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Ist Dänemark unsolidarisch?

Einen Bei­trag über Däne­mark, bei dem das Sozi­al­sys­tem und die Migra­ti­on im Mit­tel­punkt ste­hen, hat jetzt der Deutsch­land­funk gebracht. Die­sen stuft der Rei­sen­de als inter­es­sant, aber auch als ein­sei­tig ein. 

Hier zwei Aus­schnit­te aus dem Beitrag: 

“Natür­lich reden wir über Flücht­lin­ge und Migran­ten und die öffent­li­che Mei­nung. Von Dutsch­kes 7.000 Mit­ar­bei­tern sind 13 Pro­zent aus Län­dern der drit­ten Welt – der offi­zi­el­le Sprach­ge­brauch in Däne­mark: aus dem nicht­west­li­chen Aus­land – das ent­spricht etwa ihrem Anteil in der Stadt und Pro­ble­me gebe es da kei­ne großen. 

Aber natür­lich wach­se hier ein Pro­blem her­an mit denen, die nicht inte­griert sind. Wie genau sich hier Frem­den­feind­lich­keit und Angst um den eige­nen Wohl­stand mischen, im Ein­zel­nen, das kann nie­mand genau sagen, es wird bei­des sein. Aber im Vor­der­grund steht in den Gesprä­chen, die ich füh­re, immer das küh­le mate­ri­el­le Argu­ment: Wenn 80 Pro­zent der  Dänen arbei­ten und ein­zah­len, aber nur 50 Pro­zent der Migran­ten Arbeit haben, dann ist das eine Belastung.

Die Par­tei­en, sagt Dutsch­ke, hät­ten das Pro­blem lan­ge ver­drängt. „Nun hat uns die Däni­sche Volks­par­tei – mit ihrer mas­si­ven Anti-Migran­ten-Poli­tik – aber gezwun­gen, uns ehr­lich zu machen. Hier in Däne­mark wird jetzt end­lich wenigs­tens über das Pro­blem gere­det. Die Schwe­den lügen sich immer noch etwas in die Tasche.“ Die Schwe­den – hat­te Dutsch­ke das gesagt? – die Schwe­den gel­ten in Däne­mark als die Deut­schen Skan­di­na­vi­ens und sie selbst sehen sich gern als die Ita­lie­ner das Nordens.”

An ande­rer Stel­le heißt es: “Die Migra­ti­ons­fra­ge ist in Däne­mark – wie in fast allen euro­päi­schen Län­dern – zur Mün­ze im par­tei­po­li­ti­schen Kampf um Pro­zen­te gewor­den. Mehr als 60 Ver­än­de­run­gen im Aus­län­der- und Asyl­recht sind unter der jet­zi­gen Regie­rung, unter dem Druck der Volks­par­tei beschlos­sen wor­den. Für radi­ka­le Sprü­che gibt es die schnells­ten Schlag­zei­len. Oft sind das nur publi­kums­wirk­sa­me Paro­len, die – jeden­falls bis jetzt – ohne Chan­ce auf Ver­wirk­li­chung sind. 

Ob nun die Volks­par­tei im Euro­pa­rat vor­schlägt, Men­schen­rech­te in vol­len Umfang nur noch däni­schen Staats­bür­gern zu gewäh­ren – um die Abschie­bungs­bar­rie­ren zu sen­ken, oder ob es klei­ne Nadel­sti­che sind, mit denen das gesichts­ver­ber­gen­de Tra­gen von Müt­zen, Schals oder Kopf­tü­chern unter Stra­fe gestellt wer­den soll. 

Oder der ohne­hin sinn­lo­se Plan, mit einem kilo­me­ter­lan­gen Zaun den Über­tritt von Wild­schwei­nen nach Däne­mark zu ver­hin­dern, der den Spre­cher der Däni­schen Volks­par­tei zur Bemer­kung ver­an­lass­te, man kön­ne den Zaun ja auch noch ein wenig höher bau­en, um auch ande­re am Grenz­über­gang zu hindern. 

Ob der Ghet­to­re­de des Minis­ter­prä­si­den­ten, der Migran­ten aus tat­säch­li­chen oder ver­meint­li­chen Brenn­punk­ten eva­ku­ie­ren will, um das Mischungs­ver­hält­nis von Migran­ten und eth­ni­schen Dänen zu ver­bes­sern, Taten fol­gen wer­den, ist noch unge­wiss – das Par­la­ment muss die Mit­tel dafür erst bewilligen. 

