Ein Kassenschlager scheint derzeit das Theaterstück “Norway.today” zu sein. Es wird auf verschiedenen deutschen Bühnen aufgeführt.
Premiere hat das Drama jetzt auch im Kleinen Bühnenboden in Münster. Es spielt am Preikestolen, der seit Jahren schon ein beliebtes touristisches Ziel ist, leider auch Motiv für völlig leichtsinnige, ja lebensgefährliche Selfies. Zwei Frauen, gespielt von Alice Zikeli und Tatjana Poloczek, reisen zum Felsen und führen dort Gespräche, in denen sie das Leben neu entdecken. 90 Minuten lang kannst Du hautnah, das ist das Schöne am Theater, ein schnelles und humorvolles Drama miterleben. Die Reise zum Preikestolen kannst Du hier buchen:
Ungewöhnlich ist das Projekt — ein ins Meer versenktes Restaurant entsteht zurzeit an der norwegischen Südküste. In Båly, gut 80 Kilometer westlich von Kristiansand, können Gäste im “Under” während des Essens auf den Meeresgrund schauen und hoffen, dass interessante Fische vorbeischwimmen.
Auf der Oberfläche des Gasthauses sollen sich Muscheln ansiedeln, die das Wasser reinigen. Der Betreiber will auch Anlaufstelle für Forscher sein, die sich für das Meer interessieren.
Ab und zu finde ich auf Reisen schon von Menschen geschaffene Orte, wo man sich der Erde besonders nah fühlt. Im schwedischen Norrbotten kenne ich ein Restaurant an einem Fluss, in dem eine Kamera vorbeikommende Lachse zeigt. Das ist ein Naturerlebnis, in dem man mal Tiere sieht, die nicht nur in einem Aquarium leben.
Im Bergwerk Kristineberg im schwedischen Västerbotten gibt es eine tief liegende Kapelle für Bergleute. Schon die Fahrt mit dem Auto in die Stollen hat etwas Gespenstisches, weil es feuchtwarm ist. Ich glaube, es dauerte bestimmt eine halbe Stunde, bis wir unten ankamen. An der Wand der Kapelle erhebt sich Christus. Ein Bergmann legte die Figur bei Arbeiten frei. Er beschützt heute die oft gläubigen Arbeiter vor Unfällen. Västerbotten hat aber noch eine Menge mehr zu bieten. Schließlich ist es Urgebiet der Sami und daher sehr geheimnisvoll.
Und der Künstler Gerhard Richter bringt uns die Rotation der Erde nahe. Kürzlich schenkte er der Stadt Münster ein Focaultsches Pendel. Es schwingt jetzt in der Dominikanerkirche an einem Faden und nicht nur ich, sondern auch viele andere Besucher fragen sich, wie es möglich ist, dass die Kugel stets hin und her schwingt. Es gibt aber auch noch viele andere bewundernswerte Werke in Münster, Stadt der Skulpturen, die das irdische Leben schrumpfen lassen.
Wandern in Stadt wie Münster: Netter Vorschlag der Kollegen des in England erscheinenden “Telegraph”: Innerhalb mancher Städten gibt es beachtlich große Parks und öffentliche Plätze. Diese bieten sich auch als Ziele im Urlaub an, zum Wanderurlaub in der Stadt.
In Porto ist es ein hoch über dem Rio Douro liegender großer Park, den man schön von der Altstadt aus erreichen kann. Auf der Strecke liegt eine alte Zitadelle mit einer ebenfalls von Einwohnern in der Freizeit besuchten Parkanlage.
Der Reisende hat auch in seinem Reiseführer “Münster Stadt der Skulpturen” Wanderrouten entwickelt. Integriert ist auch die mehrere Kilometer lange Promenade. Es gibt viel zu entdecken, an dem auch Reiseprofis oft achtlos vorbeilaufen wie an der Fassade des Rathauses zu Münster. Dort befindet sich jedoch vieles, was auf den Charakter der Westfalenmetropole schließen lässt. Die Fassade ist gotisch. Sie entstand mit ihren Bildern und Symbolen für die meist des Lesens nicht mächtigen Bürger zwischen 1350 und 1400. Allerdings wurde das Rathaus im Zweiten Weltkrieg im Oktober 1944 zerstört, aber eben auch später wieder aufgebaut.
