Abend im Grazer Lendviertel

Nach einem Tag Rund­gang bie­tet es sich an, den Abend im Gra­zer Lend­vier­tel zu ver­brin­gen. Dies liegt nah an der Murin­sel. Besu­cher kön­nen sich leicht einem Rund­gang anschlie­ßen, den die jun­gen Krea­ti­ven hier gele­gent­lich anbie­ten. Dabei han­delt es sich um eine Umge­stal­tung des ehe­ma­li­gen Rot­licht­vier­tels. Doch von Ree­per­bahn-Atmo­sphä­re ist nur wenig zu sehen. 

Hier ver­kauft Iris Kast­ner in ihrem Geschäft „kwirl“ Design­ge­gen­stän­de, Geschen­ke und Sou­ve­nirs. 2008 hat sie ihr Geschäft gegrün­det. Gera­de ver­sil­bern sie und eine Mit­ar­bei­te­rin Karp­fen­schup­pen. Die­se will sie am nächs­ten Mor­gen an einem Akti­ons­stand als Glücks­brin­ger ver­kau­fen. „Dies ist ein ost­eu­ro­päi­scher Brauch. Es ist für uns ein klei­ner Anfang, eige­ne Pro­duk­te her­zu­stel­len und zu ver­kau­fen“, erklärt sie. Wer­de die Schup­pe in ein Porte­mon­naie gelegt, gehe dem Besit­zer nie das Geld aus. Doch nicht nur sie stellt eige­nes her. Auch ande­re Desi­gner kön­nen bei ihr Pro­duk­te verkaufen.

End­lich gibt es den im CIS-Maga­zin abge­bil­de­ten Fri­seur­sa­lon Die Haar­schnei­de­rei zu sehen. Bei ihm kamen dem Rei­sen­den Zwei­fel am Kon­zept der Bewer­bung auf. Denn Fri­seur­hand­werk ist im enge­ren Sin­ne kein Design. Kult­sta­tus hat­te bis­lang nur der Bri­te Vidal Sas­so­on. Des­sen Fri­su­ren der Jah­re 1964 bis 1966 schrie­ben ein Stück Gestal­tungs-Geschich­te. Damit war erst­mals ein Fri­seur nicht allein der Star sei­nes Faches. Er war kurz­fris­tig auch ernst zuneh­men­der Prot­ago­nist der gestal­te­risch-künst­le­ri­schen Avantgarde.

Ist Friseurskunst Design?

Fri­seu­re hat­ten es von alters her schwer, ernst genom­men zu wer­den. Und wenn sich die TV-Pro­mi­nenz mit einem Besuch bei Udo Walz schmückt, der einen Salon auf dem Traum­schiff hat, steht Fri­sie­ren im Mit­tel­punkt sowie die Ver­wöh­nung einer liqui­den Kund­schaft. Aber als neue­rungs­wil­lig kann man sie kaum bezeich­nen. Der Salon erin­nert an die 50er Jah­re. Er ist ein­ge­rich­tet mit alten Foto-Por­träts an den Wän­den, einer alten Tisch­lam­pe und einer Pinn­wand. Auf der sind zu einer Col­la­ge ange­ord­ne­te Sei­ten aus alten Mode­ma­ga­zi­nen fixiert. 

Inha­ber Jakob Ess­lin­ger ist selbst ein Kunst­werk: Sei­ne Arme sind täto­wiert. Auf sei­ner Web­site kann sich jeder selbst einen Ein­druck von die­sem Sam­mel­su­ri­um machen. Als Kon­trast dazu ste­chen auf dem Lend­platz ele­gant gestal­te­te Holz­bän­ke neben einem schö­nen Brun­nen ins Auge, mal nicht Lat­ten­holz­bän­ke, die sonst auf der gan­zen Welt zu sehen sind. „Älte­re Men­schen freu­en sich übers war­me Holz“, berich­tet Sabi­ne Pram­mer von Crea­ti­ve Indus­tries of Styria.

Sechs Kilo Maronen am Lagerfeuer beim Abend im Grazer Lendviertel

Nach der Füh­rung durchs Stadt­vier­tel tref­fen sich Krea­ti­ve aus allen Berei­chen mit ande­ren Bewoh­nern. Sie rös­ten auf einem Geh­weg selbst gesam­mel­te sechs Kilo Maro­nen. Am Feu­er wer­den die Ereig­nis­se des Tages bespro­chen. Dabei lau­fen Aus­schnit­te von Live-Kon­zer­ten auf einer Lein­wand. Nach und nach kom­men wei­te­re jun­ge Men­schen hin­zu wie ein Archi­tekt, der nach dem Stu­di­um in Wien in sein Hei­mat­vier­tel zurück­ge­kehrt ist. Hier wird also zwi­schen Pri­va­tem und Öffent­li­chem ver­mit­telt. Die Men­schen tre­ten aus der Pri­vat­heit her­aus. Sie netz­wer­ken nicht nur über Chat­räu­me. Sie fin­den ein­an­der auch in einem öffent­lich zugäng­li­chen Raum, dem Lend­vier­tel.

