte.
Abends kann man gut in der Innenstadt essen gehen. Da den Radwanderern die griechischen Restaurants entlang der Strecke wie das Akropolis in Bodenwerder gut gefallen hatten, fiel die Wahl aufs Delphi. Allerdings spielte das Navi auf dem Rückweg einem wieder einen Streich. Statt drei Kilometer auf direktem Weg zu den Zelten, veranstaltete Garmin eine Nachtfahrt — die allerdings schön war. Die Luft war lau, das Licht schön. Morgen verabschiedet sich Ulf Schulz von allen Lesern und fährt zurück nach Bonn. Den Reisenden zieht es hingegen weiter Richtung Minden.
Heftiger Streit um Denkmäler
Um den Schutz von Denkmälern tobt aktuell ein heftiger Streit. Im März 2021 stellte Landesbauministerin Ina Scharrenbach den Entwurf eines neuen Denkmalschutz-Gesetzes vor. Dies soll 2022 in Kraft treten. Es gibt 231 Denkmalbehörden in Nordrhein-Westfalen. Mal übernimmt ein Kunsthistoriker die Aufgaben, dann ein Standesbeamter. Fachleute kommen aber auch von den Landschaftsverbänden, die im Rheinland und Westfalen-Lippe in je zwei Ämtern für Boden- und Baudenkmäler sitzen. Kompetenzen und Standards sind also nicht einheitlich verteilt. Kommunen sollen ein Benehmen herstellen, also Gutachten austauschen, Kompromisse anstreben. In höchster Instanz soll das Ministerium entscheiden, falls keine Entscheidung zustande kommt.
Mit dem neuen Gesetz aber werde ihre Position geschwächt, fürchten die Denkmalschützer. Die Kommunen sollten kein Benehmen mehr herstellen. Denkmalschützer würden künftig nur noch angehört. So wolle das Bauministerium Prozesse beschleunigen. Nicht nur Entmachtung werde erwartet, sondern auch Einfluss von Vertretern der Wirtschaft und des Klimaschutzes. Damit wolle das Bauministerium “gesellschaftliche und umweltpolitische Erforderlichkeiten” berücksichtigen.
In Nordrhein-Westfalen stehen mehr als 80 000 Baudenkmäler, nicht einmal 1,5 Prozent der Gebäude, nur halb so viel wie in ganz Deutschland. 80 Prozent davon befinden sich in privater Hand. Die Landesregierung stockte die Mittel zur Unterstützung der Besitzer von 2,2 Millionen auf 21,3 Millionen Euro auf. Nicht eingerechnet sind darin 46 Millionen für Dombauvereine, Industriekultur und andere Denkmalprojekte.