Säulenprogramm am Rathaus
So sind an der Mittelsäule die vier Elemente an den Tieren Salamander, Fisch, Vogel und Schlange zu erkennen. Rechts davon sind die vier Jahreszeiten, links die Köpfe der Täufer zu sehen. Bei ihnen befindet sich auch das Wappen der Wiedertäufer. Im aus einem Bogengang mit vier steilen Spitzbögen auf fünf Säulen gestalteten Erdgeschoss werden Anfechtungen und Gefahren des Erdenlebens dargestellt. Diese können die Menschen überwinden, wenn sie an Christus glauben. Daher befindet sich im Giebel das neue Jerusalem als Abbild des Himmels.
Die mittlere Säule im Erdgeschoss stand einst für Christus. Löwe, Panther, Adler und Phönix symbolisieren ihn. Daneben befand sich die Todessäule. Dies ist an einem hustenden Waldgeist zu erkennen. Als das Rathaus erbaut wurde, herrschte in Europa die Pest. Um 1382 suchte sie auch Münster besonders hart heim. Über 8000 Menschen sollen gestorben sein. Das Kapitell der Todessäule zeigte vier verschiedene Masken, die den Tod in Form von Pestkranken darstellte.
Links davon gab es eine Teufelssäule. Zu identifizieren ist sie an den Höllenwesen Basilisk, Sirene, Drache und Kentaur. Doch links von ihr steht eine mit Eichenlaub versehene Säule. Das Laub steht für Festigkeit im Glauben. Die rechte Säule hingegen ist mit Weinlaub bewachsen, das fürs lebendige Wort Gottes steht. Um in den Himmel zu kommen, musste der Mensch jedoch seine Laster überwinden, die auf einem Fries zwischen zwischen Erdgeschoss und Hauptteil der Fassade in Form von Allegorien abgebildet sind. Sehr schön stellt die Überwindung der Laster der portugiesische Renaissance-Dichter Gil Vicente in seinen frisch ins Deutsche übersetzten Dramen “Die Reise der Seele” und “Das Höllenschiff” dar.
Skulpturen an der Fassade
Einst gab es drei Skulpturen im Hauptgeschoss der Fassade: Zentral war Maria mit Jesuskind. Neben ihr der Erzengel Michael, da er den Teufel überwand. An dessen Seite stand Sankt Georg als Helfer in der Not gegen Krankheiten. In ihnen fanden die Menschen des Mittelalters Ansprechpartner. Eine interessante Doppelfigur wurde in der mittleren Achse des Giebels mit König Salomon und Karl dem Großen geschaffen. Salomon steht für Weisheit und Gerechtigkeit, Karl war Gründer der Stadt und des Reiches. Bischof Liudger missionierte um 790 in Karls Auftrag und gründete eine Holzkirche an der Aa. Über dieser Figur ist ein Bildschrein zu erkennen. Sie steht im Reich Gottes. In ihm stehen Maria, ein Engel/Mensch, ein Stier, ein Löwe und ein Adler. Sie stehen für die vier Evangelisten, die das Wort Gottes in die Welt hinaustragen.
Der Engel steht für Matthäus, der von der Geburt Christi berichtet, also von der Menschwerdung Gottes. Der Stier für Lukas, der die Kreuzigung Jesu beschreibt, also die Erlösung des Menschen durch den Opfertod. Marcus ist der Löwe, steht für Auferstehung. Der Adler steht für Johannes, also die Himmelfahrt, und das Jüngste Gericht. Unter dem Baldachin leben Wolf, Lamm, Löwe, Rind und Schlange friedlich zusammen. Daneben befindet sich der Prophet Jesaja. Das Ensemble steht für den Tempelberg des himmlischen Jerusalem, also das neue Gottesreich.
Acht schlanke Säulen krönen das Rathaus. Auf ihnen befinden sich als Wächter ein Hornbläser und ein Ausschau haltender Mann. Daneben wieder der Prophet Jesaja und Moses mit den Gesetzestafeln. Vier Thronengel gesellen sich dazu. Die Wächter bewachten Jerusalems. Die Engel begrüßen die in den Himmel kommenden Menschen. Und heute die Touristen zum Wandern in der Stadt wie Münster.
