Reiseziele

Vogue lädt zum Aarhus-Tagestrip

Vogue lädt zum Aar­hus-Tages­trip: Ist die Autorin der ame­ri­ka­ni­schen Zeit­schrift “Vogue” wirk­lich in der Stadt des Lächelns gewe­sen? Nichts schreibt sie über die Atmo­sphä­re in der Kul­tur­haupt­stadt. Die Kul­tur der Stadt kommt nur am Ran­de vor. Sind die Dänen etwa nur Säu­fer? Und tüch­ti­ge Esser? Den im Text her­vor­ge­ho­be­nen “Akva­vit” kann der Rei­sen­de pro­blem­los in einem deut­schen Dis­coun­ter kau­fen. Mit jeman­dem vor Ort gespro­chen, hat die Ver­fas­se­rin auch nicht. Der Rei­sen­de hat bis­her nur weni­ge Arti­kel über Aar­hus gele­sen oder im Rund­funk gehört, bei dem er das Gefühl hat­te, dass die Autoren dort gewe­sen sind. Und die Fotos stam­men von einer Wer­be­agen­tur. Nicht die lei­ses­te Kri­tik wird am Auf­tritt der Stadt geäu­ßert. Die Leser zah­len viel Geld für die­se Zeit­schrift. Anzei­gen wer­den von Unter­neh­men teu­er bezahlt. Wo ist hier die Gegen­leis­tung für die Leser?

Doch nach der Auf­re­gung nun end­lich zum Arti­kel der berühm­ten Zeitschrift: 

Ver­steckt auf der schrof­fen Halb­in­sel Jüt­land, sei Aar­hus nie die belieb­tes­te Tou­ris­ten-Desti­na­ti­on gewe­sen. Die meis­ten Besu­cher Däne­marks zögen lie­ber einen zusätz­li­chen Tag in Kopen­ha­gen einer drei­stün­di­gen Bahn­fahrt an der Ost­küs­te vor. Obwohl Aar­hus die Repu­ta­ti­on als „Stadt des Lächelns“ genie­ße, sei ein Lächeln nicht aus­schlag­ge­bend beim Buchen des Traum­trips. Trotz­dem sei die Stadt zur Euro­päi­schen Kul­tur­haupt­stadt ernannt wor­den. Und so begann die Stadt, sich her­aus­zu­put­zen fürs Jahr 2017 für die Prä­sen­ta­ti­on auf der hohen Stu­fe zwi­schen Euro­pas ande­ren gro­ßen Städ­ten. Heu­te habe Aar­hus die per­fek­te Mischung aus Klein­stadt-Charme und einer Atmo­sphä­re wie in Kopen­ha­gen. Natür­lich habe die Stadt nicht die­se Art zu lächeln ver­lo­ren. Nach die­sem Ein­stieg zeigt Vogue auf, wie ihre Leser einen per­fek­ten Tag in Aar­hus ver­brin­gen können.

Ein guter Tag 

Ein guter Tag in Däne­mark begin­ne immer, wenn es heißt, Vogue lädt zum Aar­hus-Tages­trip, mit Kaf­fee und einer Schei­be Brot oder Gebäck. Aber nicht unbe­dingt mit däni­schem Gebäck. Denn däni­sches Back­werk sei nicht urdä­nisch. Ursprüng­lich kom­me es auf Wien. Stadt­be­su­cher soll­ten es mit lie­ber einer „kanel­stang“ (Zimt­stan­ge) oder einer Schei­be fri­schen Sau­er­teig­brots ver­su­chen, bestri­chen mit wei­cher haus­ge­mach­ter But­ter. Rei­sen­de wür­den schnell ler­nen, dass Brot tief in der däni­schen Kul­tur ver­wur­zelt sei. Es gebe sogar däni­sche Sät­ze, in denen Brot als Meta­pher gebraucht wür­de. So hei­ße es zum Bei­spiel “spis lige brød til” oder „Iss etwas Brot“. So wer­de dazu auf­ge­for­dert, ruhig zu blei­ben. Gutes Brot und Gebäck sei in in vie­len Stadt­vier­teln zu fin­den. Aber die gemüt­li­che „Kaff­ebar“ und Rös­te­rei im Lati­ner-Vier­tel über­tref­fe sie alle. Dies drü­cke sich in vie­len Stamm­kun­den aus.

Zu einem Besuch Däne­marks gehö­re ein Rad, fährt die Autorin fort. Dies sei dop­pelt zu emp­feh­len, wenn es hart sei, die gan­ze Zeit dem Brot zu wider­ste­hen. Obwohl Aar­hus fuß­läu­fig sei, sei es prak­tisch, ein Rad von Cycling Aar­hus zu mie­ten. Oder sich ein kos­ten­lo­ses von Aar­hus City Bikes zu schnappen.

