Unverschämt gute Kulinarik

Hans Georg Hildebrand kitzelt nicht in der NZZ aus San Sebastián die Kunst des guten Lebens heraus

Couple standing on a balcony overlooking a large construction site with cranes and machinery near a coastal city and beach
Mit KI gene­rier­tes Bild

„Von der luf­ti­gen Dach­ter­ras­se des Kul­tur­zen­trums Tabas­ka­lera fällt der Blick auf eine Groß­bau­stel­le. Das fer­ti­ge Pro­jekt wird die beschau­li­che Küs­ten­stadt San Sebas­tián ver­än­dern. Es ist die Hal­te­stel­le des Hoch­ge­schwin­dig­keits­zu­ges AVE, der ab etwa 2028 den magi­schen Ort am Atlan­tik mit der Königs­stadt im Lan­des­in­ne­ren ver­bin­den soll.“

Nicht gera­de kna­ckig ist der Ein­stieg in den Arti­kel Hans Georg Hil­de­brandts über die bas­ki­sche Metro­po­le am Golf von Bis­ka­ya. Die Neue Zür­cher Zei­tung (NZZ) ver­öf­fent­lich­te die­sen am 19. April 2026 in ihrer Rubrik Savoir-viv­re. Dahin­ter ver­birgt sich ein redak­tio­nel­ler Schwer­punkt, der sich der Kunst des guten Lebens, dem bewuss­ten Genuss und der Lebens­freu­de wid­met. Hil­de­brandt war einst Chef­re­dak­teur des Archi­tek­tur­ma­ga­zins “Das idea­le Heim” und ist Autor der Schwei­zer SonntagsZeitung.

Mit die­sem Text setzt sich die Serie der Rezen­sio­nen deutsch­spra­chi­ger Rei­se­blät­ter von Durch­strei­fen & Erle­ben auch in die­ser Woche fort. Die­se begann mit Arti­keln der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung, wur­de mit Arti­keln der Zeit fort­ge­setzt. Dann ging es um High­lights der Ost­see in der Welt am Sonn­tag und eine Woche spä­ter um Nacht­zü­ge. Es folg­te eine Ana­ly­se eines Arti­kels in der Süd­deut­schen Zei­tung über La Gome­ra. Ver­gan­ge­ne Woche stell­te Mark van Huis­se­ling im Maga­zin der Welt­wo­che die por­tu­gie­si­sche Stadt Olhão in Algar­ve auf sei­ne Wei­se vor, die bestimmt nicht Ursa­che für die erfolg­rei­che Ver­mark­tung Schwei­zer Medi­en ist. Mit dem Text über San Sebas­tián setzt sich die Ana­ly­se von Rei­se­tex­ten in Schwei­zer Medi­en fort.

Wie in Uri

An sich sucht ein Jour­na­list zu Beginn etwas Beson­de­res her­aus, um Leser in den Bann zu zie­hen. Dann kann er zum All­ge­mein­gül­ti­gen über­ge­hen. Dies tut der Autor hier nicht in dem ins­ge­samt flüs­sig und rou­ti­niert geschrie­be­nen Text mit inter­es­san­ten, aber etwas ober­fläch­li­chen, Infos. Und Hil­de­brandts Ein­stieg führt auch in die Irre, weil es nicht ums Kul­tur­zen­trum geht. Es geht um die beacht­li­che Kuli­na­rik, die der Rei­sen­de selbst wäh­rend sei­nes Eras­mus-Stu­di­ums in Bar­ce­lo­na ken­nen- und schät­zen durf­te. Er erin­nert sich noch leb­haft an den Ekel sei­ner Freun­din Eva, als er genüss­lich eine aus Schaf­hirn zube­rei­te Tapa ver­zehr­te. Vom Kul­tur­zen­trum ist danach auch nicht mehr wirk­lich die Rede, nur vom AVE. Über des­sen Fol­gen wird eine ame­ri­ka­ni­sche Koch­ex­per­tin spä­ter sagen, dass sich die Gas­tro­no­mie auf die neue Gäs­te­schar ein­stel­len wer­de, ohne ihre Authen­ti­zi­tät zu ver­lie­ren. Na, wenn das kein Urteil ist. Die­se Exper­tin hat eini­ge Koch­bü­cher geschrie­ben und sich in einem davon mit pint­xos befasst.