Figuren auf dem Rathaus zu Münster.
Figuren auf dem Giebel
Fassade des heutigen Rathauses
Giebel des nach dem Krieg wiederaufgebauten Rathauses
Köpfe der Wiedertäufer auf einem Kapitell
Wiederaufbau nach dem Krieg
Am 30. Oktober 1958 erst feierte man nach der Zerstörung durch Bomber der Alliierten dessen Wiederaufbau. Dies war nicht selbstverständlich. Es fehlte das nötige Geld dafür. Einzelne Häuser am ebenfalls zerstörten Prinzipalmarkt standen zwar wieder seit Ende der 1940-er Jahre. Zum Glück hatten die Bürger das wertvolle Inventar des Friedenssaales zuvor gesichert. Dem Verein der Kaufmannschaft ist der Wiederaufbau zu verdanken. So fristet Münster heute nicht die Tristesse Hamms oder Kiels mit breiten Durchgangsstraßen zugunsten des Kraftfahrzeugverkehrs.
Die Kaufleute sammelten Geld über Lotterien. Jedes Los kostete 50 Pfennig. 850 000 Mark kamen zusammen. Den Grundstein legte die Stadt 1950. Der Giebel stand 1954. Der Prinzipalmarkt wurde mit Fahnen geschmückt. Festgottesdienste gab es in St. Lamberti und in der Apostelkirche. Musikalisch gekrönt wurde das Fest mit Beethovens “Freude schöner Götterfunken”.
Auch in vielen anderen Städten befindet sich an Rathäusern und in Kirchen ähnliche Darstellungen, die man beim Wanderurlaub in der Stadt entdecken kann. So auch im Dom zu Münster, den Reisende jetzt mit diesem Wissen gut vorbereitet betreten können. Also dann mal auf zum Wandern in einer Stadt wie Münster.
Wie viele Wildbienen- und Tagfalterarten haben Biologen 2018 bei einer Zählung in einem Landschaftspark, einem Unterlauf eines Baches und auf Grünflächen eines Grabens im Münsteraner Stadtteil Mecklenbeck gefunden?
Wilden Tieren so nah: Gestern besuchte der Reisende den Allwetterzoo in Münster gemeinsam mit Freund Olaf. Besonders die exotischen Vögel sprachen beide sehr an. Denn man kommt ihnen doch recht nahe. Und sie singen schön im Tropenhaus.
Münster kulturell nur Mittelmaß? Johann Conrad Schlaun schuf eine einzigartige Architektur. Künstler können sich in großen Ateliers entfalten, die sie günstig von der Stadt mieten können. Es gibt ein Picasso-Museum, einen der schönsten Dome Deutschlands. Und alle zehn Jahre zieht das Skulptur-Projekt Besucher aus aller Welt an.
Trotzdem ist Münster mehr durch die Krimis Tatort und Wilsberg in aller Munde. Trotzdem schaffen es sogar wenig attraktive Städte wie Stuttgart oder Köln, sich im jährlichen Kulturranking der Städte vor Münster zu platzieren. Selbst das kleine Bonn! Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) und die Privatbank Berenberg haben gerade die 30 größten Städte Deutschlands im Hinblick auf ihr Kulturleben untersucht. Das Ergebnis des Kultur-Städte-Rankings: Stuttgart baut seinen Vorsprung weiter aus und kann sogar schon zum vierten Mal seinen Spitzenplatz als Deutschlands Kulturmetropole Nr. 1 behaupten. Auf den Plätzen folgen Dresden, Berlin und München. Aber Münster und das Ruhrgebiet — Essen war immerhin Schauplatz der Kulturhauptstadt 2010 — landen in der grauen Mitte. Essen belegt hinter Münster sogar nur Platz 17.
