Menschen in Graz überzeugen

Men­schen in Graz über­zeu­gen: Sophie Wolf­rum, Wis­sen­schaft­le­rin an der TU Mün­chen, beschreibt nun aber die Pri­vat­woh­nung im Essay „Stadt, Soli­da­ri­tät und Tole­ranz“ als Ort der Auto­no­mie und Immu­ni­tät. Hin­aus gehen die Bewoh­ner gezielt, um wohl dosiert sozia­le Kon­tak­te zu pfle­gen. Der sozia­le Pri­vat­raum wer­de zu einem zu ver­tei­di­gen­den Ter­ri­to­ri­um, das vor Kri­mi­na­li­tät oder vor Frem­den abge­schirmt wer­den müs­se. Wird dies aber wirk­lich mit so einer Lauf­bahn erreicht, wäh­rend zugleich in die Woh­nun­gen ein­ge­bro­chen wird? 

Pla­ka­te an den Häu­sern im Jako­mi­ni­vier­tel zei­gen, dass die Men­schen noch über­zeugt und ver­trös­tet wer­den müs­sen: „Ganz ehr­lich. Eine rote Lauf­bahn wäre mir auch ein­ge­fal­len. Groß­ar­tig! Aber die rote Lauf­bahn ist nur eine von vie­len Maß­nah­men, um das Jako­mi­ni­vier­tel lang­fris­tig attrak­ti­ver zu machen. Also her mit den guten Ideen!“ Das im Herbst abge­schlos­se­ne Pro­jekt kos­te­te 80.000 Euro. Es wird von man­chem Gra­zer als her­aus­ge­wor­fe­nes Geld bezeich­net.

Die kul­tu­rel­le Viel­falt wird zwar geför­dert, wenn Krea­ti­ve wie die Restau­ra­to­ren gewon­nen wer­den kön­nen. Damit ein­her­ge­hend wird wohl­ha­ben­de Kund­schaft ange­zo­gen. Zugleich wer­den aber ande­re aus­ge­grenzt wie ärme­re Bevöl­ke­rungs­grup­pen, da die Mie­ten stei­gen. Dies zei­gen die Reak­tio­nen der Befrag­ten. Vor kur­zem wur­de trotz Kri­tik der Anwoh­ner der Alte Hof in der nahen Kol­ping­gas­se abge­ris­sen. Drei Häu­ser in der Jako­mi­ni­stra­ße hat kürz­lich ein Inves­tor gekauft. Die­ser will sie sanie­ren und dann Büros und Woh­nun­gen errichten. 

Zunächst kann die dem fol­gen­de Teue­rung für sozia­len Unfrie­den sor­gen. Des­halb müs­sen die Men­schen in bezahl­ba­re Vier­tel zie­hen. Dies kann zu Ghet­toi­sie­rung und Kon­flik­ten zwi­schen neu­en und alten Bewoh­nern füh­ren. Das Pro­blem wird also ver­la­gert, nicht gelöst. Ist die Lauf­bahn nicht eher rei­nes Pres­ti­ge­ob­jekt? Denn Design ist die Sum­me aus Gebrauchs­ob­jekt und Kunst­werk, aus Funk­tio­nal­äs­the­tik und künst­le­ri­schem Aus­druck. Nur wenn das Ver­hält­nis stimmt, spricht man von gutem Design.

Einst ein Handwerksviertel

„Das Jako­mi­ni­vier­tel war einst ein Hand­werks­vier­tel mit Schus­tern und Schnei­dern. Doch mit den Jah­ren sie­del­ten sich Han­dels­be­trie­be an, die sich jedoch nur schwer hal­ten konn­ten“, erklärt Sabi­ne Pram­mer von Crea­ti­ve Indus­tries of Sty­ria. Mit einem Miet­för­der­mo­dell wol­le man noch mehr Krea­ti­ve anzie­hen. Seit dem Start hät­ten sich über 20 Krea­ti­ve ange­sie­delt. Die­se neh­men zum Teil auch die drei Jah­re lau­fen­de Miet­för­de­rung in Anspruch, die sich „an alle Unter­neh­men und Selbst­stän­di­gen rich­tet, die erwerbs­mä­ßig, das heißt, gezielt mit Gewinn­erzie­lungs-Absicht kul­tu­rel­le Güter und Dienst­leis­tun­gen ent­wi­ckeln, schaf­fen, pro­du­zie­ren, ver­mark­ten und ver­tei­len bezie­hungs­wei­se medi­al verbreiten“.

Der Stadt ent­rückt sind die Gäs­te im Café auf der Murin­sel, der nächs­ten Sta­ti­on in Graz.


likeheartlaugh­terwowsadangry
0

Kann Grazer Design integrieren?

Nach­dem die Stadt in den Rang einer Kul­tur­haupt­stadt erho­ben wur­de, war sie öffent­lich kaum wahr­zu­neh­men. Dann aber hat­te sie sich im Regie­rungs­pro­gramm 2008 vor­ge­nom­men, „den Stel­len­wert der Krea­ti­vi­tät und der Krea­tiv­wirt­schaft noch wei­ter aus­zu­bau­en“. Seit­dem sie Design­stadt ist, muss sie zei­gen, dass sie in der Lage ist, ästhe­ti­sche Pro­duk­te her­zu­stel­len. Eben­so Dienst­leis­tun­gen anzu­bie­ten, die Men­schen und deren Umwelt berei­chern und zur kul­tu­rel­len Viel­falt bei­tra­gen, im Grun­de für die gan­ze Mensch­heit. So wird Design ver­kürzt defi­niert. Aller­dings kann man kri­tisch fra­gen: Kann das Gra­zer Design wirk­lich inner­halb der moder­nen Stadt­ge­sell­schaft integrieren?

Graz-Lendviertel-Designbänke-aus-Holz

Wie erfah­ren Arme und Wohl­ha­ben­de, Sin­gles, Paa­re, Kin­der­lo­se und Fami­li­en ihre Stadt? Kann das zur Schau gestell­te Design Soli­da­ri­tät und Tole­ranz stif­ten? Geht es auf Wün­sche ein, unge­stört von Nach­barn, Ver­kehr, frem­den Geräu­schen und Ein­flüs­sen zu leben? Oder wer­den hier nur klas­si­sche Stadt­räu­me gepflegt, erneu­ert und neu­en Bedürf­nis­sen ange­passt? Somit also ein The­men­park Innen­stadt für aus­ge­wähl­te sozia­le Grup­pen auf­ge­baut und damit das bereits bestehen­de Sozi­al­ge­fü­ge gefes­tigt? Wie steht es also ums Inte­grie­ren in die Gra­zer Stadtgesellschaft?

Fort­set­zung folgt.


likeheartlaugh­terwowsadangry
0