Aber die Stim­mung hat sich gedreht. Außer der klei­nen links­grü­nen Ein­heits­par­tei wol­len alle poli­ti­schen Grup­pie­run­gen Migra­ti­on ganz ver­hin­dern und Asyl erschwe­ren. Am radi­kals­ten gedreht haben sich die Sozi­al­de­mo­kra­ten. Von deren Par­tei­vor­sit­zen­der Met­te Fre­de­rik­sen kam der Vor­schlag: Wer in Däne­mark Asyl bean­tra­ge, der sol­le in ein Lager „außer­halb von Euro­pa“ ver­bracht wer­den, dort soll­ten dann die Anträ­ge geprüft und von dort aus sol­len die Asyl­be­wer­ber in ihre Her­kunfts­län­der abge­scho­ben wer­den. „Der neue Frei­heits­kampf“ heißt das Pro­gramm, das den Wohl­fahrts­staat bewah­ren soll.”

Eine Ant­wort dar­auf gibt im Prin­zip die Frau­en­recht­le­rin Aya­an Hir­si Mit­te Mai 2021. Sie stammt aus einer streng mus­li­mi­schen Fami­lie in Soma­lia, lehrt und forscht am Hoo­ver-Insti­tut der Stan­ford-Uni­ver­si­tät in den USA. Gera­de hat sie ihr Buch “Beu­te” beim Ber­tels­mann-Ver­lag her­aus­ge­bracht. Sie spricht dar­in an, dass Män­ner aus mus­li­misch gepräg­ten Län­dern eine ande­re Hal­tung pfleg­ten als euro­päi­sche. Die­ser kul­tu­rel­le Unter­schied sei ein­fach da. 

Auch gegen­über Juden, Chris­ten und ande­ren Nicht-Mus­li­men. “Wir alle sehen die­se Pro­ble­me. Und es soll nicht erlaubt sein, dar­über zu spre­chen und die­se Pro­ble­me zu benen­nen.” In Euro­pa gehe es mehr um die Her­kunft von Zuwan­de­rern und die Phi­lo­so­phie des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus. Unter­schied­li­che Kul­tu­ren soll­ten nicht ver­gli­chen wer­den, denn alle Kul­tu­ren sei­en gleich gut oder gleich schlecht. “Das ist Iro­nie: Euro­pä­er kön­nen sehr anti­ame­ri­ka­nisch sein, aber oft über­neh­men sie die nega­ti­ven Ent­wick­lun­gen aus den USA, wie die­se unsin­ni­ge Identitätspolitik.”

Den Begriff der Isla­mo­pho­bie benutz­ten in der Regel Isla­mis­ten, wenn sie kri­ti­schen Fra­gen aus­ge­setzt wür­den. Aber er wer­de auch von lin­ken und grü­nen Par­tei­en in Euro­pa benutzt, um Mus­li­me von der Kri­tik aus­zu­neh­men. Der Grund: Mus­li­me wür­den mehr. Sie wür­den ein­ge­bür­gert und bekä­men dadurch das Wahl­recht. Als wach­sen­de Wäh­ler­grup­pe sei­en sie für Par­tei­en interessant.

Sie schlägt vor, die Push-Fak­to­ren zu redu­zie­ren, die Men­schen aus Afri­ka und Asi­en nach Euro­pa hol­ten. Zwi­schen Staa­ten gehe das nur auf poli­ti­scher Ebe­ne. Wer Geld für die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung sei­nes Lan­des bekom­me, müs­se Mas­sen­mi­gra­ti­on redu­zie­ren. Der Dschi­had müs­se bekämpft wer­den, der star­ke Migra­ti­ons­be­we­gun­gen verursache. 

Außer­dem müs­se Euro­pa sei­ne Geset­ze für Asyl­be­wer­ber, Kriegs­flücht­lin­ge und ande­re Zuwan­de­rer har­mo­ni­sie­ren und und erneu­ern. Dass über Asyl­ver­fah­ren zuge­wan­dert wird, sei in den USA und Kana­da nicht vor­stell­bar. Man brau­che auch funk­tio­nie­ren­de Inte­gra­ti­ons­pro­gram­me. Sprach­kur­se sei­en nur ein Anfang. Die Men­schen müss­ten in ein Wer­te­sys­tem inte­griert werden. 

Dazu gehö­re auch, dass Leu­te in ihre Hei­mat zurück­ge­schickt wür­den, wenn es nicht funk­tio­nie­re. Dazu brau­che man effi­zi­en­te Rück­füh­rungs­me­cha­nis­men — und poli­ti­schen Willen.

Fes­tungs­stadt Almei­da, Portugal

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Kristen Benning

Freier Reise- und Kulturjournalist. Fachautor von Kulturreiseführern wie Serra da Estrela, Die hohen Berge Portugals durchstreifen und erleben, Berlin 2019. Münster, Stadt der Skulpturen, Die Kulturhauptstadt-Finalistin durchstreifen und erleben, Berlin 2017. Aarhus, Stadt des Lächelns, Die dänische Kulturhauptstadt 2017 durchstreifen und erleben, Berlin 2016. Västerbotten Land der Abenteuer. Ein unbekanntes Land im Norden Schwedens, Berlin 2014.

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