Natürlich kann die gute Platzierung Stuttgarts, Dresdens und Münchens etwas mit deren Größe zu tun haben. Es handelt sich um Landeshauptstädte. Aber es hat auch etwas mit dem Gespräch der Bevölkerung über Kunst zu tun. Am vergangenen Samstag besuchte der Reisende Münsters neueste Attraktion — Gerhard Richter spendierte der Stadt ein Focaultsches Pendel. Es schwingt jetzt in der Dominikanerkirche in der Salzstraße. Um die fünfzig Besucher trafen dort innerhalb der 30 Minuten ein, um zu meditieren. Viel zu wenig für eine so schöne Installation ! Am nächsten Tag unterhielt der Reisende sich mit dem befreundeten Fotografen Viktor Gross. Dieser, obwohl Kunst auch deutlich zugetan, war bisher noch nicht einmal dort gewesen. Er wollte aber schon immer mal hingehen.
Münsters Kulturamt planlos?
Überschattet wird Kultur in Münster seit Jahren allerdings durch Streitereien in den Ressorts Bauen und Verkehr: neues Stadion, Neugestaltung des Hafenviertels, verstopfte Straßen. Streit unter den Parteien ist grundsätzlich positiv zu sehen. Doch hier ist er nicht förderlich, indem an dessen Ende ein Plan zu erkennen ist; ein gemeinsames Handeln, um kreative Szenen an der Basis unabhängig vom Parteienwesen schaffen. Verfügt das Kulturamt über keinen Plan?
In Städten wie Aarhus und Umeå ist das anders. Das merkt man alleine beim Lesen der lokalen Presse. Dänen und Schweden lästern und loben. Aber die meisten Gruppierungen in der Stadtgesellschaft finden dann doch zu einem Konsens, den sie dann nach außen gemeinsam vertreten.
Dagegen scheint man es in Münster nicht zu wagen, zu provozieren, nicht einmal, vorsichtig zu beurteilen. Nur zu werben. Auf solch einer rein deskriptiven Ebene bleiben natürlich Impulse aus für die Bevölkerung: damit sie über Kunst spricht. Denn laut Studie mangelt es an der Rezeption von Kultur, nicht aber an der Produktion. Sieht es vielleicht so auch im Ruhrgebiet aus, dass man nicht über Kunst spricht?
In Skandinavien gibt es offenbar einen freieren Geist der Diskussion, einen gemeinsamen Plan. Hingegen gibt es hier oft nicht einmal eine eigene Handschrift, an der Kulturschaffende auf der ganzen Welt wiederzuerkennen wären.
Münster kulturell nur Mittelmaß? Professor antwortet
Quasi darauf, wenn auch spät, antwortet jetzt (15. Mai 2021) Dr. Gerd Blum, Professor an der Kunstakademie Münster. In einem Gespräch mit den Westfälischen Nachrichten meint er, in Schloss, Kathedrale, Gericht, Kaufhäusern, Plätzen, Schul- und Universitätsgebäuden einen Mikrokosmos vorzufinden. Dies treffe auf viele bekannte Mittel- und Großstädte zu. Blum spricht sich für eine Mischung von Konsum, Kultur und Kirche aus, die drei Ks. In Münster werde dies erreicht, was ein Glücksfall sei. Woanders sehe er durch Corona teilweise verrammelte Innenstädte. Aber man könne noch mehr tun wie zum Beispiel auf dem Campus an der Petrikirche. Er verweist auch auf die Strahlkraft der Kunstwerke internationaler Kunstwerke durch die Skulptur-Projekte. Belebt werde eine Stadt nicht durch Wasserspiele oder aufwendig gestaltete Mülleimer.
Blum greift auch die Profanisierung ehemaliger Kirchen auf. Er spricht sich dafür aus, die Denkmäler der Kunst und Kultur, weiterhin kulturell zu nutzen. So geschehe es mit der Installation des Künstlers Gerhard Richter in der Dominikanerkirche. Er halte nichts von gelegentlich stattfindenden Massenveranstaltungen, sondern erwarte ein quantitativ niedrigeres Niveau. So plädiert er dafür, Bildungsstätten und Bibliotheken neu zu bewerten statt auf die Strahlkraft einzelner Events zu setzen. Kultur gehöre in die Innenstadt. Als Beispiel nennt er die Möglichkeit, die städtische Musikschule zu besuchen, dabei in den Park zu gehen und auch Skulpturen im Umfeld des Aasees zu betrachten. Damit spielt er auf Pläne an, den geplanten Musik-Campus in der Peripherie unterzubringen. Dort liegt das Uni-Klinikum. Eine Innenstadt vertrage eventuell keine Satelliten. Vielleicht zeigt Gerd Blum so Wege auf, damit es künftig nicht mehr fragend heißt: Münster kulturell nur Mittelmaß?
