Nichts los auf La Gomera?
Eva Dignös gelingt ein pfiffiger Artikel in der Süddeutschen Zeitung

„Dringende Botschaften wurden früher, als es noch keine Telefone gab, über die Täler hinweggepfiffen, weil alle anderen Übermittlungswege viel zu lange dauerten und Pfiffe weiter trugen als Rufe.“ Die Pfiffe könne man, je nach Wind, fünf bis sieben Kilometer weit hören.
Dieser Artikel über La Gomera ist derartig flüssig und interessant geschrieben, dass der Leser der Süddeutschen Zeitung gar nicht merkt, dass Autorin Eva Dignös auf ihr nur wenig erfahren hat, was sie zu etwas Besonderem macht. Sie absolvierte vermutlich das Programm einer Pressereise auf die Kanareninsel. Einziges Alleinstellungsmerkmal der Vulkaninsel ist eben das Pfeifen. Im Unterricht werden Schülern darin Grundlagen vermittelt. In zwei Absätzen widmet sich Dignös dem Pfeifen. Und es ist gut, dass sie dem doch etwas Raum gibt. Dignös ist dem Reisenden unbekannt. Ein Blick auf die SZ-Autorenseite ergibt jedoch, dass sie freie Autorin im Unterwegs-Team ist. Es wäre sinnvoll, Autoren im Text vorzustellen, damit sich Kunden und Anbieter auf Augenhöhe befinden. Zudem ist es auch transparent, ob nicht doch eine PR-Agentur oder gar KI hinter dem Text steht.
Mit diesem Artikel setzt sich die Serie der Rezensionen deutschsprachiger Reiseblätter von Durchstreifen & Erleben auch in dieser Woche fort. Diese begann mit zwei Artikeln der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wurde mit zwei Artikeln der Zeit fortgesetzt. Danach ging es in der Welt am Sonntag um Highlights der Ostsee und eine Woche später um Nachtzüge. Diese schließt jetzt mit der Analyse deses Artikels in der Süddeutschen Zeitung. Ab der nächsten Woche geht es um Artikel in der Schweizer Presse. Der Reisende ist schon ganz neugierig, ob er die Ursachen dafür zu findet, warum die Schweizer Medien viel erfolgreicher sind als deutsche Zeitungen. Mit einem ei8dgenössischen Verlagsleiter hat er jüngst über diese Tatsache korrespondiert.
Spannender wäre es allerdings im SZ-Artikel gewesen, eine Unterrichtsstunde zu besuchen und daran teilzunehmen, weil man dort auch mehr über Eigenarten der Bewohner erfährt, über die man dann etwas schreiben kann. Stattdessen führt der Harry-Potter-Einstieg erst einmal in die Irre, den sie dafür braucht, dass der ausdehnbare Zauberkoffer unendlich viel Platz hat, etwa für alles, was La Gomera zu bieten hat.
Historisch gewachsene Inselspeisekarte
Immerhin hält sie dann noch mit der Inselspeisekarte eine weitere Besonderheit bereit. Spannend ist diese durch ihre historische Entwicklung. Da La Gomera bis in die 1970er Jahre ziemlich isoliert war, waren die Köche auf die Zutaten angewiesen, die auf der Vulkaninsel wuchsen. Sie fand heraus, dass Landwirtschaft auf der Insel schon immer ein hartes Geschäft war. Aber sie traf auf Winzer, die selbst in einer Höhe von 1000 Metern noch Wein kultivieren können. Auch nach einem besonderen Inselrezept, das eher zufällig entstand. Um welches es sich handelt, kann jeder hier nachlesen.
Im Anschluss daran schreibt sie im Stil einer Nachricht weiter: Es folgen die Gegebenheiten vieler Atlantikinseln, die den Reisenden schon ab dem Abschnitt über den Weinanbau aufgefallen sind: Daher erinnerte ihn die Beschreibung ziemlich an seine eigenen Erlebnisse auf Madeira, die er selbst für die Wiener Zeitung „Die Presse“ notiert hatte. Diese schlugen sich in einem Artikel nieder, der hier zu finden ist. Dann kann ja jeder La Gomera mit Madeira vergleichen.
Aus ödem Programm das Beste gemacht
La Gomera ist im weiteren eine Wanderinsel, die Touristen gut mit der Fähre von Teneriffa aus erreichen können. Es gebe keine wirklich guten Strände, und zum Baden sei die Brandung an sich zu gefährlich. Auf ihr wachse ein Urwald aus Lorbeerbäumen, dessen Wurzeln bis in die Zeit vor über zwei Millionen Jahren zurückreiche. Die Wurzel für den Tourismus hätten Einwanderer gelegt wie Hippies und Aussteiger. Deren Nachfahren nämlich hätten für Gastronomie und Unterkünfte gesorgt.
Aus einer auf dem Papier eher öde erscheinenden Programm der möglichen Pressereise hat Dignös das wirklich Machbare weitergesponnen. Dies ist ihr überwiegend glänzend gelungen, weil sie zwei Besonderheiten gut aufgriffen hat. Jeder, der mal als Neuling zu einer Pressereise eingeladen wird, kann mit diesem Text eine Menge lernen, wie man einen Text für die Süddeutsche Zeitung zaubern kann. Zwar nicht wie Harry Potter, sondern mit gutem journalistischem Handwerk.
