Nordschweden ist Bühne Stieg Larssons

Die in der Gegenwart spielende Romantrilogie Stieg Larssons bietet trotz der Titel Verblendung, Verdammnis und Vergebung wenig Religiöses. Diese Titel sind irreführend. Denn die schwedischen Originaltitel lauten vollkommen anders. Die Schreibweise ist journalistisch. Kurze Sätze, sachlich, detailverliebt, aus der Sicht des ermittelnden Journalisten Mikael Blomqvist, der in Zeitungsarchiven arbeitet und durch Schweden fährt, um im Auftrag des Großindustriellen Henry Vanger dessen Nichte zu finden und deren Mörder aufzuspüren.
Mit der Besprechung der Trilogie setzt sich hier die Serie “Buch des Monats” fort. Sie begann mit Siegmund Natschkes Erzählung “Der Ziegenbaron”. Um Yann Martels “Die hohen Berge Portugals” ging es im zweiten Teil. Dieser Text ist dem Reiseführer “Västerbotten Land der Abenteuer” entnommen. Obwohl oder aber weil nur dünn besiedelt, weist Västerbotten eine Reihe phantastischer Schriftsteller auf. Diese werden auf Durchstreifen & Erleben nach und nach vorgestellt für alle, die noch nicht meinen Reiseführer gelesen haben.
Als Mittel hierzu erhält Blomqvist unter anderem 30 Jahre alte Fotos. Entscheidend hilft ihm bei den Ermittlungen seine Partnerin Lisbeth Salander, die in einer Sicherheitsfirma arbeitet und eine verdammt gute Hackerin ist. Beide sind extreme Individualisten, was ganz dem schwedischen System, in dem das Gemeinwohl vor dem individuellen Wohl stehen sollte, zu widersprechen scheint. Immerhin aber versucht Mikael Lisbeth in Notsituationen zu helfen. Es geht Mikael vor allem darum, Unrecht aufzudecken, insbesondere Gewalt gegen Frauen. Diese üben überwiegend juristische und staatliche Funktionäre aus, die verdeckt im scheinbaren Wohlfahrtsstaat arbeiten.
Dies wird besonders durch Lisbeths eigenen Lebensweg deutlich. Sie wird zu Unrecht entmündigt und ihrem Anwalt Bjurman als Vormund ausgeliefert. Dieser nutzt seine Stellung brutal sexuell aus. Im Gegensatz zu anderen Frauengestalten ergibt sich Lisbeth nicht in ihr Schicksal. Sie handelt, wie manche meinen, wie Astrid Lindgrens kämpferische Pippi Langstrumpf. Sie überlistet Bjurman mit körperlichem Geschick und besiegt im Verlauf der Handlung andere gewalttätige Männer.
Seine Weihen als Journalist, der nie Starreporter war, erhielt Larsson, nachdem 1991 sein Buch “Extremhögern” erschienen war; von nun an war er anerkannter Experte für Rechtsextremismus. es beruhte auf persönlichen Recherchen, in den Machenschaften dieser Gruppen aufgedeckt wurden. Den zweiten Höhepunkt seines journalistischen Schaffens erreichte er, als er das bekannte antirassistische Blatt “Expo” gründete. Über seine Millennium-Romane, der erste Band ist 2005 erschienen, wollte Larsson stets vorhandene finanzielle Sorgen der Zeitschrift “Expo” lösen. Er hat sich wohl selbst in der Mikael-Figur in ein Idealbild verfremdet, das aber seinem menschenfreundlichen Charakter nicht entsprach.
Er ging jedoch in seinem Kampf gegen Gewalt gegen Frauen über die Mittel des Journalisten und Literaten weit hinaus, indem er als junger Mann während des Krieges in Abessinien und Eritrea ein eritreisches Frauenkommando ausbildete. Dabei griff er auf seine Militärausbildung in Schweden zurück. Er scheiterte jedoch unter anderem aus gesundheitlichen Gründen. Sein späteres journalistisches und gesellschaftliches Engagement dürfte jedoch aus der gleichen inneren Einstellung abzuleiten sein. Vielleicht wurde er Schriftsteller, weil er in der Wirklichkeit scheiterte.
Kein Bullerbü
Insgesamt widerspricht Larssons Schwedenbild der in Deutschland sehr bekannten Poetisierung des schwedischen Landlebens durch Astrid Lindgren in ihren Bullerbü-Geschichten. Die Ursache dürfte in seiner Herkunft liegen: Er wuchs bei seinem Großvater auf, der zeitweilig sogar Stalinist war. Sein Vater war Gewerkschaftler, und seine Mutter kannte die Wirklichkeit durch ihre Arbeit in der Kommunalpolitik; schon sie war Mitbegründerin eines Gleichstellungskomitees von Mann und Frau. So wird deutlich, dass für den Sohn die gegenwärtige Wirklichkeit und nicht Stoff aus der Vergangenheit im Vordergrund steht. Er ist der jüngste der Autoren Norrlands.