Portugal der 1930er Jahre: Gestern konnte der Reisende sein Glück nicht fassen: Auf dem Flohmarkt in Münster fand er in einer Bücherkiste das Buch “Das neue Portugal” von Friedrich Sieburg. Sieburg (1893–1964) war Journalist. Er arbeitete ab 1926 zunächst als Auslandskorrespondent in Frankreich. 1939 ging er in den Diplomatischen Dienst, lebte im Paris des besetzten Frankreichs. Nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb er als Literaturchef für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Schon für die Frankfurter Zeitung hatte er zuvor als Feuilletonist gearbeitet.
Erstmals aufgefallen war er dem Reisenden durch das Buch “Vendée”, 1931 auf Deutsch veröffentlicht. Er fand es ebenfalls auf dem Flohmarkt in Münster, der immer einen Besuch wert ist. Darin arbeitet der Reporter Geschichte und Geographie der französischen Region auf. Historisch bedeutsam wurde sie durch die große Hungersnot und die berühmten Briefe der Landbevölkerung im Vorfeld der Französischen Revolution an die Monarchen. Letztlich war die Hungersnot eine der Ursachen für den Ausbruch der Revolution.
Einblick in Politik und Landleben im Portugal der 1930er Jahre
Im “Neuen Staat” entdeckte der Reisende die in der obigen Diashow präsentierten Fotos aus dem Portugal der 1930er Jahre. Sie geben wertvolle Einblicke in das Leben auf dem Land. Zu sehen sind Weinfässer transportierende Segler, ein Bauer mit Strohumhang und Stab, ein mit einem Auge bemaltes Fischerboot in Aveiro sowie zwei Stierhüter zu Pferde mit Stangen. Schöne Anregungen für die eigene Reisefotografie.
Ein Kapitel räumt Sieburg auch dem Diktator António de Oliveira Salazar ein, den er persönlich besuchte. Daher trägt das Buch den entsprechenden Titel “Neuer Staat”, auf Portugiesisch “Estado Novo”. Salazar interessiert ihn, da Adolf Hitler gerade erst 1933 an die Macht gekommen war. Zum Vergleich kommt es allerdings nicht. Allerdings ist Sieburg umstritten, da er offenbar Sympathie für die Nationalsozialisten hegte. Große Literaten wie Thomas Mann sahen ihn als Verräter an.
So zeigt sich, dass es immer lohnend ist, Bücherkisten zu durchwühlen, wie auf dem Flohmarkt in Münster. Andere schöne Flohmärkte gibt es übrigens mit dem Rastro in Madrid oder einem in Lille in Flandern. So ergeben sich wertvolle Einblicke in fremde Länder leicht, wie in das Portugal der 1930er Jahre. Der eigene Urlaub lässt sich so gut aufarbeiten.
Per Kirkeby Bushaltestelle in Münster nahe Schlossplatz
Leider ist jetzt der bekannte dänische Künstler Per Kirkeby in Kopenhagen gestorben. Er kam vor 80 Jahren auch in Kopenhagen auf die Welt. Der Reisende hat über Kirkeby einige Zeilen im Kulturreiseführer “Münster Stadt der Skulpturen” geschrieben. Denn in der Nähe des Schlosses steht eine seiner Skulpturen. Es handelt sich um eine von ihm geplante und oben auf dem Foto abgebildete Bushaltestelle. Von dort sollten einst nicht nur Schüler des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums befördert werden. Die lang gezogene und 50 Meter lange Mauer sollte sie auch vor vorbei brausendem Verkehr schützen. Bevor sie errichtet wurde, sprangen viele Jugendliche einfach über eine flache Mauer. Da der Reisende dort zur Schule ging, machte er es genauso. Dies konnten aufsichtführende Lehrkörper schlecht kontrollieren konnten. Wie zu sehen ist, ist in die Mauer eine Bushaltestelle integriert. Die Wartehalle misst zehn mal drei Meter.
