Hohe Berge existieren nicht

Buch des Monats: Yann Martels “Die hohen Berge Portugals”

In Yann Mar­tels Roman “Die hohen Ber­ge Por­tu­gals” stel­len zwei der ins­ge­samt drei Prot­ago­nis­ten fest, dass es kein Hoch­ge­bir­ge in Por­tu­gal gibt. Aller­dings ver­legt der Ver­fas­ser die Hand­lung an den Rand des Lan­des nach Bra­gan­ça. Es ist also nicht die Ser­ra da Est­re­la. Alle Figu­ren fah­ren mit dem Auto nur am Ran­de die­ses Hoch­ge­bir­ges ent­lang. Die­ses liegt bereits auf einer Hoch­ebe­ne. Durch die­ses bewe­gen sich Rei­sen­de ohne­hin schon auf einer Höhe von 400 bis 700 Metern. Daher ent­steht leicht der Ein­druck, sich in einem Mit­tel­ge­bir­ge zu bewe­gen. Alpi­ne Pas­sa­gen fal­len nur rund um Pen­has Dou­ra­das und Unhais da Ser­ra auf.

Mar­tel ver­öf­fent­lich­te den Roman 2016 im S. Fischer Ver­lag. Zum sagt Mar­tel, er sei para­dox, da es in der beschrie­be­nen Regi­on Por­tu­gals geo­gra­fisch gar kei­ne „hohen Ber­ge“ gibt. Er bezeich­net sie als „Ber­ge im Kopf“, die die Cha­rak­te­re geis­tig erklim­men müs­sen, um ihren Kum­mer zu bewäl­ti­gen. Der Rei­sen­de fand nach Fer­tig­stel­lung sei­nes Rei­se­füh­rers “Ser­ra da Est­re­la Die hohen Ber­ge Por­tu­gals durch­strei­fen und erle­ben” im Roman vie­les wie­der, was er auf sei­ner eige­nen Rei­se ent­deckt hat­te. Auch aus die­sem Grun­de zählt Mar­tels Roman für ihn zu dem bes­ten, was er je gele­sen hat­te. Daher hat er es in sei­ne Rei­he “Buch des Monats” aufgenommen.

Peter leidet

Mit der Ver­le­gung in den äußers­ten Nord­os­ten will der Ver­fas­ser ver­mut­lich die Ber­ge ent­zau­bern. Zu einer erschüt­tern­den Erkennt­nis wie die Hel­den Tomás und Peter kön­nen sei­ne Prot­ago­nis­ten in dem völ­lig unbe­kann­ten Dorf Tui­zelo an der por­tu­gie­sisch-spa­ni­schen Gren­ze gelan­gen. Bei­de ent­de­cken in der Dorf­kir­che einen gekreu­zig­ten Schim­pan­sen. Er steht sym­bo­lisch für die Evo­lu­ti­on, in der sich vor sechs Mil­lio­nen Jah­ren die Ent­wick­lung von Mensch und Schim­pan­se von­ein­an­der trenn­te. Der Mensch ent­wi­ckel­te den auf­rech­ten Gang, der den Grund­stein sei­ner wei­te­ren Ent­wick­lung bil­de­te. Der Mensch ist also kein empor­ge­stie­ge­ner Affe aus Sicht der Prot­ago­nis­ten und kein gefal­le­ner Engel. Vor sbechs Mil­lio­nen Jah­ren leb­te er in einem Zustand, in dem es kei­nen Krieg, bereits Gebrauch von Werk­zeu­gen und ein aus­ge­präg­tes Sozi­al­ver­hal­ten gab. In der Hor­de pass­te man auf­ein­an­der auf, indem man sich vor wil­den Tie­ren schütz­te und gegen­sei­tig entlauste.

So lau­tet die Sicht­wei­se des Poli­ti­kers Peter, der im Jah­re 1981 am liebs­ten wie ein Schim­pan­se nur in der Gegen­wart leben wür­de, die gan­ze Gegen­wart abstrei­fend, ohne Trau­er um sei­ne ver­stor­be­ne Frau, die Hek­tik Toron­tos, und sei­ne Lauf­bahn als Sena­tor. Ihret­we­gen hat er letzt­lich Kana­da ver­las­sen, um in das Land sei­ner Väter zurück­zu­keh­ren, wo er Ruhe und Ein­sam­keit fin­det. Er sieht aber kei­ne Ber­ge, son­dern eine kar­ge, nur leicht gewell­te, Savan­ne mit in den Tälern ver­bor­ge­nen Wäl­dern. Er sieht hier­in eine afri­ka­ni­sche Land­schaft, die er Savan­ne nennt. Für Odo hat er die rich­ti­ge Gegend zum Leben aus­ge­sucht. Denn die­se ähnelt sei­nem ursprüng­li­chen Lebens­raum, aus dem er in Afri­ka als jun­ges Tier von einem Frei­wil­li­gen im Frie­dens­korps ent­nom­men wur­de. Sei­ne Wahr­neh­mung ist auch rich­tig, denn Gebie­te wie die Faia Bra­va in der Umge­bung von Cas­te­lo Rodri­go haben viel mit Afri­ka gemein.

Sei­ne Fahrt endet in Tui­zelo, von wo aus sei­ne Eltern nach Kana­da emi­griert sind, um sich und den Kin­dern ein bes­se­res Leben auf­zu­bau­en. Sie ent­stamm­ten bit­te­rer Armut. Zu sei­ner Erkennt­nis gelangt er durch die Lebens­wei­se sei­nes bei ihm leben­den Schim­pan­sen und durch das Erklim­men meter­ho­her Fels­bro­cken, die typisch für Zen­tral­por­tu­gal sind. 