Der Autor erläu­tert, dass er in der Regi­on den Schwei­zer Kan­ton Uri wie­der­fin­de, was unter ande­rem an den Fach­werk­häu­sern lie­ge. Dann bezeich­net er die auf Zahn­sto­chern gesta­pel­ten als pint­xos bezeich­ne­ten Häpp­chen als Teil der „unver­schämt guten Kuli­na­rik“ und „augen­ver­dre­hend Gutes“. Die­se Wor­te erin­nern an die Spra­che Jakob Stro­bel y Ser­ras über den ess­ba­ren Wald in der FAZ. Ein dem Rei­sen­den unbe­kann­tes Maga­zin fand hier gar das zweit­bes­te Restau­rant der Welt.

Etwas erstaunt der Ver­weis des Autors auf schlecht gelaun­te Kell­ner. Der Rei­sen­de hat fast immer nur freund­li­ches Per­so­nal in spa­ni­schen Bars und Restau­rants vor­ge­fun­den. Hil­de­brandt erklärt dies damit, dass sie lie­ber Menüs als pint­xos ver­kauf­ten. Es scheint even­tu­ell eine Pro­vi­si­on vom Chef zu geben, die sich nach dem Wert der Mahl­zeit rich­tet. Der Kell­ner emp­fiehlt und kas­siert entsprechend.

Wider­sprüch­lich ist es beim” sehens­wer­ten” Markt Mer­ka­tua Bret­xa. Wie kann er sehens­wert sein, wenn sich dar­in der Laden eines nam­haf­ten PC-Her­stel­lers und ein Fast­food-Restau­rant befin­den? Eine nahe Fisch­hal­le soll gar leer ste­hen. Der Sinn erschließt sich nicht aus dem Text.

Lebensbedingungen San Sebastiáns

Dann folgt der span­nen­de­re Teil, in dem der Ver­fas­ser auf die Lebens­be­din­gun­gen ein­geht, die stets die Men­schen prä­gen. Die Bewoh­ner exis­tier­ten von Fische­rei und Land­wirt­schaft, was nichts Neu­es ist, wenn man an der Küs­te lebt. Die Men­schen spe­zia­li­sier­ten sich man­gels ande­rer Roh­stof­fe mit Beginn der Neu­zeit auf Schiff­bau und im wei­te­ren auf Wal­fang. Über­see­ische Akti­vi­tä­ten bis nach Mexi­ko führ­ten zum Import von Mais, der für die Ernäh­rung wich­tig war. Einen wei­te­ren Schub erhielt die Stadt durch den auf­kom­men­den Tou­ris­mus ab 1850, für den wie so oft Ade­li­ge sorg­ten, die zur Erho­lung in die Stadt kamen. So erhol­te sich hier auch spa­ni­sche Köni­gin Maria Cris­ti­na von der Bür­de ihres Amtes. 

Neue Stadt­quar­tie­re ent­stan­den in Fol­ge des­sen. Eben­so bespricht der Autor die Rol­le Fran­cos und der ETA. Lei­der ver­flacht der Text hier, was den Erkennt­nis­ge­winn angeht, was auch auf den gesam­ten Text zutrifft. Denn der Autor bedient sich hier an all­ge­mein bekann­ten Inhal­ten, die in jedem Wiki­pe­dia-Arti­kel zu fin­den sind. Im Prin­zip muss er für den Arti­kel nicht ein­mal vor Ort gewe­sen sein, wenn man von den schlecht gelaun­ten Kell­nern als per­sön­li­chem Ein­druck absieht. Ob sich Tou­ris­ten durch die­sen Text hin­rei­ßen las­sen, San Sebas­tián auf­grund der geschil­der­ten Gege­ben­hei­ten auf­zu­su­chen, ist anzu­zwei­feln. Ein Savoir-viv­re spie­gelt sich jeden­falls nicht im Arti­kel wider.

Fes­tungs­stadt Almei­da, Portugal

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