Heute ist an Stelle der Schule das Germanistische Institut der Universität am Schlossplatz 4 getreten. Es schließt eine ganze Reihe roter Häuser vom Kuhviertel bis zu einer Brücke am Spiekerhof. Nur: An der Haltestelle hält kein Bus mehr.
Teil der bekannten Skulptur Projekte
Auch auf dem Schlossplatz in Münster stehen Werke Kirkebys, die Eingang in “Münster Stadt der Skulpturen” gefunden haben. Alle sind aus rotem Backstein geformt. Dies ist die typische Farbe der modernen Stadt. Viele Gebäude bestehen hier aus rotem Backstein mit weißen Fensterkreuzen. Man hat sie im Rahmen der bekannten Skulptur Projekte zunächst in der Stadt aufgestellt, später gekauft. Tausende von Besuchern aus aller Welt strömen alle zehn Jahre in die Westfalenmetropole, um die Werke international bekannter Künstler zu betrachten.
Empfehlen kann der Reisende für einen weiteren Wochend-Trip oder im Rahmen eines Sommerurlaubs in Dänemark auch einen Besuch des wohl interessantesten Kunstmuseums der Welt. Es steht in Aarhus und heißt ARoS. Dort wiederum sind einige Gemälde Per Kirkebys ausgestellt. Per Kirkeby gestorben, ein Verlust für die Kunstwelt.
Jenny Holzers zweite Steinbank im Skulpturenpark von Pontevedra
Ulrich Rückriems Stele
Jenny Holzers Steinbank im Skulpturenpark von Pontevedra
Kunst in Pontevedra und Münster vereint: Steinbänke mit Aphorismen finden sich in einem Skulpturenpark auf einer Halbinsel am Fluss Lérez. Zum Beispiel steht dort: “Emotionale Reaktionen sind genauso wertvoll wie intellektuelle”. Oder: “Du kannst nicht erwarten, dass das Volk etwas ist, was es nicht ist”.
Solche geistvollen Sprüche kennt der Reisende doch? Wer hat — im Nordwesten Spaniens — am Jakobsweg die Idee der amerikanischen Künstlerin Jenny Holzer “geklaut”? Ähnliche Bänke stehen im Schlosspark der Stadt Münster. Sie thematisieren, wie sinnlos Kriege sind. Dies zeigte sich nicht nur in Vietnam oder auf dem Balkan, sondern erweist sich auch wieder 2021 an Afghanistan. Die Bänke sind aber nicht plagiiert. Der Künstlerin aus Gallipolis in Ohio gelang es demnach, eine spanische Jury vom Wert ihrer Arbeit zu überzeugen. Vielleicht sah sich jemand davor ihre Werke in Münster an. Und dann beschloss man, solche Bänke zu erwerben, damit auch Galicier und ab heute auch Pilger etwas von ihnen haben.
Jenny Holzer und Ulrich Rückriem auch in Spanien vertreten
Zuvor stieß der Reisende auf eine hohe Granitstele. Sie erinnert an “Spardose” von 2017 in der Nähe des Train-Denkmals an der münsterischen Promenade. Wie die Bänke wurde auch diese anlässlich der Skulptur Projekte in Münster aufgestellt. Die Stele in Pontevedra stammt von Ulrich Rückriem aus Düsseldorf. Er produzierte auch “Dolomit zugeschnitten” an der Petrikirche in Münster. Auf dem Camino de Santiago entdeckt der Pilger also ein Stück Heimat. Europa wächst zusammen, nicht nur über die Jakobsmuschel.
Zu beeilen braucht sich niemand, um die Kunstwerke zu sehen. Diese stehen noch länger sowohl in Münster als auch in Pontevedra. Wer mehr über “Münster Stadt der Skulpturen” erfahren möchte, greift am besten nur zum gleichnamigen Buch. Dort lädt der Reisende zu Stadtwanderungen durch Münster zwischen 5 und 13 Kilometern ein. Dabei erfahren Besucher bisher Unentdecktes über Architektur und Kunst.
Kunst in Pontevedra und Münster vereint: Wer weiß, ob nicht bald Gemeinschaftsprojekte zwischen den Städten laufen. Zwischen Kassel und Athen auf der Documenta 14 ist es schon geschehen. Morgen führt die Pilgerreise nach Combarro, angeblich eines der schönsten Fischerdörfer Galiciens.