Georg Renöckl stellt in “Die Presse” Programmpunkte der Kulturhauptstadt Oulo vor

„Eine Reise nach Oulu, Finnland. Die europäische Kulturhauptstadt widmet sich dem Cultural climate change. Wichtiger Schwerpunkt: die Kultur der Samen, Oper und Luftgitarre inklusive.“
Mit diesem Text über die Stadt am Bottnischen Meerbusen in der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“, veröffentlicht am 16. Mai 2026, setzt sich die Serie der Rezension deutschsprachiger Reiseblätter von Durchstreifen & Erleben auch in dieser Woche fort. Diese begann mit Artikeln deutscher Leitmedien, wurde mit der Analyse von Reisetexten in Schweizer Medien fortgesetzt. Zunächst ging es um Texte in der Weltwoche. Es folgte die NZZ. Mit dem Tages-Anzeiger endete die Analyse von Texten aus der Schweiz, um mit Artikeln österreichischer Leitmedien fortgesetzt zu werden. Danach ging es im Magazin Rondo des Standard um ein Kunst-Hotel in den Dolomiten, eine Woche später um eine Tour in den Osten Spaniens.
In schöne Worte gekleidet
Zuerst mögen Leser anhand des zweizeiligen Vorspanns denken, es handele es sich um eine Reisereportage über Oulu am Bottnischen Meerbusen. Doch das stimmt wohl nicht so ganz, führt vermutlich in die Irre. Es handelt es eher um einen Blick ins Programm der Kulturhauptstadt 2026. Das Programm wird in schöne Worte gekleidet, mit guten Zitaten versehen. Es ist also eher ein Servicetext für Interessenten am Besuch. Das ist legitim. Denn Reisejournalismus soll historisch aus dem Feuilleton hervorgegangen sein. Da es diesem Text an persönlicher Nähe, an Emotionen fehlt, hat ihn Autor Georg Renöckl vermutlich kalt geschrieben. Das heißt, er wurde eventuell am Schreibtisch verfasst, ohne vor Ort gewesen zu sein. Das spart erhebliche Kosten für den Schreiber und schont das Budget der Redaktion.
Nach dem Lead erklärt Georg Renöckl, was Oulu bedeutet und was den Ort im Kern ausmacht: „Hochwasser“ oder „nasser Schnee auf schmelzendem Eis“. Dort lebten ungefähr 1000 Samen. Im 19. Jahrhundert sei dort Teer von internationaler Bedeutung produziert worden. Danach habe sich eine High-Tech-Metropole aus Oulu entwickelt, die sich in diesem Jahr speziell der Alltags- und Lebenskultur widme. Einen Teil der Alltags- und Lebenskultur stelle der in Oulo gegründete „Chor der schreienden Männer“ dar, sagt Renöckl, freier Journalist aus Wien. Vorgestellt wird der Autor dem Leser leider nicht. Das ergäbe auch hier mehr Transparenz für Leser, in dem Sinne, dass es sich nicht um einen PR-oder KI-Text handelt. Und es wäre auch fair dem Verfasser gegenüber. Diese kleideten sich in schwarze Anzüge, trügen Krawatten aus alten Autoschläuchen, sängen oder aber brüllten. Dabei versprühten sie pure Energie. Ihr Chorleiter sehe es nicht als Therapieform an, aber es tue allen gut. Im Oktober führen sie die Oper Carmen in Oulu mit auf.
Alte Papierfabrik gerettet
Einen ihrer Auftritte bestritten sie in einer alten, 1931 von Alvar Aalto geplanten alten Papierfabrik. Ja richtig, es handelt sich um den Vater des berühmten Architekten. Diese wurde vor einigen Jahren von der britischen Architektin Charlotte Skene Catling vorm Verfall „gerettet“ und in ein Kulturzentrum umgestaltet. „Eingeweiht wurde es so, wie traditionell in Finnland nun einmal Häuser eingeweiht werden: mit einer Sauna.“ Mit diesem falschen Verb leitet Renöckl zur Sauna-Kultur über. Eingeweiht werden nur Kirchen. Das wird aber oft falsch gemacht. An sich scheint der Absatz übers Saunieren überflüssig. Denn dies ist scheinbar den meisten vertraut. Allerdings scheint es wirklich nur so: Dem Reisenden passierte es in einer großartigen Sauna in Bodø am Polarkreis. Er legte sich fast nackt, nur mit einem Handtuch seine Blöße bedeckend, in die Sauna, davon ausgehend, dass die Besucher hier wohl ziemlich verklemmt seien. Bis jemand vom der Aufsicht kam und ihn sehr freundlich allerdings in die norwegische Badekultur einwies.
In Finnland gilt dies auch, erfuhr er selbst beim gemeinsamen Saunen und anschließenden lustigen Verweilen in einem Whirl-Pool in der Umgebung von Tornio. Dabei tranken die Finnen sogar Bier, was die Norweger auch taten. In der Sauna darf man sich auch mit anderen Badegästen austauschen. Im Juni veranstalte Oulu ein Sauna-Festival, schreibt Renöckl.
Dem folge im August eine Luftgitarren-Weltmeisterschaft. Dabei gehe es vor allem um Spaß, lässt Renöckl einen der Hauptakteure sagen. Und um Weltfrieden. Beim Vortrag sollen die Zuschauer spüren, dass Musik aus den Instrumenten kommt. Das sei ziemlich anspruchsvoll.
„Die Presse“ druckt also einen gut zu lesenden, interessanten Text ab. Dem mangelt es allerdings an für Reisereportagen wichtigen Emotionen. Renöckl scheint ein routinierter Schreiber zu sein, kennt er doch die Vorlieben der Leser beim Reisen in den hohen Norden – Saunen und eine besondere Art der Musik. Aber in den hohen Norden gereist, ist er wohl eher nicht.