Doch etwas Kultur in der Vogue

Die Rad­tour durch Aar­hus kön­ne an der Water­kant begin­nen. Im Hafen sei­en die Con­tai­ner der gro­ßen Ree­de­rei Maersk zu sehen, die so gigan­tisch sei­en, dass sie an Lego-Bau­stei­ne erin­ner­ten. Von dort kom­me man zu einem neu­en Stück Archi­tek­tur, der öffent­li­chen Büche­rei und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zen­trum Dokk 1. Mit des­sen Design sehe die Büche­rei jeder ande­ren Stadt trau­rig wie ein altes Anti­qua­ri­at aus. Den Fluss über­schrei­tend, kom­me man ins Lati­ner-Vier­tel, den ältes­ten Stadt­teil. Des­sen enge Gas­sen und flach hän­gen­de, von Laden­fron­ten gesäum­te, Gebäu­de sei­en charakteristisch.

Sobald man genug Geld für ein klei­ne Haus aus­ge­ge­ben und genug Waf­feln geges­sen habe, um eine klei­ne Fami­lie zu ernäh­ren, sol­le man die Tour mit dem Genuss von Kul­tur fort­set­zen. Als Euro­päi­sche Kul­tur­haupt­stadt wim­me­le es in der Stadt vor inno­va­ti­ven und kul­tu­rel­len Ange­bo­ten. So bie­te sich ein Besuch des AroS-Muse­ums an oder Gam­le By. Gam­le By ist ein Muse­ums­dorf mit his­to­ri­schen jüt­län­di­schen Häu­sern, wie es dies auch in Det­mold oder in Kiel schon zu sehen ist.

Cocktails beim Aarhus-Städtetrip

Wer noch hung­rig sei, soll­te nicht ver­säu­men, eine däni­sche Mahl­zeit ein­zu­neh­men. Dänen hät­ten ein gewis­se Bril­lanz, wenn es ums Essen gehe. Aar­hus selbst brum­me nur so der exzel­len­ten Köche wegen. Emp­foh­len wird das Miche­lin-Restau­rant Gas­tro­mé. Dies sei modern skan­di­na­visch ein­ge­rich­tet mit wei­ßen Wän­den und mit Fel­len bestück­ten Holz­stüh­len. Dies sei das opti­ma­le Set­ting für ein nor­di­sches Menü, bela­den mit loka­len Gewür­zen, Gemü­se und Natur­wei­nen. Von hier aus sol­le es anschlie­ßend zur St. Paul-Apo­the­ke gehen, eine Cock­tail-Bar. Die­se neh­me das Zube­rei­ten von Cock­tails noch ernst.

Die Autorin emp­fiehlt dort „einen gräss­li­chen Cock­tail, der raucht und glüht“. Und jetzt kommt end­lich der Akva­vit im Text vor, wenn es auch nur ein Schuss ist: Es han­de­le sich um ein skan­di­na­vi­sches Alko­hol­ge­tränk, das aus Kar­tof­feln oder Getrei­de destil­liert wer­de. Dänen sei­en ein frucht­bar kul­ti­vier­ter Hau­fen. Und es sei wahr­schein­lich, dass die­se Bar nur bei einem lei­sen Brum­men die gan­ze Nacht brum­me. Man soll­te also nicht zu grob wer­den. Falls der Besu­cher dies doch tue, könn­te der Nach­bar her­über­schau­en. Und ihm ein sanf­tes Lächeln schen­ken. Daher hei­ße die Stadt schließ­lich „Stadt des Lächelns“.

Hat der Rei­sen­de mit sei­ner Kri­tik an die­sem Text über­trie­ben? Wer von euch bricht nun wirk­lich eupho­risch zu Däne­marks zweit­größ­ter Stadt auf? Unter “Vogue lädt zum Aar­hus-Tages­trip” hat sich der Rei­sen­de zuvor wahr­lich etwas mehr Niveau und weni­ger offen­sicht­li­che Wer­bung ver­spro­chen. So zum Bei­spiel über ein Tref­fen mit einem Mann, der die See­le die­ser Stadt bewah­ren will.

likeheartlaugh­terwowsadangry
0
Kristen Benning

Freier Reise- und Kulturjournalist. Fachautor von Kulturreiseführern wie Serra da Estrela, Die hohen Berge Portugals durchstreifen und erleben, Berlin 2019. Münster, Stadt der Skulpturen, Die Kulturhauptstadt-Finalistin durchstreifen und erleben, Berlin 2017. Aarhus, Stadt des Lächelns, Die dänische Kulturhauptstadt 2017 durchstreifen und erleben, Berlin 2016. Västerbotten Land der Abenteuer. Ein unbekanntes Land im Norden Schwedens, Berlin 2014.

2 Kommentare

Kommentieren

Entdecke mehr von Durchstreifen & Erleben

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen