Karl May lässt grüßen

Peter Ackermann schreibt für die NZZ einen starken Text über eine Safari in Südafrika

Elephants walking in grassland near antelopes and a snake on dirt path in African savannah
Mit KI generiertes Bild

„Observe kniete hin und las schweigend den Sand. Neben ihn traten Brendan, das Gewehr auf dem Rücken, eine Touristin mit ihrer Tochter und ich. Brendan kauerte sich zu ihm und zeigte mit einem Bleistift auf Eindrücke im Boden. Das Tier hat drei Zehen. Der Hinterfuss beginnt hier und bildet dieses W.“ Doch wessen Spur ist hier zu sehen?

Dieser Autor hat offenbar Karl May gelesen. Old Shatterhand, Winnetou und Kara ben Nemsi lesen oft Spuren, um zu erkennen, wer vor ihnen den Weg gegangen ist. Ein Gewehr mit sich zu führen, ist unumgänglich, da das Leben in freier Wildbahn unberechenbar ist. Also durchaus spannend beginnt der Artikel Peter Ackermanns „Die Grammatik des Buschs“ in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 23.4.2026. Der Autor schreibt über eine Safari im südafrikanischen Sabi Sand. Für Spannung sorgte zuvor schon der Lead, dass man zu Fuß die Welt anders lese.

Mit diesem Text setzt sich die Serie der Rezensionen deutschsprachiger Reiseblätter von Durchstreifen & Erleben auch in dieser Woche fort. Diese begann mit Artikeln der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wurde mit Texten der Zeit fortgesetzt. Dann ging es um Highlights der Ostsee in der Welt am Sonntag und eine Woche später um Nachtzüge. Es folgte eine Analyse eines Artikels in der Süddeutschen Zeitung. Vor zwei Wochen stellte die Weltwoche die portugiesische Stadt Olhão in Algarve vor. Mit einem Text über San Sebastián folgte die weitere Analyse von Reisetexten in Schweizer Medien in der vergangenen Woche.

Spur der Wildnis

Ackermann, Ressortleiter Reisen bei der NZZ, lässt sich von zwei Männern führen. Einer von ihnen, Späher Observe, stammt aus Sabi Sand. Seine Familie lebt seit vielen Generationen hier. Der andere ist Ranger und heißt Brendan. Während der Safari nimmt der Autor viele Eindrücke wahr. Zuerst sieht er die Spur eines Nashorns, das W. Die Suche nach dem Nashorn bildet fortan einen roten Faden, ein geschickter Schachzug. Ackermann nennt den Boden der Steppe später zu Recht „ein Archiv, das bewahrt, was nachts passiert”.

Karl May lässt wieder grüßen. Denn ein Löwe brüllt so laut, dass sein Brustkorb erbebt. Kara ben Nemsi nennt den männlichen Löwen den „Herrn mit dem dicken Kopf“. Alle Araber fürchten sich vor ihm. Eine Stärke des Textes wird hier schnell sichtbar. Der Autor erklärt die Entdeckungen, indem er die Führer zitiert. Der Löwe wolle seinem Bruder mitteilen, dass er sich in dessen Revier befinde. Damit befindet sich der Leser, wie schon im Text Langers über die Eiswanderung, auf Augenhöhe mit dem Verfasser. Dieser weiß ja oft selbst nicht mehr als seine Leser, da er selbst ja kein Biologe oder Ranger ist.

Das Nashorn tritt noch nicht auf die Bühne. Stattdessen entdecken die fünf allesamt handelnden Personen die Spur eines Elefanten und sehen auch einen „respekteinflößenden Bullen“ sowie eine Mutter mit zwei Kälbern. Beide halten sich aber auf Abstand. Gefährlich sei solch ein Bulle, weil er nicht aufhöre zu rennen, wenn er jemanden verfolge. Sie sehen auch Impalas, von denen Leser lernen, dass sie alle gleichzeitig gebären, weil Raubtiere nicht alle neugeborenen Tiere auf einmal fressen können. Raffiniert!

Auf der Strecke finden sie die Haut einer Schwarzen Mamba. Leser erfahren, wie oft sie sich häuten. An dieser Stelle lässt der Autor auch die Tochter handeln, die die Haut in die Hand nimmt und befühlt. Zuvor ließ er auch deren Mutter ins Spiel kommen, die über ein KI-gesteuertes Fernglas Vögel bestimmen kann. Humor bleibt auch nicht außen vor. Denn Observe richtet das Fernrohr auf sich, das ihn als Homo sapiens bestimmt.

Nashorn ist nah

Als sie Madenhacker hören, prüft Observe wie die Männer des Wilden Westens den Wind. Denn das Nashorn ist nun nah. Und sie sehen es mit eigenen Augen. Das Tier registriert die Ankömmlinge seinerseits und bleibt ruhig. Zum Abschluss der Führung wird ein Buffet aufgebaut. Erst zum zweiten Mal spricht dann der Autor von sich selbst in Ich-Form. Das ist wohltuend zurückhaltend. Er geht mit einem Satz auf die Sprache Observes ein, die so klinge, als wäre ihr Sprecher ein Fragender.

Obwohl die Analyse mit Arbeit verbunden war, entführte die Lektüre dieses schönen Textes gut eine Stunde in die Ferne. Dazu verhalf die Kenntnis entsprechender Romane. Und es halfen die Erfahrungen, die der Reisende selbst im Bärenland Dalarna in Nordschweden machte. Er besuchte in Orsa nicht nur den mittlerweile leider geschlossenen Bärenpark, sondern auch die Bärenforscher von Björn und Vildmark. In einem anderen Jahr nahm er an einer Bären-Safari in Schweden teil. Er verbrachte eine ganze Nacht in einer Hütte zur Beobachtung. So kann er gut die Spannung Ackermanns nachempfinden, die sich aufbaut, wenn man der Spur der Wildnis folgt.

Festungsstadt Almeida, Portugal

Abonniere den Durchstreifen & Erleben-Newsletter.

Willst Du künftig keine Beiträge über Reise- und Kulturthemen verpassen?

Dann trage hier Deine E-Mail-Adresse ein und freue Dich auf neue Blogbeiträge. Diese landen automatisch und kostenlos in Deinem E-Mail-Postfach.

Wenn Du Dich hier anmeldest, erhältst Du in der Regel maximal zehn Nachrichten pro Monat über neue Blogbeiträge. Dein Postfach wird also nicht üb überlastet.

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

likeheartlaughterwowsadangry
0

Kommentieren

Fehler: Content is protected !!

Create a free account, or log in.

Gain access to read this article, plus limited free content.

Yes! I would like to receive new content and updates.