Sein Freund Erik Pettersson beschreibt ihn als unauffälligen Jungen mit runder Brille, schwarzer Lederjacke und Schultertasche, also keineswegs extravagant aussehend. Eva Gedin, Verlegerin bei Norstedts, empfand ihn als typischen Nordländer: lässig, selbstbewusst und ziemlich schweigsam. In Skelleftehamn 1954 als Sohn von zwei noch jungen Eltern geboren, wuchs er in einem einsamen Waldhaus bei seinen Großeltern auf. In der Umgebung lebten Jäger, Holzfäller, Fischer und Bergarbeiter, stark beeinflusst von marxistisch eingestellten Gewerkschaftlern. Erst mit acht Jahren zog er zu seinen Eltern nach Umeå, denn sein Vater war endlich von Stockholm in den Norden gezogen, wo er als Schaufensterdekorateur arbeitete; seine Mutter war Modeverkäuferin.
Der Norden ist Einöde
Doch treten Menschen dieses Typs nicht in seinen Romanen auf. Die Familie von Mikaels Auftraggeber Vanger stammt historisch nicht einmal aus Nordschweden, da sie vor Generationen aus Frankreich eingewandert ist. Die Familie konzentrierte sich zunächst aufs Holzgeschäft, baute den Betrieb dann aber zu einem Mischkonzern mit den Branchen Holz‑, Eisen- und Elektroindustrie aus. Der Wohnort der Industriellenfamilie — die Firma bleibt immer ein Familienunternehmen — ist in der Nähe von Sundsvall der Landschaftsbeschreibung nach zu vermuten.
Hier beginnt für den Stockholmer Blomqvist der Norden: Einöde, im Winter minus 17 bis 37 Grad, schwere Schneestürme. Bei seiner Ankunft im Wohnort der Vangers mutet es Mikael wie ein Wunder an, dass das ihm zugewiesene Gästehaus geheizt ist. Er trifft einen Kreis wohlhabender moderner Menschen an, der sich jeden Luxus leisten kann. Im Rahmen seiner Suche nach er verschollenen Nichte Vangers fährt Mikael von Hälsingland nach Västerbotten und passiert dort zuerst das Dorf Åmsele. Ein Ort, der in Schweden allgemeinen bekannt ist einer grauenhaften Bluttat in den 1980er Jahren wegen. Ein Finne ermordet eine ganze Familie, was die Bewohner noch bis heute belastet. Es ist davon auszugehen, dass Larsson bewusst dieses Dorf ausgewählt hat, um Gänsehaut beim Leser zu erzeugen.
Schlecht zu verstehender Dialekt
Im nahen Norsjö zeigt Mikael einem Tischlerehepaar das Foto eines Festes, auf dem die von ihm gesuchte Nichte zu sehen ist. Das Ehepaar ist hilfsbereit; es gibt jedoch Verständigungsprobleme. Dem dortigen Dialekt, ein “ausgeprägtes” Norsjö-Schwedisch versteht er als Stockholmer nur schlecht. Larsson selbst kennt die Gegend aus seiner Kindheit, denn sein Großvater führte hier eine Werkstatt. So kann er auch das Lokalkolorit gut beschreiben und in den Roman einflechten, indem er Mikaels Tochter im nahen Skellefteå das Sommerlager einer Bibelschule der Vereinigung “Licht des Lebens” besuchen lässt. Die Entfremdung zwischen Vater und Tochter wird durch die Abwertung Mikaels, das Ganze sei religiöse Schwärmerei, deutlich.
Der Autor will also zeigen, wie fremd Großstadtmenschen und Norrländer einander gegenüberstehen. Doch sucht er wenigstens die Ursache bei sich selbst. Der Tochter fehle eine Vaterfigur. Allerdings entgeht ihm das Idyllische des Landes keineswegs. Er erkennt die ungewöhnlich schöne Holzkirche der evangelisch-lutherischen Gemeinde und vergisst nicht, die Pfingstkirche der auch heute noch in Schweden lebendigen Erweckungsbewegung zu nennen. Diese religiöse Richtung, die zu einem “Erwachen” der dem Gewohnheitschristentum verfallenen Kirchenmitglieder führen sollte, wird in den älteren Romanen indes viel stärker in den Vordergrund gestellt. Bei Larsson erscheint sie nur am Rande. Die durch diese Bewegung beeinflussten Menschen mit ihren besonderen Lebensläufen und Problemen werden in den älteren Romanen Nordschwedens viel ausführlicher dargestellt.
1 Kommentar zu „Buch des Monats: Verblendung, Verdammnis und Vergebung“