Der oft erfol­gen­de Rück­griff auf ver­gan­ge­ne Stil­epo­chen, Moden, Lebens­for­men kann Aus­druck eines Wun­sches sein, ver­gan­ge­ne glück­li­che­re Zei­ten wie­der zu erwe­cken, zurück­zu­ho­len. Das Nost­al­gi­sche kann eine Flucht aus der bedrü­cken­den Gegen­wart sein, eine Erschei­nung in Epo­chen gro­ßer Umwäl­zun­gen. Das Zurück­t­räu­men kann zum einen das Aus­hal­ten der Gegen­wart erträg­li­cher machen. Zum ande­ren kann es auch Unge­nü­gen an ihr wach­hal­ten. Es kann zum Erhal­ten befä­hi­gen, aber auch zum Ver­än­dern motivieren. 

Pen­si­o­no­po­lis exis­tiert nicht mehr. Auf dem Grund­riss von Pen­si­o­no­po­lis ist eine leben­di­ge, von viel­fäl­ti­gen Schich­ten und Strö­mun­gen beherrsch­te moder­ne Stadt ent­stan­den. Dies wird in jedem Vier­tel auf sei­ne Wei­se sicht­bar. Der Abend im Lend­vier­tel run­det die­sen Ein­druck ab.


Ende der Serie

Den Anfang fin­dest Du hier.

likeheartlaugh­terwowsadangry
0

Kreative Szene im Jakominiviertel

Krea­ti­ve Sze­ne im Jako­mi­ni­vier­tel: Die nächs­te Sta­ti­on des Rund­gangs ist die krea­ti­ve Sze­ne im Jako­mi­ni­vier­tel, ein Tipp Sabi­ne Pram­mers von der Agen­tur Crea­ti­ve Indus­tries Sty­ria. Vor der Jako­mi­ni­stra­ße regelt ein Poli­zist den Ver­kehr; er ist unzu­frie­den mit der Atmo­sphä­re. Zur­zeit sei es ruhig, aber es lei­de immer wie­der unter Ein­brü­chen und Mes­ser­ste­che­rei­en. An die­sem son­ni­gen Tag wirkt die Stra­ße harm­los und wie eine lan­ge schma­le Gas­se. Durch sie führt eine leuch­tend rote 750 Meter lan­ge Lauf­bahn, eine Art Weg­wei­ser. Auch die Stra­ßen­bahn, die „Bim“, fährt hier an Kunst­lä­den, ori­en­ta­li­schen Deli­ka­tes­sen, „Kera­mik vom Feins­ten“, einem Tee­pa­ra­dies und Cafés vor­bei. Eini­ge die­ser Läden sind vor weni­gen Mona­ten auf­ge­baut wor­den, da die Stadt hier eine krea­ti­ve Sze­ne ansie­deln will. Das Vier­tel steht vor einem Wan­del.

Der ESC-Kunst­ver­ein ist aber schon 14 Jah­re in der Gas­se. Der Ver­ein prä­sen­tiert in klei­nen Aus­stel­lun­gen moder­ne Kunst, manch­mal ver­an­stal­tet er auch Per­for­man­ces. Mit­ar­bei­te­rin Reni Hoff­mül­ler gehört zu denen, die die Pla­nun­gen der Stadt, Graz zu ver­än­dern, kri­tisch sehen, beson­ders bezüg­lich der Bemü­hun­gen, das Bahn­hofs­vier­tel auf­zu­wer­ten. „Wenn zugleich das Jako­mi­ni­vier­tel ver­schö­nert und das Bahn­hofs­vier­tel ver­bes­sert wird, wer­den wir an Zulauf verlieren.“

Neue Restauratorinnen zufrieden

Hin­ge­gen sind die neu zuge­zo­ge­nen Restau­ra­to­rin­nen mit der Situa­ti­on zufrie­den. In ihrer klei­nen Werk­statt restau­rie­ren sie die­ser Tage Bil­der­rah­men, Gemäl­de, Hei­li­gen­fi­gu­ren und eine Weih­nachts­krip­pe. Kir­chen­ge­mein­den und Pri­vat­kun­den ver­ge­ben die Auf­trä­ge. Anfäng­lich habe die Inha­be­rin Eri­ka Thüm­mel Beden­ken gehabt, sagt ihre Ange­stell­te Dr. Hei­de­lin­de Fell, weil es schwie­rig sei, hier zu par­ken. Aber die zen­tra­le Lage, die gute Erreich­bar­keit mit „Bim“ und Bus, habe den Aus­schlag gege­ben, den Stand­ort von der Peri­phe­rie in die Innen­stadt zu ver­le­gen. Hier kämen mehr poten­ti­el­le Kun­den durch. Sie kön­nen beim Bum­meln stän­dig Ver­än­de­run­gen im Schau­fens­ter beob­ach­ten, den Frau­en beim Arbei­ten zuschau­en. Wert­vol­le alte Gegen­stän­de wer­den so erhal­ten. Retro ist beliebt.

Sophie Wolf­rum, Wis­sen­schaft­le­rin an der TU Mün­chen, beschreibt nun aber die Pri­vat­woh­nung im Essay „Stadt, Soli­da­ri­tät und Tole­ranz“ als Ort der Auto­no­mie und Immu­ni­tät.

likeheartlaugh­terwowsadangry
0