Auf der Suche nach einem Kreuz

Wäh­rend er das Kreuz zufäl­lig ent­deckt, reist Tomás im Jah­re 1904 gezielt nach Tui­zelo. Er arbei­tet als Hilfs­ku­ra­tor im Natio­nal­mu­se­um von Lis­sa­bon, wo er eines Tages ein Tage­buch eines Paters von der Insel São Tomé ent­deckt. Dar­in beschreibt er die Exis­tenz eines merk­wür­di­gen Kreu­zes, erforscht, dass die­ses Kreuz in den hohen Ber­gen Por­tu­gals zu fin­den ist. Auch er trau­ert um den Tod sei­ner Frau, die im Todes­kampf ein Kreuz umklam­mert hat. Er trau­ert um den Tod sei­nes Soh­nes und sei­nes Bru­ders. Die­se Schick­sals­schlä­ge ereig­ne­ten sich bin­nen weni­ger Wochen.

Das Kreuz des Paters sym­bo­li­siert für ihn das Lei­den, das der Mis­sio­nar in sei­nem Tage­buch ver­ar­bei­tet. Denn er muss sich Anfang des 16. Jahr­hun­derts um die See­len der Skla­ven küm­mern, die über die Insel nach Bra­si­li­en ver­kauft wer­den. Äußer­lich drückt sich Lei­den in Tomás Rück­wärts­lau­fen aus, was er sich seit dem Tode sei­ner Fami­lie ange­wöhnt hat. 

Die Gedan­ken des Paters aus die­ser Zeit die­nen ihm auf sei­ner Fahrt in einem schnel­len Auto als Stüt­ze. Denn dar­in fin­det er in Ruhe­pha­sen Trost und kann sich die Zeit ver­trei­ben. Er lei­det genau­so wie der Pater. Denn er wird, sobald er Lis­sa­bon ver­las­sen hat, in den grö­ße­ren Orten von Men­schen ange­grif­fen, die in sei­nem Fahr­zeug einen Feind sehen, von Läu­sen befal­len, bei­na­he ver­brennt er sich selbst, als er sich mit einem hoch­ex­plo­si­ven Gebräu von ihnen befrei­en will.

Kein Schnee, keine Felsen

Dann gelangt er in die Umge­bung des Gebir­ges: “Ihm geht auf, dass er durch eine Land­schaft fährt, aus der die Eitel­keit sei­nes Lan­des spricht. Jede Nati­on möch­te gern jenes strah­len­de Juwel sein Eigen nen­nen, einen hohen Gebirgs­zug, und so hat man die­sem lee­ren Ödland, zu nied­rig, um als Berg­land­schaft zu gel­ten, zu hoch, um frucht­bar zu sein, die­sen hoch­tra­ben­den Namen gege­ben. Es gibt nicht trás os mon­tes, allen­falls ein paar Hügel. Es ist eine weit­läu­fi­ge, wel­li­ge, größ­ten­teils baum­lo­se Step­pe, kühl, tro­cken, aus­ge­bleicht vom kla­ren, teil­nahms­lo­sen Licht der Son­ne. Wo er Schnee und Fel­sen erwar­tet, fin­det er fla­ches, wei­tes gold­gel­bes Gras­land, so weit das Auge reicht, dann und wann durch­bro­chen von einem klei­nen Wald­stück. Und die ein­zi­gen Gip­fel, die er sieht, sind selt­sam pocken­nar­bi­ge Fel­sen, rie­sen­groß, Über­bleib­sel gro­ßer geo­lo­gi­scher Umwäl­zun­gen. Bäch­lein flie­ßen hier und da uner­war­tet leb­haft. Eine Step­pe ist von Natur aus ein Land ses Über­gangs. “Immer neue Gene­ra­tio­nen von bet­tel­ar­men Bewoh­nern haben im Lau­fe der Geschich­te die Arm­se­lig­keit die­ses Bodens hin­ter sich gelas­sen, sind aus­ge­wan­dert in mil­de­re Weltgegenden”.

Hier speist ihn erst ein Schä­fer, dann hilft ihm ein Bau­er Simon auf. Dies sind fast schon bibli­sche Sze­nen. Ganz am Ende darf im Ange­sicht des Kreuzs sogar zu einer Erkennt­nis gelan­gen, durch die er sich qua­si an Gott rächt. Die­ser hat ihm sei­nen Sohn genom­men. Dafür raubt er Got­tes Sohn im Gegen­zug. Denn im Gekreu­zig­ten erkennt er statt Chris­tus einen Schim­pan­sen. Der Mensch ist für ihn daher ein auf­ge­stie­ge­ner Affe und und kein gefal­le­ner Engel. Und hohe Ber­ge exis­tie­ren gar nicht in Portugal.

Fes­tungs­stadt Almei­da, Portugal

Abonniere den Durchstreifen & Erleben-Newsletter.

Willst Du künftig keine Beiträge über Reise- und Kulturthemen verpassen?

Dann tra­ge hier Dei­ne E‑Mail-Adres­se ein und freue Dich auf neue Blog­bei­trä­ge. Die­se lan­den auto­ma­tisch und kos­ten­los in Dei­nem E‑Mail-Post­fach.

Wenn Du Dich hier anmel­dest, erhältst Du in der Regel maxi­mal zehn Nach­rich­ten pro Monat über neue Blog­bei­trä­ge. Dein Post­fach wird also nicht üb überlastet.

Wir sen­den kei­nen Spam! Erfah­re mehr in unse­rer Daten­schutz­er­klä­rung.

likeheartlaugh­terwowsadangry
0

Kommentieren

Entdecke mehr von Durchstreifen & Erleben

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen